Es ist nicht spät, sieben oder acht Uhr vielleicht. Den ganzen Tag über ist es dunkel gewesen, und nun ist schon völlig Nacht. Zerstreut hüpft das Kind über die Stufen und ist, über das Gitter sich vorbeugend, an das Ende der Treppe gelangt, die von Wasser und Kot beschmutzt ist. An der Loge des Hausmeisters ist es auf den Knien vorbeigerutscht, um nicht gesehen zu werden, dann war es laufend auf die Straße gelangt.
Es hatte aufgehört zu regnen. Die feuchte, duftbeladene Luft führt die Botschaft entfernter Wälder mit sich. Ein mäßiger Wind bewegt zuweilen die Gasflammen und gibt dem Dunkel der Straße Leben. Die Lichter des großen Krämerladens leuchten in allen Wasserlachen. Das Kind gelangt auf den verlassenen Boulevard, der es anzieht und ihm zugleich Furcht einflößt. Bei jedem Windstoß vermengen sich die langen Schatten und beschreiben große Gebärden. Das Kind wagt nicht auf dem Fußsteig zu gehen, wo der Efeu des Gitters allzu geheimnisvoll Park und Garten verbirgt. Es schreitet auf der kotigen Straße und wendet sich unaufhörlich um. Der schwarze und blaue Himmel ist in dunkle Inseln zerrissen und düster gleich einem großen Moorland. Die Luft ist lau wie menschlicher Atem. Ein leiser Brodem steigt von der Erde auf. Jenseits des Schmutzes und der Öde des Jahres ist der Frühling schon in Humus und heißer Fäulnis bereit. Das Fieber der Säfte teilt sich dem weiten Raum mit, irrende Winde, die schon grünende Wiesen durchquert haben, flechten sich um die feuchten Stämme der Bäume. Die Landschaft ist noch wie eine alte Frau in Lumpen, aber unter dem Boden lächeln bereits Gesichter mit geschlossenen Augen; bald werden tausend Stimmen am Saum der Erde hinsummen, ungezählte Augen im Grase sich öffnen. Die Sonne wird die Erde zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben, Pflanzen werden wie Geständnisse aufsprießen und gleich großen Worten hervorstrahlen. Das Kind geht nun an dem schönsten Besitz des Boulevards entlang. Es bleibt stehen, um durch den kleinen freien Raum, wo das Gitter sich an die Mauer schließt, in den Park des Kommandanten zu blicken. Es sieht in unerklärliche Verwirrung, in die mit faulem Laub bedeckten Alleen, den Weg zum Haus, wo die Erde gelblich leuchtet, und das Wasserbassin, in dem sich der Mond und die Wolken spiegeln. Sicherlich ist das Gehölz voll toter Vögel, es weiß bestimmt, daß die Kinder mit ihren bebänderten Kinderfrauen niemals mehr auf dem Rasen spielen und umherspringen werden. Es sieht auf die beiden Löwen aus Stein, die die Pfeiler des Eingangstores zieren. Vor kurzem hat er mit seinem Bruder Schneeballen auf sie geworfen. Das wird er nie mehr tun. Wenn man einen Bruder hat, der gestorben ist, darf und kann man nicht mehr dergleichen tun. Plötzlich fällt ihm ein, daß man ihn vielleicht sucht. „O Mütterchen, ich sehe dich in deine Hände weinen.“ Er sagt sich, daß er heimkehren muß. „Ich werde den Weg nehmen, den ich so gerne gehe.“ Da ist das Waisenhaus, seine fahlen Säulen sehen durch das Gitter, Goldlettern leuchten im Dunkeln. Eine Glocke läßt Tropfen klingender Töne fallen, die der Wind der Nacht vermengt. Hier ist das Kloster zur Heimsuchung Mariä. Als er einmal mit seinem Bruder aus der Schule kam, hat hier aus diesem vergitterten Fenster eine sehr schöne Dame in Trauer mit ihnen gesprochen. Sie hatte gefragt, ob sie Zwillinge wären und ob sie ihre Mutter auch recht liebten. Er, der Kühnere, hatte geantwortet, den Blick gesenkt; denn diese Dame war nicht so wie andere. Hier ist das Türschild, auf das sie auch Schneehallen geworfen hatten. Eine andere Glocke tönt. Er erkennt sie; es ist die des Klosters der englischen Fräuleins. Dann begannen andere Glocken, alle Klöster des Neullyer Parks läuten zum Segen.
Das Kind ist am Rand des Baches stehen geblieben, der sein Schmutzwasser dem Kanal entgegenführt, in den es mit dem zauberhaften Klang reiner Quellen abstürzt. Er geht jetzt rasch. Auf den Bänken blicken ihn Erinnerungen an.
Dort am Ende der Straße, durch diese Lichtung, dem Himmelstor, wird er eines Tages wie ein Engel davonfliegen. Er weiß sehr gut, daß sich später etwas ereignen wird.
Er ist bereit und wird nicht zittern, wenn man ihm sagen wird, daß die Stunde geschlagen hat. Die Hände wird er falten und sich in die Wolken erheben. Seine Mutter wird auf der Erde knien und vor Stolz weinen. Er hebt den Kopf und geht festen Schrittes: „Gallien, Carolus Magnus, die alten Reiche Neustra und Australia.“ Wenn plötzlich dort aus dem Dunkel ein Auerochs spränge, würde er auf einen Baum steigen und ins Hifthorn blasen, die Gefährten herbeizurufen, die in den Wäldern umherjagen.
*
Die arme Mutter geht aus einem Zimmer ins andere und hört nicht auf zu weinen. Sie läßt sich in einen Sessel fallen und weint, weint!
„Viel Kummer hatte ich und kannte manche traurige Stunde, aber ich vergaß alle Kümmernis, wenn ich in das lächelnde Antlitz meiner Kinder sah. Dieser Gewohnheit habe ich mich hingegeben. Ich war ganz Vertrauen. Niemals habe ich an die Möglichkeit eines solchen Erwachens gedacht. Wie sorglos war ich und wie schuldig fühle ich mich. Der Arzt, der mein armes Kind behandelt hat, ist ein Dummkopf. Man hätte es retten können. Der Kleine von Benoit hat dieselbe Krankheit gehabt, und man hat ihn geheilt. Ich hätte mich wehren sollen.
Meine Lebenskraft ist erstarrt, und meine Augen haben sich in mein Innerstes gewendet. Ich hatte die Wunder vergessen, und nun bin ich wie einer, der tastend in der Nacht in einem großen fremden Hause umhersucht, in dem niemand ist. Nein, mein Gott, das ist nicht der gewohnte Gang der Dinge; es durfte nicht vor mir dahingehen. Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mir mein Kind genommen? Es scheint, daß sich ein fremdes Leben dem meinen zugesellt hat. Wenn ich an mich denke, so ist es nicht wie früher. Viele Dinge, die ich vergessen hatte, kommen mir fast täglich ins Gedächtnis. Ich sehe die Pension, in der ich die schönen Jahre meiner Jugend verbrachte, mein Zopf fliegt mir auf dem Rücken. Ich hatte seit meiner Verheiratung keine Erinnerungen mehr. Ich habe diesen Mann geheiratet, ohne ihn recht zu kennen. Er ist fort. Er hat mich mit seinen beiden Kindern verlassen. Wird er wenigstens zum Begräbnis kommen? Tot ist mein kleines Kind, tot. Ist es denn möglich?
Einmal, ich war gerade nervös, da hab ich ihm einen Schlag gegeben, und es hat lange geweint. Seine Verzweiflung war darüber so groß, daß ich darob ganz bestürzt war. Ich habe es nicht genug umarmt und an mein Herz gedrückt.