„Nachdem ich mehrmals erkrankt und wiederhergestellt war, bemerkte ich, daß die Zahl der Höflinge, von denen ich des Abends im Garten träumte, bald auf einen einzigen zusammengeschmolzen war. Und zuletzt bestand meine kleine Welt nur noch aus einem Doktor und einem Patienten.
An solchen Abenden kleidete ich mich heimlich in einen goldgelben Sari, wand um den Knoten, in den ich mein Haar schlang, einen Kranz von weißen Jasminblüten und begab mich, mit einem kleinen Spiegel in der Hand, zu meinem gewohnten Platz unter den Bäumen.
Nun, glauben Sie etwa, daß man es bald müde wird, seine eigene Schönheit anzustaunen? Ach nein! Ich sah mich gar nicht mit meinen eigenen Augen. Ich war damals ein Doppelwesen. Ich sah mich, als ob ich der Doktor wäre; ich starrte mich an, war entzückt, verliebte mich zum Wahnsinn. Aber trotz all der Liebkosungen, mit denen ich mich überhäufte, irrte doch ein Seufzer in meinem Herzen umher, wie der ruhelose Nachtwind.
Jedenfalls war ich von dieser Zeit ab nie mehr allein. Wenn ich ging, beobachtete ich mit gesenkten Lidern das Spiel meiner zarten kleinen Zehen auf der Erde und fragte mich, was der Doktor wohl sagen würde, wenn er es sehen könnte. Am Mittag, wenn die Luft von Sonnenglut erfüllt war und nichts zu hören als hin und wieder der ferne Ruf einer Gabelweihe; wenn draußen an unsrer Gartenmauer der Händler vorüberging mit seinem singenden Ruf: ‚Kauft Ringe, kristallene Ringe!‘, dann breitete ich ein schneeweißes Tuch auf den Rasen und legte mich darauf, den Kopf auf den Arm gestützt. Mit gesuchter Nachlässigkeit ruhte der andere Arm leicht auf dem weichen Tuch, und dann stellte ich mir vor, jemand erblickte mich in dieser wundervollen Pose, ergriffe meine Hand mit beiden Händen ehrfürchtig, drückte einen Kuß auf ihre rosige Fläche und ginge dann langsam fort. – Wie wäre es wenn ich die Geschichte hier enden ließe? Wie würde sie Ihnen gefallen?“
„Das wäre kein schlechter Abschluß“, erwiderte ich nachdenklich. „Sie würde zwar nicht ganz vollständig sein, aber ich könnte ja leicht den Rest der Nacht damit zubringen, sie irgendwie abzurunden.“
„Aber auf diese Weise würde die Geschichte zu ernst. Wo bliebe das Lustige dabei? Und wo bliebe das Skelett mit seinen grinsenden Zähnen?
Lassen Sie mich daher fortfahren. Sobald der Doktor eine kleine Praxis hatte, mietete er im Erdgeschosse unseres Hauses ein Zimmer als Sprechzimmer. Ich befragte ihn damals mitunter im Scherz über Medizinen und Gifte, und wieviel von dieser oder jener Arznei dazu gehören würde, um einen Menschen zu töten. Dieser Gegenstand interessierte ihn, und er wurde beredt. Durch solche Gespräche wurde ich mit dem Gedanken an den Tod vertraut, und so waren Liebe und Tod die beiden Dinge, die meine kleine Welt ausfüllten. – Meine Geschichte ist jetzt bald zu Ende. Es ist nicht viel mehr übrig.“
„Von der Nacht ist auch nicht viel mehr übrig“, murmelte ich.
„Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß der Doktor merkwürdig zerstreut geworden war, und es schien, als ob er mir etwas zu verbergen suchte, dessen er sich schämte. Eines Tages kam er herein. Er war sorgfältiger als gewöhnlich gekleidet und lieh sich meines Bruders Wagen für den Abend.
Ich konnte meine Neugier nicht länger bezwingen und ging hinauf zu meinem Bruder, um zu erfahren, was der Doktor vorhatte. Nachdem ich erst über andere Dinge geredet hatte, fragte ich ihn endlich: ‚Übrigens, Dada[6], wohin will der Doktor heute abend in deinem Wagen?‘