Aber unsre Kindheit ist die Zeit, wo wir noch frei sind — oder sein sollten — frei von dem Zwang, uns innerhalb der engen Grenzen zu entwickeln, welche berufliche und gesellschaftliche Konventionen aufgerichtet haben.

Ich erinnere mich noch sehr gut, welch unwilliges Erstaunen ein erfahrener Schuldirektor, der den Ruf hatte, vorzügliche Disziplin zu halten, zeigte, als er sah, wie einer meiner Schüler auf einen Baum kletterte, um oben auf der Gabelung eines Astes seine Aufgaben zu lernen. Ich mußte ihm zur Erklärung sagen: die Kindheit ist die einzige Zeit, wo ein zivilisierter Mensch noch die Wahl hat zwischen den Zweigen eines Baumes und einem Wohnzimmerstuhl; sollte ich, weil mir als einem Erwachsenen dies Vorrecht versagt ist, es darum dem Knaben rauben? Überraschend ist es, daß derselbe Direktor ganz damit einverstanden war, daß die Knaben Botanik studierten. Er legt Gewicht auf eine unpersönliche Kenntnis von dem Baume, weil das Wissenschaft ist, aber er hält nichts von einer persönlichen Bekanntschaft mit ihm.

Diese wachsende Erfahrung bildet allmählich den Instinkt, der das Ergebnis der Methode ist, nach welcher die Natur ihre Geschöpfe lehrt. Die Knaben meiner Schule haben eine instinktive Kenntnis von der äußeren Erscheinung des Baumes gewonnen. Durch die leiseste Berührung wissen sie, wo sie auf einem scheinbar ungastlichen Baumstamm Fuß fassen können; sie wissen, wie weit sie sich auf die Zweige wagen dürfen, wie sie ihr Körpergewicht verteilen müssen, um den jungen Ästen nicht zu schwer zu werden. Meine Schüler verstehen es, den Baum auf die bestmögliche Weise zu benutzen, sei es nun, daß sie seine Früchte pflücken, auf seinen Zweigen ausruhen oder sich vor unerwünschten Verfolgern in ihnen verbergen. Ich selbst bin in einem gebildeten städtischen Heim aufgewachsen und habe mich mein ganzes Leben lang so benehmen müssen, als ob ich in einer Welt lebte, in der es keine Bäume gäbe. Daher betrachte ich es als einen Teil meiner Erziehungsaufgabe, meinen Schülern in vollem Maße begreiflich zu machen, daß Bäume in diesem Weltsystem eine wirkliche Tatsache sind, daß sie nicht nur dazu da sind, um Chlorophyll zu erzeugen und die Kohlensäure aus der Luft zu nehmen, sondern daß sie lebendige Wesen sind.

Von Natur sind unsre Fußsohlen so gemacht, daß sie die besten Werkzeuge zum Stehen und Gehen auf der Erde sind. Von dem Tage an, wo wir anfingen, Schuhe zu tragen, setzten wir die Bedeutung unsrer Füße herab. Dadurch, daß wir ihre Verantwortlichkeit verminderten, nahmen wir ihnen ihre Würde, und jetzt lassen sie sich Socken und Pantoffeln von allen Preisen und Formen oder Unformen gefallen. Es ist, als ob wir Gott Vorwürfe machten, daß er uns nicht Hufe gegeben hat, statt der mit schöner Empfindungsfähigkeit ausgestatteten Sohlen.

Ich will gar nicht die Fußbekleidung völlig aus dem Gebrauch der Menschen verbannen. Aber ich möchte doch dafür eintreten, daß man den Fußsohlen der Kinder die Erziehung, die ihnen die Natur kostenlos gibt, nicht vorenthalten soll. Von allen unsern Gliedern sind die Füße am geeignetsten, mit der Erde durch Berührung vertraut zu werden. Denn die Erde hat ihre fein geschwungenen Konturen, die sich nur ihren echten Liebhabern, den Füßen, zum Kusse darbieten.

Ich muß wiederum gestehen, daß ich in einem respektablen Hause aufwuchs, wo meine Füße von klein auf sorgfältig vor der nackten Berührung mit dem Staube gehütet wurden. Wenn ich versuche, es meinen Schülern im Barfußgehen gleichzutun, dann wird es mir schmerzhaft klar, welch dicke Schicht von Unwissenheit in bezug auf die Erde ich unter meinen Füßen trage. Ich suche mit unfehlbarer Sicherheit die Dornen aus, um darauf zu treten, in einer Weise, daß es eine wahre Lust für die Dornen ist. Meinen Füßen fehlt der Instinkt, den Linien zu folgen, die am wenigsten Widerstand bieten. Denn selbst die ebenste Erdfläche hat ihre winzigen Hügel und Täler, die nur fein gebildete Füße spüren. Ich habe mich oft gewundert über das scheinbar zwecklose Zickzack von Wegen, die über vollkommen ebene Felder führten. Und es ist noch unbegreiflicher, wenn man bedenkt, daß ein Fußpfad nicht durch die Laune eines Einzelnen entsteht. Wenn nicht die meisten Fußgänger genau dieselbe Laune hätten, so könnten solche augenscheinlich unzweckmäßigen Steige nicht entstehen. Aber die wahre Ursache liegt in den feinen Eingebungen von seiten der Erde, denen unsre Füße unbewußt folgen. Die, denen solche natürlichen Beziehungen nicht abgeschnitten sind, können die Muskeln ihrer Füße mit großer Schnelligkeit dem geringsten Winke anpassen. So können sie sich gegen das Eindringen von Dornen schützen, selbst wenn sie auf sie treten, und sie können ohne das geringste Unbehagen barfuß über einen Kiesweg gehen. Ich weiß, daß es in der Praxis heutzutage ohne Schuhe, ohne gepflasterte Straßen und ohne Wagen nicht geht. Aber sollte man die Kinder nicht in ihrer Erziehungszeit die Wahrheit erfahren lassen, daß die Welt nicht überall Gesellschaftszimmer ist, daß es so etwas wie Natur gibt, und daß ihre Glieder für den Verkehr mit ihr wunderbar geschaffen sind?

Es gibt Leute, welche glauben, daß ich durch die Einfachheit der Lebensweise, die ich in meiner Schule eingeführt habe, das Ideal der Armut, das das Mittelalter beherrschte, predigen will. Ich kann diesen Gegenstand an dieser Stelle nicht nach allen Seiten erörtern; aber wenn wir ihn vom Standpunkt der Erziehung aus betrachten, müssen wir da nicht zugeben, daß die Armut die Schule ist, in der der Mensch seinen ersten Unterricht und seine beste Erziehung empfängt? Selbst der Sohn eines Millionärs wird in hilfloser Armut geboren und muß die Aufgabe seines Lebens von Anfang an lernen. Er muß gehen lernen wie das ärmste Kind, wenn er auch die Mittel hat, ohne Beine durch die Welt zu kommen. Die Armut bringt uns in die engste Berührung mit dem Leben und der Welt, denn als Reicher leben, heißt meistens durch Stellvertreter leben und infolgedessen in einer Welt von geringerer Wirklichkeit. Dies mag gut sein für unser Vergnügen oder unsren Stolz, aber nicht für unsre Erziehung. Der Reichtum ist ein goldener Käfig, in dem den Kindern der Reichen ihre natürlichen Gaben künstlich ertötet werden. Daher mußte ich in meiner Schule, zum Entsetzen der Leute mit kostspieligen Gewohnheiten, für diese große Lehrmeisterin — diese Dürftigkeit der Ausstattung — sorgen, nicht um der Armut selbst willen, sondern weil sie zu persönlicher Welterfahrung führt.

Mein Vorschlag ist, daß jedem Menschen in seinem Leben ein begrenzter Zeitraum vorbehalten sein müßte, wo er in ursprünglicher Einfachheit das Leben des Naturmenschen lebt. Die geschäftigen Kulturmenschen müssen das ungeborene Kind noch in Frieden lassen. Im Leib der Mutter hat es Muße, die erste Entwicklungsstufe vegetativen Lebens durchzumachen. Aber sobald es geboren ist, ausgerüstet mit allen Instinkten für die nächste Stufe, nämlich für das natürliche Leben, da stürzt sich sofort die Gesellschaft mit ihren kultivierten Gewohnheiten darauf und reißt es aus den offenen Armen von Erde, Wasser und Himmel, von Luft und Sonnenlicht. Zuerst sträubt es sich und weint bitterlich, und dann vergißt es allmählich, daß Gottes ganze Schöpfung sein Erbe ist; dann schließt es seine Fenster, zieht die Vorhänge herab und ist stolz auf das, was es auf Kosten seiner Welt und vielleicht gar seiner Seele angehäuft hat.

Die Welt der Zivilisation mit ihren Konventionen und toten Dingen beherrscht die Mitte des täglichen Lebenslaufs. Anfang und Ende desselben sind nicht ihr Reich. Ihre ungeheure Kompliziertheit und ihre Anstandsregeln haben ihren Nutzen. Aber wenn sie sie als Selbstzweck ansieht und es zur Regel macht, daß dem Menschen kein grünes Fleckchen bleibt, wohin er aus ihrem Gebiet von Rauch und Lärm, von drapierter und dekorierter Korrektheit, fliehen kann, dann leiden die Kinder, und bei der Jugend entsteht Weltmüdigkeit, während das Alter es verlernt, in Frieden und Schönheit alt zu werden, und nichts weiter als verfallene Jugend ist, die sich ihrer Löcher und Flicken schämt.

Es ist jedoch gewiß, daß die Kinder, als sie bereit waren, auf dieser Erde geboren zu werden, kein Verlangen hatten nach einer so eingeengten und verhangenen Welt äußeren Anstands. Wenn sie geahnt hätten, daß sie ihre Augen dem Licht nur öffneten, um sich in der Gewalt des Schulbetriebes zu finden, bis sie die Frische ihres Geistes und die Schärfe ihrer Sinne verloren haben, so würden sie es sich noch einmal überlegt haben, bevor sie sich auf die menschliche Lebensbahn wagten. Gottes Einrichtungen haben nicht die Anmaßung spezieller Einrichtungen. Sie haben immer die Harmonie der Ganzheit und des ununterbrochenen Zusammenhanges mit allen Dingen. Was mich daher in meiner Schulzeit quälte, war die Tatsache, daß die Schule nicht die Vollständigkeit der Welt hatte. Sie war eine besondere Einrichtung für den Unterricht. Sie konnte nur für Erwachsene passen, die sich der besonderen Notwendigkeit solcher Orte bewußt und bereit waren, mit dem Unterricht die Trennung vom Leben in den Kauf zu nehmen. Aber Kinder lieben das Leben, und es ist ihre erste Liebe. Es lockt sie mit all seinen Farben und seiner Bewegung. Und sind wir unsrer Weisheit so sicher, wenn wir diese Liebe ersticken? Kinder werden nicht als Asketen geboren, daß sie geeignet wären, sich sogleich der Mönchszucht zu unterwerfen, indem sie ihr Streben ganz auf den Erwerb von Kenntnissen richten. Ihr erstes Wissen sammeln sie durch ihre Liebe zum Leben, dann entsagen sie dem Leben, um Wissen zu erwerben, und endlich kehren sie mit reicher Weisheit zum volleren Leben zurück.