Wenn ich ging, so hatte ich das Gefühl, daß, wie ein Diamant Glanz um sich verbreitet, jede meiner Bewegungen nach allen Seiten Wellen von Schönheit ausstrahlte. Ich konnte stundenlang meine Hände betrachten – Hände, die spielend leicht den unbändigsten aller Männer gezügelt hätten.

Aber jenes starre, starrende alte Gerippe hat falsch Zeugnis von mir abgelegt, während ich unfähig war, die schamlose Verleumdung zurückzuweisen. Darum hasse ich von allen Menschen Sie am meisten! Ich möchte durch ein Traumbild von meiner einstigen lebenswarmen Schönheit auf immer allen Schlaf aus Ihren Augen bannen und mit ihm den ganzen osteologischen Krimskrams, mit dem Ihr Hirn angefüllt ist.“

„Ich könnte bei Ihrem Leibe schwören, wenn Sie ihn noch hätten,“ rief ich aus, „daß auch keine Spur von Osteologie mehr in meinem Kopf ist, und daß das einzige, was ihn jetzt erfüllt, ein strahlendes Bild vollkommener Schönheit ist, das sich leuchtend vom schwarzen Hintergrund der Nacht abhebt. Das ist alles, was ich sagen kann.“

„Ich hatte keine weiblichen Gefährten“, fuhr die Stimme fort. „Mein einziger Bruder war entschlossen, nicht zu heiraten. Im Frauengemach war ich allein. Allein pflegte ich im Garten zu sitzen, im Schatten der Bäume, und zu träumen, daß die ganze Welt in mich verliebt sei; daß die Sterne schlaflos mit durstigen Blicken meine Schönheit tränken, daß der Wind schmachtende Seufzer ausstieße, wenn er unter irgendeinem Vorwande an mir vorbeistrich, und daß der Rasen, auf dem meine Füße ruhten, wenn er Bewußtsein gehabt, es bei ihrer Berührung wieder verloren hätte. Ich träumte, daß alle jungen Männer in der ganzen Welt wie Grashalme zu meinen Füßen lägen; und mein Herz wurde von einer unbestimmten Traurigkeit erfaßt.

Als meines Bruders Freund Schekhar seine medizinischen Studien beendet hatte, wurde er unser Hausarzt. Ich hatte ihn schon oft durch einen Spalt des Vorhangs gesehen. Mein Bruder war ein Sonderling und mochte die Welt nicht mit offenen Augen ansehen. Sie war ihm zu bunt und kraus. Und so rückte er allmählich immer mehr von ihr ab, bis er ganz allein in einer dunklen Ecke saß. Schekhar war sein einziger Freund und daher der einzige junge Mann, den ich je zu sehen bekam. Und wenn ich des Abends im Garten meinen Hof hielt, so war das ganze Heer von eingebildeten Anbetern, die zu meinen Füßen lagen, jeder ein Schekhar. – Hören Sie zu? Woran denken Sie?“

Ich erwiderte mit einem Seufzer: „Ich wünschte eben, ich wäre Schekhar.“

„Warten Sie ein Weilchen. Hören Sie erst die Geschichte zu Ende. Eines Tages, in der Regenzeit, bekam ich Fieber. Der Arzt kam, um nach mir zu sehen. Das war unsre erste Begegnung. Ich lag dem Fenster gegenüber, so daß der rosige Abglanz des Abendhimmels auf mein blasses Antlitz fallen mußte. Als der Doktor eintrat und mich anblickte, versetzte ich mich an seine Stelle und betrachtete mich selbst. Ich sah im herrlichen Abendlicht das zarte blasse Gesicht wie eine welke Blume auf dem weichen, weißen Kissen liegen, während die Locken lose um die Stirn fielen und die schüchtern gesenkten Lider dem ganzen Gesicht einen rührenden Ausdruck gaben.

Der Doktor fragte in zaghaft leisem Tone meinen Bruder: ‚Dürfte ich wohl ihren Puls fühlen?‘

Ich zog ein müdes, schön geformtes Handgelenk unter der Decke hervor. ‚Ach,‘ dachte ich, als ich darauf blickte, ‚könnte ich doch nur ein Saphirarmband daran haben[5].‘ Ich habe nie gesehen, daß ein Doktor sich so ungeschickt anstellte, wenn er den Puls eines Patienten fühlte. Seine Finger zitterten, als sie mein Handgelenk faßten. Er maß mein Fieber und ich seinen Herzschlag. – Glauben Sie mir das nicht?“

„Das glaube ich Ihnen gern,“ sagte ich, „der Herzschlag des Menschen ist verräterisch.“