Aber die Gesellschaft hat ihre eigenen Einrichtungen getroffen, um den Geist der Menschen nach ihrem besonderen Muster zuzustutzen. Diese Einrichtungen sind so dicht gefügt, daß es schwer ist, eine Lücke zu finden, wo die Natur hineinkommen kann. Eine ganze Reihenfolge von Strafen droht dem, der es wagt, gegen irgendeine dieser Einrichtungen zu verstoßen, und gelte es auch sein Seelenheil. Daher heißt, die Wahrheit erkennen, noch nicht, sie praktisch anwenden, da der ganze Strom des herrschenden Systems ihr entgegenläuft. So kam es, daß ich bei der Frage, welche Erziehung ich meinem Sohn geben sollte, in Verlegenheit war, wie ich sie praktisch lösen könnte. Das erste, was ich tat, war, daß ich ihn aus der städtischen Umgebung fortnahm und in ein Dorf brachte, wo er, soweit es heutzutage möglich ist, ein Leben in natürlicher Freiheit leben konnte. Da war ein Fluß, der als gefährlich bekannt war; hier konnte er nach Herzenslust schwimmen und rudern, ohne durch die Ängstlichkeit der Erwachsenen gehindert zu werden. Er verbrachte seine Zeit draußen im Feld und auf den unbetretenen Sandbänken, und niemand stellte ihn zur Rede, wenn er zu spät zum Essen kam. Er besaß keinen von jenen Luxusgegenständen, die Knaben seines Standes sonst haben und von denen man meint, daß sie sie anständigerweise haben müssen. Ich bin sicher, daß die Leute, denen die Gesellschaft die Welt bedeutet, ihn wegen dieser Entbehrungen bemitleideten und seine Eltern tadelten. Aber ich wußte, daß Luxusgegenstände für Knaben eine Last sind, die Last der Gewohnheiten anderer, die Last, die sie um des Stolzes und Vergnügens ihrer Eltern willen tragen müssen.

Doch als Einzelner, mit beschränkten Mitteln, konnte ich meinen Erziehungsplan nur zum Teil ausführen. Immerhin hatte mein Sohn Bewegungsfreiheit; es waren nur sehr wenige von den Schranken geblieben, die der Reichtum und die Gesetze äußeren Anstandes zwischen den Menschen und der Natur aufrichten. So hatte er eine bessere Gelegenheit, diese Welt wirklich kennen zu lernen, als ich sie je gehabt habe. Aber eine Frage beschäftigte mich, die mir wichtiger schien als alles andere. Das Ziel der Erziehung ist nicht, dem Menschen einzelne Kenntnisse zu vermitteln, sondern ihn zur Erkenntnis der Wahrheit als Ganzes zu führen. Früher, als das Leben noch einfach war, da waren all die verschiedenen Elemente des Menschen in vollständiger Harmonie. Aber als das Intellektuelle sich vom Seelischen und Physischen trennte, legte die Schulerziehung den ganzen Nachdruck auf die intellektuelle und physische Seite des Menschen. Wir widmen unsre ganze Aufmerksamkeit der Vermittlung von Kenntnissen und bedenken nicht, daß wir durch diese einseitige Ausbildung des Intellekts einen Bruch herbeiführen zwischen dem intellektuellen, physischen und seelischen Leben des Kindes.

Ich glaube an eine geistige Welt, nicht als etwas, was außerhalb dieser Welt ist, sondern als ihre innerste Wahrheit. Mit jedem Atemzuge müssen wir diese Wahrheit fühlen: daß wir in Gott leben. Als Kinder dieser großen Welt, die erfüllt ist von dem Geheimnis des Unendlichen, können wir unser Dasein nicht als eine flüchtige Laune des Zufalls ansehen, das auf dem Strom der Materie einem ewigen Nichts zutreibt. Wir können unser Leben nicht ansehen als Traumgebilde eines Träumers, für den es nie ein Erwachen gibt. Wir sind als Persönlichkeiten geschaffen, für die Stoff und Kraft nichts bedeuten, wenn sie nicht auf eine unendliche Persönlichkeit bezogen werden, deren Natur wir in gewissem Maße wiederfinden in der menschlichen Liebe, in der Größe des Guten, im Martyrium der Heldenseelen, in der unaussprechlichen Schönheit der Natur, die nicht eine rein physische Tatsache, sondern nur der Ausdruck einer Persönlichkeit sein kann.

Die Erfahrung dieser geistigen Welt, die uns nicht zuteil wird, weil wir von klein auf gewöhnt werden, sie zu übersehen, müssen die Kinder dadurch gewinnen, daß sie ganz darin leben; sie kann ihnen nicht durch theologische Belehrung zugänglich gemacht werden. Aber wie dies geschehen soll, ist heutzutage ein schwieriges Problem. Denn die Menschen haben es fertig gebracht, ihre Zeit so zu besetzen, daß sie gar nicht Muße haben, darüber nachzudenken, wie ihre ganze Tätigkeit nur Bewegung ist, ohne wahren Sinn, und wie heimatlos ihre Seele ist.

In Indien halten wir noch die Überlieferung von den Waldkolonien großer Lehrer in hohen Ehren. Diese Orte waren weder Schulen noch Klöster im heutigen Sinn des Wortes. Sie bestanden aus Heimstätten, wo Männer mit ihrer Familie lebten, deren Ziel war, die Welt in Gott zu sehen und ihr eigenes Leben in ihm zu begreifen. Obgleich sie außerhalb der menschlichen Gesellschaft lebten, so waren sie ihr doch, was die Sonne den Planeten ist, der Mittelpunkt, von dem sie Leben und Licht empfing. Und hier wuchsen die Knaben auf im nahen Anschauen des Ewigen, bevor man sie für geeignet hielt, Haupt einer Familie zu werden.

So war im alten Indien Schule und Leben vereinigt. Da wurden die Schüler nicht in der akademischen Atmosphäre von Gelehrsamkeit und Wissenschaft oder in dem verstümmelten Leben mönchischer Abgeschlossenheit erzogen, sondern in der Atmosphäre lebendigen Wirkens und Strebens. Sie brachten das Vieh auf die Weide, sammelten Brennholz, pflückten Obst, waren gütig zu allen Geschöpfen und nahmen zu an Geist zugleich mit ihren Lehrern. Dies war möglich, weil der Hauptzweck dieser Orte nicht der Unterricht war, sondern denen Zuflucht und Schutz zu bieten, die ein Leben in Gott leben wollten.

Daß diese Überlieferung von dem familienhaften Zusammenleben von Lehrern und Schülern nicht eine bloße romantische Erdichtung ist, sehen wir noch an vereinzelten Schulen, die ein Überbleibsel dieses einheimischen Erziehungssystems sind. Dies System ist, nachdem es Jahrhunderte hindurch seine Unabhängigkeit bewahrt hat, jetzt im Begriff, der bureaukratischen Kontrolle der Fremdherrschaft zu erliegen. Diese catuspāṭhī, wie man auf Sanskrit die Universitäten nennt, haben nicht den Charakter einer Schule. Die Schüler leben im Hause ihres Lehrers wie die Kinder des Hauses, ohne für Wohnung, Kost und Erziehung zu bezahlen. Der Lehrer geht seinen eigenen Studien nach, indem er ein Leben der Einfachheit lebt und seinen Schülern bei ihrem Studium hilft, was er nicht als sein Geschäft betrachtet, sondern als einen Teil seines Lebens.

Dies Ideal einer Erziehung, die darin besteht, daß der Schüler an dem Leben und hohen Streben seines Lehrers teilnimmt, ließ mich nicht los. Die kerkerhafte Enge unsrer Zukunft und die Trostlosigkeit unsrer beschnittenen Möglichkeiten drängten mich nur noch mehr zu seiner Verwirklichung. Die in anderen Ländern mit unbegrenzten Aussichten auf weltlichen Gewinn begünstigt sind, können sich solche Dinge zum Ziel der Erziehung setzen. Der Spielraum ihres Lebens ist mannigfach und weit genug, um ihnen die Freiheit zu gewähren, die sie zur Entfaltung ihrer Kräfte brauchen. Aber wenn wir die Selbstachtung bewahren sollen, die wir uns und unserm Schöpfer schulden, so darf unser Erziehungsziel nicht hinter dem höchsten Ziel des Menschen überhaupt, der größten Vollkommenheit und Freiheit der Seele zurückbleiben. Es ist kläglich, wenn man nach kleinen Gaben irdischen Besitzes haschen muß. Laßt uns nur trachten nach dem Zugang zum Leben, das über alle äußeren Lebenslagen erhaben ist und über den Tod hinausgeht, laßt uns Gott suchen, laßt uns leben für jene endgültige Wahrheit, die uns frei macht von der Knechtschaft des Staubes und uns den wahren Reichtum gibt: nicht Reichtum an toten Dingen, sondern an innerem Licht, nicht an Macht, sondern an Liebe. Solche Befreiung der Seele haben wir in unserm Lande gefunden bei Menschen, denen jede Bücherweisheit fehlte und die in vollständiger Armut lebten. Wir haben in Indien das Erbe dieses Schatzes geistiger Weisheit. Laßt das Ziel unsrer Erziehung sein, es vor uns auszubreiten und die Kraft zu gewinnen, im Leben den rechten Gebrauch davon zu machen, auf daß wir es einst, wenn die Zeit kommt, der übrigen Welt darbieten als unsern Beitrag zu ihrem ewigen Heil.

Ich war ganz in meine literarische Tätigkeit vertieft, als dieser Gedanke mich mit schmerzhafter Heftigkeit packte. Ich hatte plötzlich ein Gefühl wie jemand, der unter einem Alpdruck stöhnt. Nicht nur meine eigene Seele, sondern die Seele meines Landes schien in mir nach Atem zu ringen. Ich fühlte klar, daß das, was uns not tut, nicht materieller Art ist, nicht Reichtum, Behagen oder Macht, sondern ein Erwachen zum vollen Bewußtsein unsrer seelischen Freiheit, der Freiheit, ein Leben in Gott zu führen, wo wir nicht in Feindschaft leben mit denen, die nicht anders können als kämpfen, und nicht im Wettbewerb mit denen, deren einziges Ziel Geldgewinn ist, wo wir vor allen Angriffen und Schmähungen sicher sind.

Zum Glück hatte ich schon einen Platz bereit, wo ich meine Arbeit beginnen konnte. Mein Vater hatte auf einer seiner zahlreichen Reisen sich diesen einsamen Ort erwählt, der ihm geeignet schien zu einem Leben stiller Gemeinschaft mit Gott. Diesen Ort hatte er mit allem, was zum Lebensunterhalt nötig war, denen gestiftet, die Ruhe und Abgeschlossenheit für religiöse Übungen und Betrachtungen suchten. Ich hatte etwa zehn Knaben bei mir, als ich dorthin ging, und begann mein neues Leben ohne irgendwelche frühere Erfahrung.