Die Frau sollte ihre Gabe gebrauchen, durch die Oberfläche hindurch ans Herz der Dinge zu gelangen, wo in dem Geheimnis des Lebens ein unendlicher Reiz verborgen liegt. Der Mann hat diese Gabe nicht in dem Maße. Aber die Frau hat sie, wenn sie sie nicht in sich ertötet, — und daher liebt sie die Geschöpfe, die nicht wegen ihrer hervorragenden Eigenschaften liebenswert sind. Der Mann hat seine Pflichten in seiner eigenen Welt, wo er beständig Macht und Reichtum und Organisationen aller Arten schafft. Aber Gott hat die Frau gesandt, daß sie die Welt liebe. Und diese Welt ist eine Welt alltäglicher Dinge und Begebenheiten, keine Märchenwelt, wo die schöne Frau Jahrhunderte schläft, bis sie von dem Zauberstab berührt wird. In Gottes Welt haben die Frauen überall ihren Zauberstab, der ihr Herz wach hält — und dies ist weder der goldene Zauberstab des Reichtums, noch das eiserne Zepter der Macht.
Alle unsre geistigen Führer haben den unendlichen Wert des Individuums verkündet. Der überhandnehmende Materialismus der heutigen Zeit ist es, der die einzelnen den blutdürstigen Götzen der Organisation erbarmungslos opfert. Als die Religion materialistisch war, als die Menschen ihren Göttern dienten, weil sie ihre Tücke fürchteten oder dadurch Reichtum und Macht zu erlangen hofften, da war ihr Kultus grausam und forderte Opfer ohne Zahl. Aber mit der Entwicklung unsres geistigen Lebens wurde unser Gottesdienst der Gottesdienst der Liebe.
In dem gegenwärtigen Stadium der Kultur, wo die Verstümmelung von Individuen nicht nur geübt, sondern verherrlicht wird, schämen die Frauen sich ihres weiblichen Gefühls. Denn Gott hat sie mit seinem Evangelium der Liebe gesandt als Schutzengel der einzelnen, und in diesem ihrem göttlichen Beruf bedeuten ihnen die einzelnen mehr als Heer und Flotte und Parlament, mehr als Kaufhäuser und Fabriken. Sie haben hier ihren Dienst in Gottes eigenem Tempel der Wirklichkeit, wo Liebe mehr gilt als Macht.
Aber weil die Männer in ihrem Stolz auf Macht angefangen haben, lebendige Dinge und menschliche Beziehungen zu verspotten, so schreien eine große Anzahl von Frauen sich heiser, um zu beweisen, daß sie nicht Frauen sind, daß sie ihrem wahren Wesen treu sind, wenn sie Macht und Organisation vertreten. Sie fühlen sich heutzutage in ihrem Stolz verletzt, wenn man in ihnen nur die Mütter der Menschheit sieht, die ihren einfachen Lebensbedürfnissen und ihrem tieferen seelischen Bedürfnis nach Mitgefühl und Liebe dienen.
Weil die Männer mit salbungsvoller Frömmigkeit den Dienst ihrer selbstgefertigten Götzenbilder: Staat, Nation usw., predigen, zerbrechen die Frauen beschämt den Altar ihres wahren Gottes, der vergebens auf ihr Opfer dienender Liebe wartet.
Schon lange sind unterhalb der festen Rinde der Gesellschaft, auf die die Welt der Frau gegründet ist, Wandlungen vor sich gegangen. Neuerdings ist die Kultur mit Hilfe der Wissenschaft in wachsendem Maße männlich geworden, so daß man sich um das Wesen und die Eigenart der einzelnen immer weniger kümmert. Die Organisation greift über auf das Gebiet persönlicher Beziehungen, und das Gefühl muß dem Gesetz weichen. Es hat von männlichen Idealen geleitete Gemeinschaften gegeben, in denen der Kindesmord herrschte, der grausam das weibliche Element der Bevölkerung soweit wie möglich niederhielt. Dasselbe, nur in anderer Form, geschieht in der modernen Kultur. In ihrer zügellosen Gier nach Macht und Reichtum hat sie die Frau fast ganz aus ihrer Welt gedrängt, und das Heim muß von Tag zu Tag immer mehr dem Geschäftszimmer Platz machen. Sie beansprucht die ganze Welt für sich und läßt der Frau fast keinen Raum mehr. Sie schädigt sie nicht nur, sondern verhöhnt sie.
Aber der Mann kann durch seinen Machtwillen die Frau nicht ein für allemal zum bloßen Zierstück herabwürdigen. Denn sie ist der Kultur nicht weniger notwendig als er, vielleicht mehr. In der Entwicklungsgeschichte der Erde sind große verheerende Umwälzungen über sie hingegangen, als die Erde noch nicht die lockere Weichheit ihrer Reifezeit erreicht hatte, die allen gewaltsamen Kraftentfaltungen Trotz bietet. Und auch die Kultur des materiellen Wettbewerbs und des Kampfes der Kräfte muß einem Zeitalter der Vollkommenheit weichen, dessen Kraft tief in Güte und Schönheit wurzelt. Zu lange schon steht der Ehrgeiz am Steuer unsrer Geschichte, so daß der einzelne sein Recht erst jedesmal den Machthabern mit Gewalt entwinden und die Hilfe des Bösen in Anspruch nehmen muß, um das zu erlangen, was gut für ihn ist. Aber solche Zustände können immer nur eine Zeitlang dauern, denn die Saat, die die Gewalt ausgestreut hat, liegt wartend und heimlich wachsend in den Rissen und Spalten und bereitet im Dunkel den Zusammenbruch vor, der hereinbricht, wenn man es am wenigsten erwartet.
Obgleich daher in dem gegenwärtigen Stadium der Geschichte der Mann seine männliche Überlegenheit behauptet und seine Kultur mit Steinblöcken aufbaut, ohne sich um das Prinzip des wachsenden Lebens zu kümmern, so kann er doch die Natur der Frau nicht ganz in Staub zermalmen oder in totes Baumaterial umwandeln. Man kann wohl der Frau ihr Heim zertrümmern, aber sie selbst, ihre Art, kann man nicht töten. Was die Frau zu erlangen sucht, ist nicht nur die Freiheit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie dem Mann die Alleinherrschaft im Erwerbsleben zu entreißen sucht, sondern sie kämpft auch gegen seine Alleinherrschaft auf dem Gebiete der Kultur, wo er ihr täglich das Herz bricht und ihr Leben verödet. Sie muß das verlorene soziale Gleichgewicht wiederherstellen, indem sie das volle Gewicht ihrer Weiblichkeit der männlichen Schöpfung gegenüber in die Waagschale wirft. Der Riesenwagen der Organisation fährt kreischend und krachend auf der Heerstraße des Lebens dahin, Elend und Verstümmelung auf seinen Spuren zurücklassend, denn was kümmert's ihn, wenn er nur eilig weiterkommt. Daher muß die Frau in die zerquetschte und zertrümmerte Welt der Einzelwesen eintreten und sie alle als die Ihrigen in Anspruch nehmen, die Unbedeutenden und Unbrauchbaren. Sie muß die schönen Blumen des Gefühls liebend schützen vor dem tötenden Spott kalter, kluger Tüchtigkeit. Sie muß all das Ungesunde und Unreine hinwegfegen, das die organisierte Machtgier in der Menschheit hervorrief, als sie sie ihrer natürlichen Lebensbedingungen beraubte. Die Zeit ist gekommen, wo die Verantwortung der Frau größer ist als je zuvor, wo ihr Arbeitsfeld weit über die Sphäre häuslichen Lebens hinausreicht. Die Welt ruft durch ihre geschmähten Individuen ihre Hilfe an. Diese Individuen müssen wieder in ihrem wahren Wert erkannt werden, sie müssen wieder ihr Haupt zur Sonne heben dürfen und durch die erbarmende Liebe der Frau den Glauben an die Liebe Gottes wiedergewinnen.
Die Menschen haben die Widersinnigkeit der heutigen Kultur gesehen, die auf Nationalismus gegründet ist, d. h. auf Volkswirtschaft und Politik und den daraus folgenden Militarismus. Sie haben gesehen, daß sie ihre Freiheit und Menschlichkeit aufgeben mußten, um sich den ungeheuren mechanischen Organisationen anzupassen. So können wir hoffen, daß sie ihre kommende Kultur nicht nur auf wirtschaftlichen und politischen Wettbewerb und Ausbeutung gründen werden, sondern auf soziales Zusammenwirken aller Völker, auf die geistigen Ideale der Nächstenliebe und gegenseitigen Hilfe, und nicht auf die wirtschaftlichen Ideale des größtmöglichen Nutzungswerts und der mechanischen Tüchtigkeit. Und dann werden die Frauen an ihrem wahren Platz sein.