»Es lag nicht in der Natur meiner Freundin, sich bis aufs letzte auszusprechen,« sagte Fräulein Schwertfeger, »und es liegt nicht in meiner, Verschwiegenes zu erpressen. Meine Freundin war damals sehr aufgeregt und äußerte sich ungleich. Einmal sagte sie mir unter Tränen, ihre alte Liebe sei so stark wie je, wolle sie sich aber an die Brust des Geliebten werfen, so stehe ihr Mann, das Kind an der Hand dazwischen, und dieser Schatten ihrer Einbildung sei undurchdringlicher als eine Mauer.«
»Haben Sie das so aufgefaßt,« fragte Dr. Zeunemann, »als fürchte sie sich vor ihres Mannes Rache, oder als dränge sich die Erinnerung zwischen sie und ein neues Glück?«
»Ich habe es damals so aufgefaßt,« lautete die Antwort, »als sei Dr. Deruga schuld daran, daß meine Freundin den Mann nicht heiratete, den sie liebte. Es tat mir sehr, sehr leid, daß diese Heirat nicht zustande kam. Ich kannte diesen Mann viel besser als Dr. Deruga und hatte viel mehr Sympathie für ihn, schon deshalb, weil ich glaubte, meine Freundin würde es gut bei ihm haben.«
»Wenn Sie jenen Herrn gut kannten,« sagte Dr. Zeunemann, »so haben Sie vielleicht mit ihm darüber gesprochen und wissen, wie er es auffaßte?«
»Er faßte es so auf,« sagte Fräulein Schwertfeger mit sehr bösem Gesicht, »als fürchte Frau Swieter, Deruga würde ihn töten, wenn er sie heiratete. Es ist unmöglich, daß sie ihm das gesagt hat, weil ihn das weniger traurig machen mußte, als wenn er gewußt hätte, welchen Anteil Deruga an ihrem Gemütsleben hatte. Es kann auch sein, daß er das glauben wollte, weil es seinen Stolz am wenigsten verletzte. Er war stolz und herrschsüchtig.«
»Wenn Ihre Freundin ihn so sehr liebte,« sagte Dr. Zeunemann, »so muß ein starkes Motiv sie abgehalten haben, ihn zu heiraten.«
»Natürlich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie hat damals auch sehr gelitten. Sie überwand es aber verhältnismäßig bald und sagte später stets, sie glaube, richtig gehandelt zu haben.«