Die Vorsehung hat dafür gesorgt, daß die Kinder sich von der Milch der Mutter nähren. Sie finden ihre Mutter und ihre Nahrung zu gleicher Zeit, und Körper und Seele kommen zugleich zu ihrem Recht. So lernen sie gleich die große Wahrheit, daß die wahre Beziehung des Menschen zur Welt die persönliche Liebe ist und nicht das mechanische Kausalgesetz.
Einleitung und Schluß eines Buches haben ähnlichen Charakter. In beiden wird die Wahrheit als Ganzes vor den Leser hingestellt, ohne daß die Einzelheiten entwickelt werden. Der Unterschied ist nur, daß diese Wahrheit uns in der Einleitung einfach erscheint, weil sie noch nicht analysiert ist, und am Schluß, weil die Analyse vollständig ist. Zwischen beiden entfaltet sich die Wahrheit, hier verwickelt sie sich, stößt sich an Hindernissen und bricht ganz auseinander, um sich endlich in vollkommener Einheit wiederzufinden.
So wird auch dem Menschen gleich beim Eintritt in die Welt der Weisheit letzter Schluß in dieser einfachen Form offenbart. Er wird in eine Welt geboren, die für ihn intensivstes Leben ist, wo er als Einzelwesen die volle Aufmerksamkeit seiner Umgebung in Anspruch nimmt. Wie er heranwächst, geht ihm die naive Sicherheit in der Auffassung der Wirklichkeit verloren, er kann sich in der Kompliziertheit der Dinge nicht mehr zurechtfinden und trennt sich von seiner Umgebung, oft im Geiste des Widerspruchs. Doch wenn so die Einheit der Wahrheit zerbricht und ein hartnäckiger Bürgerkrieg zwischen seiner Persönlichkeit und seiner Umgebung anhebt, so kann Sinn und Ziel doch nicht ewige Zwietracht sein. Um diesen Sinn und den rechten Schluß für sein Leben zu finden, muß er über den Umweg des Zweifels wieder den Weg zur schlichten, vollkommenen Wahrheit finden, zur Einheit mit der Welt durch das Band unendlicher Liebe.
Daher sollte man dem Menschen in seiner Kindheit sein volles Maß vom Trunk des Lebens geben, nach dem ihn so unaufhörlich dürstet. Das junge Gemüt sollte ganz von dem Gefühl durchdrungen werden, daß es hineingeboren ist in eine Menschenwelt, die in Harmonie ist mit der umgebenden Welt. Und dies gerade ist es, was unsere herkömmliche Schule mit überlegener Weisheitsmiene streng und hochmütig übersieht. Sie reißt die Kinder mit Gewalt aus einer Welt, die voll ist von dem geheimnisvollen Wirken Gottes, voll von Hindeutungen auf persönliches Leben. Aus bloßen Gründen der Schulzucht weigert sie sich, das einzelne Kind zu berücksichtigen. Sie ist eine Fabrik, die eigens dazu eingerichtet ist, Waren von möglichst gleichförmigem Schliff herzustellen. Sie zieht eine gerade Linie nach dem Durchschnittsmaß, und dieser Linie folgt sie, wenn sie die Kanäle des Unterrichts gräbt. Aber das Leben hält sich nicht an die gerade Linie, es hat seinen Spaß daran, mit dieser Durchschnittslinie auf- und abzuwippen, und lädt so den Zorn der Schule auf sein Haupt. Denn nach der Auffassung der Schule ist das Leben vollkommen, wenn es sich behandeln läßt, als ob es tot sei, so daß man es nach Belieben symmetrisch zerlegen kann. Das war es, worunter ich litt, als ich zur Schule geschickt wurde. Denn plötzlich entwich meine Welt rings um mich her und machte hölzernen Bänken und geraden Wänden Platz, die mich mit dem leeren Blick des Blinden anstarrten. Der Schulmeister hatte mich nicht geschaffen, das Unterrichtsministerium war nicht zu Rate gezogen, als ich in diese Welt kam. Aber war das ein Grund, das Versehen meines Schöpfers an mir zu rächen?
Doch die Sage lehrt uns ja, daß man nicht im Paradiese bleiben darf, wenn man vom Baum der Erkenntnis ißt. Daher müssen die Kinder der Menschen aus ihrem Paradiese in ein Reich des Todes verbannt werden, in dem der Geist der Uniform herrscht. So mußte mein Geist sich in die enge Hülle der Schule zwängen lassen, die wie die Schuhe der Chinesin meine Natur bei jeder Bewegung überall drückte und quetschte. Ich war glücklich genug, mich ihrer zu entledigen, bevor mein Gefühl ganz abstarb.
Obgleich ich nicht die volle Bußzeit abzudienen brauchte, die die Menschen meines Standes auf sich nehmen müssen, um Zutritt zu der Gesellschaft der Gebildeten zu erlangen, so bin ich doch froh, daß mir ihre Plage nicht ganz erspart blieb. Denn so habe ich an mir selbst das Unrecht erfahren, das die Kinder der Menschen erleiden.
Die Ursache dieses Unrechts ist, daß der Erziehungsplan der Menschen dem Plan Gottes zuwiderläuft. Wie wir unsre Geschäfte betreiben, ist unsre Sache, und daher können wir in unserm Geschäftsbureau schaffen und wirken, wie es unserm besonderen Zweck entspricht. Aber solch ein Geschäftsbetrieb paßt nicht für Gottes Schöpfung. Und die Kinder sind Gottes eigene Schöpfung.
Wir sind in diese Welt gekommen, nicht nur, daß wir sie kennen, sondern daß wir sie bejahen. Macht können wir durch Wissen erlangen, aber zur Vollendung gelangen wir nur durch die Liebe. Die höchste Erziehung ist die, welche sich nicht damit begnügt, uns Kenntnisse zu vermitteln, sondern die unser Leben in Harmonie bringt mit allem Sein. Aber wir finden, daß man diese Erziehung zur Harmonie in den Schulen nicht nur systematisch außer acht läßt, sondern daß man sie konsequent unterdrückt. Von klein auf werden wir so erzogen und unterrichtet, daß wir der Natur entfremdet und unsre innere und äußere Welt in Gegensatz zueinander gestellt werden. So wird die höchste Erziehung, die Gott uns bestimmte, vernachlässigt, und man nimmt uns unsre Welt, um uns dafür einen Sack voll Wissen zu geben. Wir berauben das Kind seiner Erde, um es Erdkunde zu lehren, seiner Sprache, um es Grammatik zu lehren. Es hungert nach Heldengeschichten, aber man gibt ihm nüchterne Tatsachen und Daten. Es wurde in die Menschenwelt geboren, aber es wird in die Welt lebender Grammophone verbannt, um für die Erbsünde, in Unwissenheit geboren zu sein, zu büßen. Die Natur des Kindes lehnt sich mit der ganzen Kraft des Leidens gegen solch Elend auf, bis sie schließlich durch Strafen zum Schweigen gebracht wird.
Wir alle wissen, Kinder lieben den Staub der Erde; Leib und Seele dieser kleinen Geschöpfe dürsten nach Luft und Sonnenschein wie die Blumen. Sie sind immer bereit, den Einladungen zu unmittelbarem Verkehr zu folgen, die fortwährend aus der Welt an ihre Sinne gelangen.
Aber zum Unglück für die Kinder leben ihre Eltern in ihrer eigenen Welt von Gewohnheiten, wie sie ihr Beruf und die gesellschaftliche Tradition mit sich gebracht haben. Das läßt sich in mancher Beziehung nicht ändern. Denn die Menschen sind durch die Verhältnisse und durch das Bedürfnis nach sozialer Gleichförmigkeit gezwungen, sich nach einer bestimmten Richtung hin zu entwickeln.