Da ich hiervon überzeugt bin, habe ich alles, was ich konnte, getan, um in unsrer Einsiedelei eine geistige Atmosphäre zu schaffen. Ich mache Lieder, aber ich mache sie nicht eigens für die Jugend zurecht. Es sind Lieder, die ein Dichter sich zu seiner eigenen Freude singt. So sind die meisten meiner Gitanjali-Lieder hier entstanden. Diese Lieder singe ich, so wie sie mir erblühen, den Knaben vor, und sie kommen scharenweise, um sie zu lernen. Sie singen sie in ihren Mußestunden, in Gruppen unter freiem Himmel sitzend, in Mondscheinnächten oder im Schatten der drohenden Juliwolken. Alle meine späteren Dramen sind hier entstanden und unter Teilnahme der Knaben aufgeführt. Ich habe ihnen lyrische Dramen für ihre Jahresfeste geschrieben. Sie dürfen immer dabei sein, wenn ich den Lehrern irgend etwas von meinen neuen Sachen in Prosa oder Versen vorlese, welchen Inhalts es auch sei. Und von dieser Erlaubnis machen sie Gebrauch, ohne daß der geringste Druck auf sie ausgeübt wird, ja, sie sind sehr traurig, wenn sie nicht aufgefordert werden. Einige Wochen vor meiner Abreise von Indien las ich ihnen Brownings Drama „Luria“ und übertrug es, während ich las, ins Bengalische. Es nahm zwei Abende in Anspruch, aber die zweite Versammlung war ebenso zahlreich wie die erste. Wer gesehen hat, wie diese Knaben ihre Rollen spielen, ist überrascht, wie stark sie als Schauspieler wirken. Das kommt daher, weil sie nie eigentlichen Unterricht in dieser Kunst gehabt haben. Sie erfassen instinktiv den Geist der Dichtung, obgleich diese Dramen keine bloßen Schuldramen sind und ein feines Verständnis und Mitempfinden erfordern. Bei aller Ängstlichkeit und überkritischen Empfindlichkeit, die ein Dichter der Aufführung seines Stückes gegenüber hat, war ich nie enttäuscht von meinen Schülern, und ich habe selten einem Lehrer erlaubt, die Knaben in ihrer eigenen Darstellung der Charaktere zu stören. Häufig schreiben sie selbst Stücke oder improvisieren sie, und dann werden wir zu der Aufführung eingeladen. Sie haben ihre literarischen Vereine und haben mindestens drei illustrierte Zeitschriften, die von drei Gruppen der Schule geleitet werden. Die interessanteste dieser Zeitschriften ist die der „Kleinen“. Eine ganze Anzahl unsrer Schüler haben ein beachtenswertes Talent für Zeichnen und Malerei gezeigt. Wir entwickeln dies Talent nicht mit Hilfe der alten, hier in den Schulen noch immer üblichen Kopiermethode, sondern lassen die Schüler ihrer eigenen Neigung folgen und helfen ihnen nur dadurch, daß wir hin und wieder Künstler zu uns einladen, die die Knaben durch ihre eigenen Arbeiten anregen und begeistern.
Als ich meine Schule anfing, zeigten die Knaben keine besondere Liebe zur Musik. Daher stellte ich zuerst noch keinen Musiklehrer an und zwang die Knaben nicht, Musikstunden zu nehmen. Ich sorgte nur für Gelegenheiten, wo die, die für diese Kunst begabt waren, sie üben und zeigen konnten. Dies hatte die Wirkung, daß das Ohr der Knaben sich unbewußt übte. Und als nach und nach die meisten von ihnen große Neigung und Liebe zur Musik zeigten und ich sah, daß sie bereit sein würden, regelrechten Unterricht darin zu nehmen, berief ich einen Musiklehrer.
In unsrer Schule stehen die Knaben des Morgens sehr früh auf, bisweilen vor Tagesanbruch. Sie besorgen selbst das Wasser für ihr Bad. Sie machen ihre Betten. Sie tun alle die Dinge, die den Geist der Selbsthilfe in ihnen entwickeln.
Ich glaube an den Wert regelmäßiger religiöser Betrachtung, und ich setze morgens und abends eine Viertelstunde dafür an. Ich halte darauf, daß diese Zeit innegehalten wird, ohne jedoch von den Knaben zu erwarten, daß sie so tun, als ob sie in religiöse Betrachtungen versenkt wären. Aber ich verlange, daß sie still sind, daß sie Selbstbeherrschung üben, wenn sie auch, statt an Gott zu denken, die Eichhörnchen beobachten, die die Bäume hinauflaufen.
Jede Schilderung solcher Schule kann nicht anders als unzulänglich sein. Denn das Wichtigste von ihr ist ihre Atmosphäre und die Tatsache, daß es keine Schule ist, die den Knaben von autokratischen Behörden aufgezwungen ist, in der sie ihr eigenes Leben leben sollen. Sie nehmen teil an der Schulverwaltung, und in Straffällen verlassen wir uns meistens auf ihren eigenen Gerichtshof.
Zum Schluß möchte ich meine Zuhörer warnen, ein falsches oder übertriebenes Bild von dieser Einsiedelei mit nach Hause zu nehmen. Wenn man so seine Ideen vorträgt, so erscheinen sie ganz einfach und vollkommen. Aber ihre Verkörperung in der Wirklichkeit ist nicht so klar und vollkommen, weil das Material lebendig und mannigfach und immer wechselnd ist. Es treten uns Hindernisse entgegen sowohl in der menschlichen Natur wie in den äußeren Umständen. Einige von uns vergessen nur zu leicht, daß die Geister der Knaben lebendige Organismen sind, und andere sind von Natur geneigt, das Gute mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Die Knaben ihrerseits sind nicht alle in gleichem Maße empfänglich, und so haben wir manchen Mißerfolg zu verzeichnen. Vergehen treten unerwartet auf, die uns an der wirkenden Kraft unsrer Ideale zweifeln lassen. Es kommen trübe Zeiten, voll von Rückschlägen und Zweifeln. Aber dies Schwanken und diese Konflikte gehören nun einmal zum wahren Bilde des wirklichen Lebens. Lebendige Ideale können nicht als Uhrwerk aufgezogen werden, das nun jede Sekunde genau angibt. Und wer den festen Glauben an ein Ideal hat, muß die Wahrheit desselben dadurch beweisen, daß er sich durch die niemals ausbleibenden Widerstände und Mißerfolge nicht vom Wege abbringen läßt. Ich für mein Teil halte mehr von dem Prinzip des Lebens, von der Seele des Menschen, als von Methoden. Ich glaube, daß das Ziel der Erziehung die sittliche Freiheit ist, die nur auf dem Wege der Freiheit erreicht werden kann, obgleich die Freiheit ihre Gefahren und ihre Verantwortung hat, wie das Leben überhaupt sie hat. Ich weiß gewiß, wenn auch die meisten Menschen es vergessen zu haben scheinen, daß Kinder lebendige Wesen sind, lebendiger als Erwachsene, die schon in einer Rinde von Gewohnheiten stecken. Daher ist es für ihre geistige Gesundheit und Entwicklung unbedingt nötig, daß man sie nicht in Schulen steckt, deren einziger Zweck der Unterricht ist, sondern daß sie in einer Welt leben, deren leitender Geist die persönliche Liebe ist. Solch eine Welt ist die Einsiedelei, der āśrama, wo die Menschen sich im Frieden der Natur zu dem höchsten Lebensziel vereint haben; wo sie sich nicht nur frommen Betrachtungen hingeben, sondern auch mit offenen Augen in die Welt schauen und tätig wirkend in ihr schaffen; wo man den Schülern nicht unausgesetzt den Glauben beibringt, daß die Selbstvergötterung der Nation das höchste Ideal für sie ist; wo sie begreifen lernen, daß diese Menschenwelt Gottes Königreich ist, dessen Bürger zu werden sie streben sollen; wo Sonnenauf- und -untergang und die stille Herrlichkeit der Sterne nicht täglich unbeachtet bleiben; wo der Mensch freudig teilnimmt an den Festen, die die Natur mit ihren Blüten und Früchten feiert, und wo jung und alt, Lehrer und Schüler sich an denselben Tisch setzen und das tägliche Brot wie das Brot des Lebens miteinander teilen.