„Gewiß,“ sagte ich, „das ist ein ganz berechtigter Wunsch. Suchen Sie nur weiter, während ich versuche, etwas zu schlafen.“
Die Stimme sagte: „Aber ich glaube, Sie sind einsam. Nun, da werde ich mich ein Weilchen zu Ihnen setzen, und wir wollen ein wenig plaudern. Vor Jahren pflegte ich so bei Menschen zu sitzen und mich mit ihnen zu unterhalten. Aber während der letzten fünfunddreißig Jahre habe ich nur auf den Verbrennungsplätzen der Toten im Winde gestöhnt. Ich möchte gern einmal wie in früheren Zeiten mit einem Menschen plaudern.“
Ich fühlte, wie sich jemand ganz dicht bei meinem Vorhang niedersetzte. So ergab ich mich denn in diese Situation und erwiderte mit soviel Herzlichkeit, wie ich aufbringen konnte: „Ja, das wird sehr nett sein. Lassen Sie uns von etwas Lustigem reden.“
„Das Lustigste, was ich kenne, ist meine eigene Lebensgeschichte. Die will ich Ihnen erzählen.“
Die Kirchenuhr schlug die zweite Stunde.
„Als ich noch im Lande der Lebendigen und jung war, fürchtete ich eins wie den Tod selbst, und das war mein Gatte. Was ich fühlte, läßt sich nur mit dem vergleichen, was ein Fisch empfindet, der an einem Angelhaken gefangen ist. Denn es war, als hätte mich ein Fremder mit dem schärfsten aller Haken aus dem friedlich stillen Heim meiner Kindheit gerissen – und ich hatte kein Mittel, ihm zu entrinnen. Mein Gatte starb zwei Monate nach unsrer Heirat, und meine Freunde und Verwandten beklagten mich mit vielem Pathos. Der Vater meines Gatten aber, nachdem er mir lange forschend ins Gesicht geblickt hatte, sagte zu meiner Schwiegermutter: ‚Siehst du nicht, daß sie den bösen Blick hat?‘ – Nun, hören Sie auch zu? Ich hoffe, Sie finden die Geschichte unterhaltend?“
„Sehr unterhaltend“, sagte ich. „Der Anfang ist wirklich äußerst lustig.“
„Lassen Sie mich also fortfahren. Ich war sehr froh, als ich wieder in meines Vaters Haus zurückkam. Die Leute versuchten, es mich nicht merken zu lassen, aber ich wußte wohl, daß ich von der Natur mit einer seltenen, blendenden Schönheit ausgestattet war. Was meinen Sie?“
„Ich glaube es wohl“, murmelte ich. „Aber Sie müssen bedenken, daß ich Sie nie gesehen habe.“
„Was? Sie haben mich nicht gesehen? Und mein Skelett? Hahaha! Nun gut. Ich scherzte nur. Wie kann ich Sie je davon überzeugen, daß jene zwei höhlenartigen Löcher das strahlendste dunkle, schmachtende Augenpaar enthielten? Und daß die grinsenden Zähne, die Sie zu sehen pflegten, nichts ahnen ließen von dem Lächeln, das jene rubinroten Lippen umspielte? Wenn ich nur versuche, Ihnen eine Vorstellung zu geben von der Anmut, dem Reiz, der in der Fülle der Jugend in weichen, wundervoll geschwungenen Linien jene trocknen alten Knochen umwuchs und umblühte, so muß ich lächeln. Aber es macht mich auch zornig. Die hervorragendsten Ärzte meiner Zeit hätten sich nicht träumen lassen, daß meine Knochen dazu gut seien, um Osteologie daran zu lernen. Wissen Sie, daß ein junger Arzt, den ich kannte, mich tatsächlich mit einer goldenen Tschampakblüte verglich? Er meinte, daß die ganze übrige Welt nur der Kelch sei, der die Blüte meiner Schönheit umschloß. Denkt irgend jemand bei dem Skelett an eine Tschampakblüte?