Niemals werde ich mehr glücklich sein. Nur mit Mühe kann ich meine Gedanken sammeln. Wo ist es jetzt? Gibt es etwas nach dem Tode? Ja oder nein? Wie traurig wäre es, wenn es nichts gäbe. Die Welt ist so groß, daß sie mir Furcht einflößt. Hier in der Nähe sind Bäume, die sich bewegen, und gleichzeitig sind, sehr weit in den Tiefen des Meeres, Ungeheuer, die sich geräuschlos durch die gelben Algen schlängeln. Hier ist ein Kind gestorben und drei Häuser weiter eines geboren. Wer kümmert sich um meinen Schmerz, und was bedeutet er in dieser großen Welt? Wie doch alles dunkel und schwierig ist! Ich bemühe mich zu verstehen, in mich aufzunehmen; ich beuge mich in Demut, aber mein Kopf ist zu schwach, daß ich verstehen könnte. Weinen ist leichter, o weinen! Nur weinen kann ich. Unerschöpflicher Kummer! Kummer, der du mit vollen Eimern aus allen Brunnen des Lebens steigst.

Ich kann dem Schlaf, der mich hindern wird, an ihn zu denken, nicht mehr widerstehen. Mehrere Nächte habe ich fast nicht mehr geschlafen. Ich darf mich nicht mehr unterwerfen. Ich habe noch ein zweites Kind aufzuziehen. Was täte es ohne mich? Oh, wie bin ich doch müde!

Wie lange habe ich doch geschlafen? Ich werde mir ein wenig Kaffee, sehr starken Kaffee machen, und dann werde ich die ganze Nacht bei ihm Wache halten können. Frau Benoit wird dann gleich kommen. Es ist nicht gerade warm. Ich glaube, das Feuer geht aus. Nun ist es schon einen Tag her, daß es gestorben ist! Ich kann mich nicht besinnen, wohin ich das Paket Kerzen gelegt habe, das ich gestern gekauft habe. Ich werde noch eines kaufen müssen. Ich weiß nicht mehr, was ich tue. Ich würde ein wenig lüften, um frische Luft einzulassen, aber mir ist, als könnte es mir die Nacht entführen, und es stürbe noch mehr. Seine Nase wird spitzer. O Entsetzen, mein Kind, mein Kindchen! Was suchen wir hier auf Erden? Was tu ich hier, worauf warte ich? Wie können wir in dieser Wohnung leben, mit dieser Gewißheit über uns? Und doch, es gibt in diesem Augenblick Gegenden, wo die Leute jetzt lustig sind und singen. Es gibt welche, die sich verheiraten, und manche bauen sich eben Häuser. Einige spielen Karten, und andere schreiben ihr Testament.

Ich glaube, das Wasser kocht, ich höre die Pfanne singen. Wohin habe ich denn nur die Kaffeebüchse gestellt? Mein Kopf versagt. Ah, da ist sie!

Bei allem, was ich sehe, höre oder berühre, finde ich seine Gegenwart wieder. Jedes Ding ruft mir wieder eine seiner Gesten wach, eine seiner Mienen. Warum hast du, o Gott, den man den Allgütigen nennt, mir ihn gegeben, um ihn mir so rasch wieder zu nehmen? Diese Treppe, die ich tagtäglich mehrmals herunterging, ohne nur an sie zu denken, die ich mit geschlossenen Augen hätte hinaufsteigen können, ist mir vorhin wie ohne Rampe erschienen, und mein Fuß hat eine Stufe verfehlt.

Nichts ist mehr auf seinem Platz, und jedes Ding hat eine neue Bedeutung für mich. Ich bin ganz von meinem Schmerz umschlossen, ich bin nur Schmerz. Die Welt dehnt sich um mich her, und ich fühle sie wie einen Ozean von Gleichgültigkeit um meine kleine Trauerinsel.

Ich kann mich nicht sattsam genug der Stille anvertrauen.

Ich verliere mich in den Tiefen, und alles erschreckt mich. Jedesmal, wenn ich die Augen hebe, trägt mir die Mauer, die Decke, der Rücken des Fauteuils, gleich dem Schweißtuch der Veronika, sein Antlitz zu. Das Licht meiner Lampe ist nicht das gleiche mehr. Etwas ist in ihre Flamme übergegangen und ist darin geblieben. Auf dem Parkettboden ist ein dunkles Feld, das an eine lichtere Zone stößt und unter dem Bett so schrecklich wird, daß meine Augen, wenn ich daran denke, ihm nicht zu begegnen trauen.

Teurer Kleiner! Ich werde nicht mehr für dich zu sorgen haben. Ich werde nicht mehr die tausend Fragen hören, die er an mich richtete, wenn ich ihn des Morgens anzog. Seine kleinen Hände werden mein Antlitz nicht mehr liebkosen. Er nannte mich „Mutter“. Er schlang die Arme um meinen Hals und sagte mir ins Ohr: Mutter! Du bist mein kleines Mutti, du. Und nun liegt er so da.

Noch ist er da und ist nicht mehr da. Es scheint, daß er seinen Leib für einige Zeit verlassen hat und wiederkommen wird. Er sieht sich nicht mehr ähnlich. Er hat das Lächeln, wie man es auf den Malereien der Museen sieht. Morgen werde ich sagen müssen: Zur Zeit, als mein kleiner Raymond lebte . . . Als ich noch meine beiden Kinder hatte . . . Der, der gestorben ist!