Ein großer Schrei erschreckte das Kind inmitten seiner Träume. Es horcht. Nichts . . . Dämmerung und Stille und der Pulsschlag der Uhr. Wie spät kann es sein? Zwei Uhr? Drei Uhr? Es hört im Nachbarzimmer umhergehen und denkt an seinen kranken Bruder, der seit acht Tagen dort liegt, denkt an das unterbrochene Spielen, an das veränderte Leben im Haus.
„O, mein Gott! Ich flehe zu dir, nicht dies! Nur dies nicht!“ Er erkennt die Stimme seiner Mutter, aber ihr verzweifelter Ausdruck erschreckt ihn. Was ist geschehen? Von Angst durchschauert springt er aus seinem Bett. Er horcht, das Ohr an die Mauer gepreßt. Nichts mehr? Sein Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit, er erkennt die Dinge. Er geht ans Fenster und hebt den Vorhang. Es sind einige Sterne am Himmel, und die wandernden Wolken verbergen sie für Augenblicke. Grau ist die Landschaft. Alle Gärten schlafen. Der weiche, leise Wind wiegt die entblätterten Bäume.
Ihn friert, er kehrt ins Bett zurück, bleibt aber aufrecht sitzen, weil er jenseits der Wand Wimmern und Schluchzen hört. Das Geräusch eines fallenden Stuhls und das Öffnen einer Tür läßt sein Herz sehr rasch schlagen; die Klinke bewegt sich, die Tür seines Zimmers öffnet sich nun auch. Seine Mutter erscheint. Sie nimmt ihn in ihre Arme und drückt ihn fest an sich. „Mein Kleiner! Mein Kleiner!“ Dann hüllt sie ihn in einen Schal und trägt ihn ins andere Zimmer. Das Kind versucht zu sehen. Das Lampenlicht schmerzt ihn in den Augen. Von Schluchzen durch und durch geschüttelt, neigt ihn seine Mutter seinem Bruder zu, dessen Augen blicklos geworden sind. Ein rasches Röcheln kommt aus seinem halbgeöffneten Mund: „Küß ihn, und sag ihm adieu; er geht von uns, du wirst ihn nicht mehr sehen.“ Das Kind bricht in Schluchzen aus und weint so, wie es noch nie geweint hat. Ohne viel zu begreifen, schreit es aus Angst, indem es bald seine im Schmerz gebrochene Mutter, bald den im Bett hingestreckten Körper, dessen aufgequollener Leib die Decke wölbt, anblickt.
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Bleich färben sich die Fensterscheiben. Nachdem er im Fauteuil geschlafen hat, öffnet er plötzlich die Augen. Wo ist seine Mutter? Hat sie ihn mit dem Toten allein gelassen? Das Kind hat solche Angst, daß es sich keine Bewegung zu machen getraut. Es könnte ihn sehen, wenn es ein wenig den Kopf wendete, aber dieser bloße Gedanke erfüllt es mit Furcht. Eine Kerze, deren unbewegliche Flamme wie der Stahl einer Lanze aufragt, vergoldet das Antlitz des Leichnams. Er schaut auf das Fenster, der Ast eines Kastanienbaumes bewegt sich vor den Scheiben. Alle Menschen schlafen noch, und kein Geräusch kommt aus dem Hause. Er hört auf das Zinkdach Tropfen fallen. Der Regen beginnt von neuem. Seit acht Tagen hat er kaum aufgehört. Gestern hat seine Mutter gesagt: „Wir haben einen verregneten März.“ Sie hat es gestern gesagt, und es ist ihm, als wäre es lange schon her, daß er diese Worte gehört. Diese Nacht, in der er mit offenen Augen denkt, ist nicht wirklich wie andere Nächte. Sie ist einzig in seinem Kinderleben. Jäh ist er erwacht, die Nacht hatte keinen Anfang und kein Ende.
Das Kind horcht in die Stille; es ist ihm, als werde es sowohl vermöge seiner Augen als seiner Ohren durch ein Raunen von Erinnerungen überflutet. Dann läßt es seine Blicke schweifen. Der Schatten, der die Winkel des Plafonds einhüllt und sich unter den Möbeln anhäuft, ist nicht von dieser Art Schatten, die es bisher gekannt hat. Er weiß von allerlei, vergrößert die Stille, lebt sein Leben. Es ist, als ob die Dinge mit Gewalt ruhig gehalten würden, sie scheinen von einer innern Kraft besessen, die sie verzerrt. Der Regen fällt zur Erde, und die Nacht blaut mehr und mehr. Das Kind hört Pfiffe und fernes Rollen. Was werden die andern zu dieser Nachricht sagen? Die in der Schule? Wie man ihn ansehen wird! Auf der Stiege hat man eine Tür geschlossen; mit aller Kraft horcht er hin. Wo ist denn seine Mutter? Wird sie nicht kommen, ihn zu befreien? Oh, wie würde er aufatmen, wenn er plötzlich an die Eingangstür gelangen könnte! Aber da müßte er sich bewegen, Lärm machen, Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er müßte das ganze Zimmer durchschreiten, dann noch das unbeleuchtete Speisezimmer, und „er“ würde hinter seinem Rücken sein. Er könnte sich vielleicht an ein Möbel stoßen, weiße Gestalten in der Küche erblicken. Wenn er da blieb, beherrschte er sie, beobachtete sie, ohne sich den Anschein zu geben. Wenn er aufstünde, würde nicht der Bann gebrochen werden und er in seine Macht fallen?
So denkt er eifrig, ohne sich zu regen. Allmählich nimmt ihn wieder der Schlummer gefangen. Sein Bewußtsein geht leise unter zwischen Erinnerungsbildern aus der Geschichtsstunde. Doch, o welche Erleichterung, er hört einen Schlüssel umdrehen. Stimmen, Schritte. Seine Mutter ist es mit Leuten . . .
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