„Die Leute im Dorf sind noch nicht zu Bett“, flüsterte Dschagannath.

Nitai wartete einen Augenblick, dann sagte er wieder: „Jetzt sind sie zu Bett, Großvater, ganz gewiß. Laß uns jetzt gehen!“

Die Nacht rückte vor. Der Schlaf legte sich schwer auf die Lider des armen Jungen, und er mußte gewaltige Anstrengungen machen, um wach zu bleiben. Um Mitternacht ergriff Dschagannath des Knaben Arm und verließ das Haus. Sie tasteten sich durch die dunklen Straßen des schlafenden Dorfes. Kein Laut unterbrach die Stille, nur ab und zu heulte irgendwo ein Hund, und dann stimmten alle Hunde ringsum im Chor ein; oder ein Nachtvogel, der durch den Laut von Menschentritten zu dieser ungewohnten Stunde aufgeschreckt war, flatterte dicht an ihnen vorbei. Nitai zitterte vor Angst und klammerte sich an Dschagannaths Arm.

Sie durchquerten manches Feld, und endlich kamen sie an ein Sumpfdickicht, wo ein verfallener leerer Tempel stand. „Ach, hier ist es!“ rief Nitai enttäuscht. Er hatte sich den Ort ganz anders gedacht. Hierbei war nichts besonders Geheimnisvolles. Wie oft hatte er, seit er von Hause fortgelaufen war, die Nacht in solchem verlassenen Tempel zugebracht. Es war zwar ein ganz guter Ort zum Versteckenspielen, aber es war doch leicht möglich, daß seine Kameraden ihn hier aufstöberten.

Dschagannath trat hinein und hob von der Mitte der Diele eine Steinfliese. Der erstaunte Knabe erblickte einen unterirdischen Raum, in dem eine Lampe brannte. Furcht und Neugierde kämpften in seinem kleinen Herzen. Dschagannath stieg auf einer Leiter hinab, und Nitai folgte ihm.

Als der Knabe sich umsah, sah er rings an den Wänden lauter eherne Krüge. In der Mitte lag ein Gebetteppich ausgebreitet, und davor waren Zinnober, Sandelpaste, Blumen und andere Dinge, die man zur Pudscha[11] brauchte, bereitgelegt. Um seine Neugier zu befriedigen, langte der Knabe in einen der Krüge und nahm etwas von dem Inhalt heraus. Es waren Rupien und Goldmünzen.

Dschagannath wandte sich zu dem Knaben. „Ich habe dir gesagt, Nitai, daß ich dir all mein Geld geben würde. Ich habe nicht viel, diese Krüge sind alles, was ich besitze. Diese will ich dir heute übergeben.“

Der Knabe sprang hoch vor Freude. „Alle?“ rief er. „Du nimmst mir aber auch keine einzige Rupie wieder davon weg, nicht wahr?“

„Wenn ich das tue,“ sagte der alte Mann in feierlichem Ton, „so möge meine Hand aussätzig werden. Aber ich stelle dir eine Bedingung. Wenn jemals mein Enkel, Gokul Tschandra, oder sein Sohn oder sein Enkel oder Urenkel oder irgendeiner seiner Nachkommen des Weges hierher kommen sollte, so mußt du ihm oder ihnen alles bis auf die letzte Rupie übergeben.“

Der Knabe dachte, der Alte rede irre. „Gut“, erwiderte er.