Zwischen ein paar Sechser- und Achtergeweihen an der Wand tackte eine Schwarzwälderuhr. Der Schatten ihres Messingpendels tupfte an den Kerbschnittrahmen eines vergilbten Soldatenbildes, an dem eigentlich nur noch ein roter Uniformkragen und zwei schwarze Augenpunkte deutlich geblieben waren. Das war das Rekrutenbild meines alten Freundes.

70 ist er mit nach Frankreich gewesen. Auch Anno 66 hat er mitgemußt. Aber die Preußenkugeln hörte er nicht pfeifen. Sein Marsch nach Langensalza fand frühzeitig ein Ende. Wenn er damals für sein Hannoverland keine Lorbeeren pflücken konnte, blieb er ihm doch im Herzen treu. Zuweilen versuchte er mit invaliden Knochen noch einmal einen preußischen Parademarsch. Aber seine Gedanken verloren sich dabei zurück in seine Soldatenzeit unter dem blinden König. Da ging es lustig zu, wenn in den Heidemanövern die »Attolerie« mit »grasgriene Äppel« schoß, – wahrhaftigen Gott! Des Alten Augen leuchteten. Und wie lautgewordenes Erinnern summte die alte hannoversche Soldatenweise durch seinen Bart: »O Hannes, wat ’en Haut!« Wenn die Rede auf 66 kam, grollte er. Es blieb kein gutes Haar an den Preußen. Als der Urheber des Unglücks aber galt für ihn unumstößlich der General Manteuffel. »Wenn dar verfluchte Manteiffel net gekumme wär!«

Um Langensalza wob er eine strahlende Gloriole. Der Ort hatte etwas Heiliges für ihn, von dem er nur in Verehrung sprach. Aber immer und immer wieder flackerte in seine Welfenandacht der Name Manteuffel hinein wie ein rotes Tuch, das seinen Haß herausforderte.

Da mochte er ein anderes und wirkliches rotes Tuch lieber. Das war sein Scheibenweiserrock. Der Alte bekleidete bei der Schützenbruderschaft den löblichen Posten eines Scheibenweisers. Wenn er Sonntag nachmittags den roten Rock angezogen hatte und die weiße Hose dazu, sah er prächtig aus. Zur Uniform gehörte eine schwarzsamtene Parforcejagdmütze. Und wenn der Alte noch lange Lackstiefel getragen hätte, hätte man ihn für einen richtigen Parforcereiter halten können. Die krummen Beine freilich und der Struppelbart wollten nicht recht zu der stolzen Tracht taugen. Aber diese Umstände taten meiner Bewunderung für meinen Freund keinen Abbruch. Es war immer ein kleiner Festzug, wenn im Sommer die beiden Scheibenweiser Sonntag für Sonntag die funkelnagelneuen Scheiben vom Tischler holten und im Trommeltakt des Schützentambours zu den Scheibenständen zogen. Abseits von jedem Stand lag ein Steinhäusel für die Scheibenweiser. Wenn die Scheiben befestigt und Pflockkasten und Nummerntafeln an Ort und Stelle gebracht waren, verkrochen sich die Scheibenweiser in ihrem steinernen Unterschlupf wie Mauerspinnen.

Manchmal durfte ich mit ins Scheibenweiserhäusel. Diese Gunst machte mich stolz und glücklich.

Kinder schöpfen ihr Glücklichsein aus bescheidenen Dingen. Wenn ich mich in der Erinnerung zu meinem rotrockigen Freund ins Scheibenweiserhäusel zurückversetze, wirds mir warm ums Herz. Ein Spürlein Glück blieb hangen. So muß es echt gewesen sein.

Und ich kam mir sehr wichtig vor, wenn ich dem Alten einen Holzpflock, eine Nummerntafel zureichen durfte. Wenn ein Schuß fehlgegangen war, winkte er pfiffig ab. Konnte er aber eine 20 anhängen, schwenkte er mit einer Großartigkeit ohnegleichen seine Mütze. Tupp-tupp-tupp wurde schnell das Loch zugeklopft. Dann gings im Laufschritt zurück ins Häusel. Hinter den krummen Beinen wehte der Rockschoß wie eine rote Fahne.

Als diese Beine zum Laufen zu alt und der Atem zu kurz geworden waren, zog mein Freund die Scheibenweisermontur aus und verschlief seine Sonntagnachmittage daheim auf dem Kanapee.

Des Alltags aber war er der unermüdliche Schaffer in meinem Vaterhause. Es war nichts in Hof und Haus, an dem seine Hand nicht half. Und was er schuf, schuf er mit der Treue und Verläßlichkeit der Alten.

Sein eigenstes Reich war unser Holzhof.