Hätte darum der Fremdling gefragt: Wo wohnt der Riesen-Schpinne? dann würde das eine eindeutige Frage gewesen sein, die über den Gesuchten keinen Zweifel übrigließ. Und jedes Kind auf der Gasse wäre mit dem Bescheid zur Hand gewesen: Beim Bruch-Guste!

Das war nun freilich auch noch keine klare Ortsbezeichnung. Aber der Bruch-Guste ihr Haus war leicht zu finden.

Von der Straße im Tal zweigt sich ein Gäßchen ab. Es hupft mit einer klapprigen Holzbrücke über einen Bach und will hinauf zur Straße am Berg. Das Gäßchen muß aber einen Winkel machen. Denn just hinter der Brücke steht ihm das Haus von der Bruch-Guste im Wege. Das steht dort ganz allein und betrachtet aus seiner Zurückgezogenheit mit stillem Schmunzeln die Hinterseiten der Häuser auf der anderen Seite des Baches. Mit einem Auge kann es gerade noch durch die Gasse zur Straße gucken. Neben dem Steintritt mit der hölzernen Bank läßt ein Brünnlein sein Kristallwasser in einen uralten Eichentubben pladdern.

Dies Haus gehörte der Bruch-Guste.

Dem Zufall, daß es an einer bruchigen Wiese stand, verdankte seine Eigentümerin ihren Beinamen.

In dem Haus am Bruch trieb die gute Frau Guste eine fleißige Milchwirtschaft. Es roch dort immer nach Buttermilch und Molken. Wenn die auf die Diele führende Stalltür offen stand, wehte warmer Stalldunst dazwischen. Dieser Mischduft gehört in meiner Erinnerung untrennbar mit jenem Haus zusammen, in dem eine Treppe hoch mein Freund Riesen-Karel, genannt Schpinne, zur Miete wohnte.

Seine Stube war, wie die meisten Bergmannsstuben im Bergstädtchen, halb Gebrauchszimmer, halb unantastbare kalte Pracht.

Die Alltagshälfte lag im warmen Bereich des Ofens. Im Ofenwinkel stand das schwarze Waschbecken aus Gußeisen. In dieser Ecke geschah nach vollendeter Schicht die gründliche Reinigung vom Schmutz der Grubenarbeit. Dann wurde das gestreifte flanellene Arbeitshemd an den Ofen gehängt und mit Feierabendshemd und Kamisol vertauscht. Auf der anderen Seite des Ofens, wo der Eßtisch seinen Platz hatte, wartete währenddem schon der Kaffee mit der eingebrockten Semmel. Zum Eßtisch gehörten zwei Bretterstühle. Die paar Rohrstühle in der guten Stubenhälfte wären für den Eßtisch zu schade gewesen.

Überhaupt diese Sonntagshälfte!

Die Mutter Riesen hielt auf peinlichste Ordnung in ihrem Schmuckkästlein. Es war kein Fältchen in der Kommodendecke. Die Kalkspat- und Zinkblendedrusen darauf und die Glaskugeln hatten immer den gleichen Platz. Die Lichtbildständer auf dem runden Sofatisch mußten ihre Füße immer genau in dieselbe Stelle der Damastdecke drücken. Und die Mutter Riesen hätte nicht schlafen können, wäre nicht der Kattunüberzug über dem Sofa nach jedem Feierabendschläfchen des Alten erst wieder säuberlich glattgezupft worden.