Im gegenwärtigen Stadium der Geschichte ist die Kultur fast ausschließlich männlich; es ist eine Kultur der Macht, welche die Frau abseits in den Schatten gedrängt hat. Daher hat diese Kultur ihr Gleichgewicht verloren und taumelt nur von einem Krieg zum anderen. Ihre Triebkräfte sind zerstörender Art, und ihr Kultus fordert eine erschreckende Zahl von Menschenopfern. Diese einseitige Kultur stürzt eben wegen ihrer Einseitigkeit mit ungeheurer Schnelligkeit von Katastrophe zu Katastrophe. Und endlich ist die Zeit gekommen, wo die Frau eingreifen und diesem rücksichtslosen Lauf der Macht ihren Lebensrhythmus mitteilen muß.
Denn die Aufgabe der Frau ist die passive Aufgabe, die der Erdboden hat, der nicht nur dem Baum hilft, daß er wachsen kann, sondern auch sein Wachstum in Schranken hält. Der Baum muß die Freiheit haben, sich ins Leben hineinzuwagen und seine Zweige nach allen Seiten auszubreiten, aber all seine tieferen Bande werden vom mütterlichen Boden geborgen und festgehalten, und nur dadurch kann der Baum leben. Unsre Kultur muß auch ihr passives Element haben, auf dem sie tief und fest gegründet steht. Sie muß nicht bloßes Wachstum, sondern harmonische Entfaltung sein. Sie muß nicht nur ihre Melodie, sondern auch ihren Takt haben. Dieser Takt ist keine Schranke, er ist das, was die Ufer dem Fluß sind: sie geben seinen Wassern, die sich sonst im Morast verlieren würden, dauernden Lauf. Dieser Takt ist Rhythmus, ein Rhythmus, der die Bewegung der Welt nicht hemmt, sondern sie zu Wahrheit und Schönheit rundet.
Die Frau ist in weit höherem Maße mit den passiven Eigenschaften der Keuschheit, Bescheidenheit, Hingebung und Opferfähigkeit begabt als der Mann. Die passiven Eigenschaften der Natur sind es, die ihre ungeheuren Riesenkräfte zu vollendeten Schöpfungen der Schönheit umwandeln, — die die wilden Elemente zähmen, daß sie mit zarter Fürsorge dem Leben dienen. Diese passiven Eigenschaften haben der Frau jene große und tiefe Seelenruhe gegeben, die so nötig ist, um das Leben zu heilen, zu nähren und zu hegen. Wenn das Leben sich nur immerfort ausgäbe, so wäre es wie eine Rakete, die in einem Blitzstrahl aufsteigt und im nächsten Augenblick als Asche niederfällt. Das Leben aber soll einer Lampe gleichen, die noch weit mehr Leuchtkraft in sich birgt, als ihre Flamme zeigt. Und die passive Natur der Frau ist es, in der dieser Vorrat von Lebenskraft aufgespeichert ist.
Ich habe an einer anderen Stelle gesagt, daß man bei der Frau des Westens eine gewisse Ruhelosigkeit beobachtet, die nicht ihrer wahren Natur entsprechen kann. Denn Frauen, die besonderer und gewaltsamer Anregung in ihrer Umgebung bedürfen, um ihre Interessen wachzuhalten, beweisen nur, daß sie die Berührung mit ihrer eigenen, wahren Welt verloren haben. Offenbar gibt es im Westen eine große Anzahl von Frauen, die, ebenso wie die Männer, alles, was gewöhnlich und alltäglich ist, verachten. Sie sind immer darauf aus, etwas Außergewöhnliches zu finden, und strengen alle ihre Kräfte an, eine unechte Originalität hervorzubringen, die, wenn sie auch nicht befriedigt, doch überrascht. Aber solche Anstrengungen sind nicht das Zeichen wahrer Lebenskraft. Und sie müssen den Frauen verderblicher sein als den Männern, weil die Frauen mehr als die Männer die Träger der Lebenskräfte sind. Sie sind die Mütter des Menschengeschlechts, und sie haben ein lebendiges Interesse an den Dingen, die sie umgeben, eben an den Dingen des alltäglichen Lebens; wenn sie dies Interesse nicht hätten, müßte die Menschheit untergehen.
Wenn sie dadurch, daß sie beständig Anregung von außen suchen, einer Art geistiger Trunksucht verfallen, so daß sie ohne ihre tägliche Dosis sensationeller Erregung nicht mehr auskommen können, so verlieren sie das feine Empfinden, das sie von Natur haben, und mit ihm die schönste Blüte ihrer Weiblichkeit, und zugleich die Kraft, die Menschheit mit dem zu versehen, was sie am nötigsten braucht.
Des Mannes Interesse für seine Mitmenschen wird erst wirklich ernst, wenn er sieht, daß sie besondere Fähigkeiten besitzen oder von besonderem Nutzen sein können, aber eine Frau fühlt Interesse für ihre Mitmenschen, weil sie lebendige Geschöpfe, weil sie Menschen sind, nicht weil sie einem besonderen Zweck dienen können oder weil sie eine Fähigkeit haben, die sie besonders bewundert. Und weil die Frau diese Gabe hat, übt sie solchen Zauber auf unsre Seele aus; die überschwängliche Fülle ihres Lebensinteresses ist so anziehend, daß sie allem an ihr, ihrer Rede, ihrem Lachen, ihrer Bewegung, Anmut verleiht; denn Anmut fließt aus dieser Harmonie mit dem Leben, das uns umgibt.
Zum Glück für uns hat unsre Alltagswelt die feine und unaufdringliche Schönheit des Alltäglichen, und wir brauchen nur unser eigenes Empfinden offen zu halten, um seine Wunder zu begreifen, die nicht in die Augen fallen, weil sie geistiger Art sind. Wenn wir durch den äußeren Vorhang hindurchblicken, so finden wir, daß die Welt in ihren alltäglichen Erscheinungen ein Wunder ist.
Wir erfassen diese Wahrheit unmittelbar durch die Gabe der Liebe, und die Frauen erkennen durch diese Gabe, daß der Gegenstand ihrer Liebe und Zuneigung trotz seiner zerlumpten Hülle und scheinbaren Alltäglichkeit unendlichen Wert hat. Wenn die Frauen die Teilnahme am Alltäglichen verloren haben, dann schreckt die Muße sie mit ihrer Leerheit, weil, nachdem ihr natürliches Empfinden abgestumpft ist, sie nichts mehr in ihrer Umgebung finden, das ihre Aufmerksamkeit beschäftigt. Daher schwirren sie von einer Tätigkeit zur anderen, nur um die Zeit auszufüllen, nicht um sie zu nützen. Unsre alltägliche Welt ist wie eine Rohrflöte, ihr wahrer Wert liegt nicht in ihr selber, sondern in der Musik, die der Unendliche durch ihr leeres Innere ertönen läßt, und die alle die vernehmen, welche die Gabe und die Ruhe des Gemüts haben, auf sie zu hören. Aber wenn die Frauen sich gewöhnen, jedes Ding nach dem Wert einzuschätzen, den es für sie selbst hat, dann können wir darauf gefaßt sein, daß sie wütend gegen unsern Geist Sturm laufen, um unsre Seele von der stillen Begegnung mit dem Ewigen fortzulocken und uns dahin zu bringen, daß wir versuchen, die Stimme des Unendlichen durch den sinnlosen Lärm rastloser Geschäftigkeit zu übertäuben.
Ich will damit nicht sagen, daß das häusliche Leben das einzige Leben für eine Frau sei. Ich meine, daß die Welt des Menschlichen die Welt der Frau ist, sei es die häusliche Welt oder sei es draußen im Leben, solange nur ihre Betätigung dort dem Menschen gewidmet ist, und nicht abstraktes Streben nach Organisation.
Alles rein Persönliche und Menschliche ist das Gebiet der Frau. Die häusliche Welt ist die Welt, wo jedes Individuum nach seinem eigenen Wert geschätzt wird; hier gilt nicht der Marktwert, sondern der Wert, den die Liebe gibt, das heißt der Wert, den Gott in seiner unendlichen Gnade allen seinen Geschöpfen beilegt. Diese häusliche Welt hat Gott der Frau zu eigen gegeben. Sie kann die Strahlen ihrer Liebe nach allen Seiten weit über ihre Grenzen hinaus leuchten lassen, ja, sie kann selbst aus dieser ihrer Welt hinaustreten, wenn der Ruf an sie ergeht, daß sie als Weib sich draußen bewähre. Aber eins ist gewiß, und diese Wahrheit darf sie nie vergessen: im Augenblick, wo sie geboren ist und die Mutterarme sie zuerst umschließen, da ist sie im Mittelpunkt ihrer eigenen, wahren Welt, in der Welt rein menschlicher Beziehungen.