Es war Abend, als Dr. Bernburger müde in seine Wohnung kam. Er warf sich auf den schäbigen Diwan, den er alt gekauft hatte, und sah sich fröstelnd nach irgend etwas um, womit er sich zudecken könnte. Drinnen war es kälter als draußen, aber abgesehen davon, daß er aus Sparsamkeit am Abend womöglich nicht mehr einheizte, fühlte er sich auch zu erschöpft und unlustig dazu. Mißvergnügt sah er sich in dem kahlen, an ein Zimmer in einem Hotel zweiten Ranges erinnernden Raum um und dachte darüber nach, woher und wozu er diesen Hang nach einer schönen, behaglichen Umgebung habe, den er vielleicht nie würde befriedigen können. Um seiner Verstimmung zu entrinnen und sich zu erwärmen, beschloß er, in ein Café zu gehen. Da fand er vor der Glastür, die seine Wohnung abschloß, eine kleine, verhutzelte Frau stehen, die schon eine Weile nach der Klingel gesucht hatte und ihn fragte, ob hier ein Herr Rechtsanwalt wohne. Der sei er, sagte Dr. Bernburger; aber jetzt werde nicht mehr gearbeitet, sie solle am folgenden Tage in seine Sprechstunde kommen. Die kleine Frau setzte auseinander, daß sie das nicht könne, weil sie tagsüber bei den Herrschaften sei, um zu waschen; ihr Mann habe sie ja verlassen, und sie müsse die Kinder allein durchbringen. Sie komme auch jetzt von der Arbeit, und zwar komme sie, weil der Herr Tönepöhl vom Vorderen Anger sie geschickt habe.

Bei der Nennung dieses Namens durchfuhr den Anwalt ein Gedanke, der ihm das Blut ins Gesicht trieb und ihn bewog, mit der kleinen Frau in sein Zimmer zurückzukehren. Während er Licht machte, bat er sie, sich zu setzen und zu erzählen, was sie herführe, und da sie, als er damit fertig war, noch immer bescheiden an der Tür stand, nötigte er sie selbst auf einen Stuhl und nahm ihr den großen Deckelkorb ab, den sie in der Hand trug. Sie lächelte verlegen und dankbar und begann ihre Erzählung:

Vorgestern sei sie zu Herrn Tönepöhl, dem Tändler im Vorderen Anger, gekommen, um ein Paar Schuhe für ihren Ältesten zu kaufen, und da habe ihr ein Paar besonders gut gefallen, weil es ungefähr die rechte Größe gehabt hätte; aber es sei zu teuer gewesen. Da habe sie zu Herrn Tönepöhl gesagt, sie habe einen Arbeitskittel von ihrem seligen Mann — sie sage nämlich immer 'ihr seliger Mann', seit er auf und davon gegangen sei — der sähe wie neu aus, ob er den nicht dagegen annehmen wolle. Herr Tönepöhl habe barsch gesagt, wie er überhaupt sehr hochfahrend gegen die armen Leute sei, für solches Lumpenzeug habe er keine Kunden. Da habe seine Frau, die in einem alten Koffer gekramt habe, dazwischen geschrien, er solle nicht ein solcher Tölpel sein, der Herr Rechtsanwalt habe ihm doch viel Geld für einen alten Kittel versprochen, und er, der Mann, habe dem Herrn Rechtsanwalt fest zugesagt, sich danach umzusehen, und nun sähe man, was für ein Windbeutel er sei. Darauf habe Herr Tönepöhl seinerseits geschimpft, sie sei dümmer als ein Hering. Der Herr Rechtsanwalt würde ihm den Kittel an den Kopf werfen, denn er wolle einen, der auf der Straße gefunden sei. Nun sei nämlich der alte Anzug, den sie gemeint habe, gar nicht von ihrem seligen Manne gewesen, sondern sie habe ihn gefunden, aber wegen der Grobheit des Herrn Tönepöhl habe sie sich nicht getraut, das zu sagen, damit er nicht eine große Angelegenheit daraus mache und behaupte, sie habe ihn gestohlen.

Sie sei also fortgegangen, habe aber an der Türe noch mit Frau Tönepöhl geschwatzt und sie gefragt, was für ein Herr Rechtsanwalt das sei, und sie habe ihr alles erzählt und auch, daß es sich um einen großen Prozeß handle, und daß man ein gutes Stück Geld verdienen könnte, wenn man den rechten Anzug brächte. Darauf habe sie gedacht, sie wolle den Kittel in Gottes Namen dem Herrn Rechtsanwalt bringen, er werde ihr ja nichts Böses antun und sie ins Unglück stürzen, wo sie ja nur komme, weil ihm so viel daran gelegen sei.

Nun freilich, sagte Dr. Bernburger, er sei ihr sehr dankbar, und ob er den Anzug brauchen könne oder nicht, er wolle sie für die Mühe entschädigen. Sie sei eine brave, kleine Frau und solle recht gründlich erzählen, wie sie zu diesem Kittel gekommen sei.

Es sei der 3. Oktober gewesen, erzählte die Frau. Sie erinnere sich deswegen so gut daran, weil sie an dem Tage schon vor fünf Uhr aus dem Hause gegangen sei. Die Frau Kommerzienrat Steinhäger habe sie nämlich ersucht, eine Stunde früher zu kommen und eine oder zwei Stunden länger zu bleiben, damit sie womöglich an einem Tage mit der Wäsche fertig würde; es habe sich ein auswärtiger Besuch auf den folgenden Tag bei ihr angemeldet, und das passe so schlecht, wenn Wäsche sei. Weil nun die Frau Kommerzienrat sonst eine gute Frau wäre, habe sie es ihr zugesagt, und so sei sie denn schon vor fünf Uhr durch die Bahnhofsanlagen gekommen, als noch kein Mensch unterwegs gewesen sei. Ein starker Wind habe geweht, so daß die hohen Bäume sich gebogen hätten, und die dürren Blätter wären ihr wie Fledermäuse um den Kopf geflogen.

Auf der Brücke habe sie einen Augenblick stillstehen müssen, so habe der Wind gegen sie angeblasen, und da habe sie etwa hundert Schritt weiter am Ufer etwas Schwarzes gesehen. Zuerst habe sie gemeint, es sei ein Kind oder ein Hund, weil es scheinbar Arme oder Beine ausgestreckt hätte, und sie sei schnell hingelaufen, anstatt dessen sei es ein mit Bindfaden umschnürter Anzug gewesen. Offenbar sei er in Papier eingewickelt gewesen, das habe aber das Wasser größtenteils aufgelöst und weggerissen. Sie habe den Anzug losgemacht und ausgerungen und beschlossen, ihn mitzunehmen. Denn der, dem er gehört habe, müsse ihn doch weggeworfen haben, also sei es kein Unrecht, und vielleicht könne ihr seliger Mann ihn gebrauchen, wenn er etwa einmal wiederkäme, oder sonst ihr Ältester, wenn er erwachsen sei. Ob der Herr Rechtsanwalt meine, daß sie unrecht getan hätte?

Sie betrachtete ihn ängstlich gespannt aus ihren braunen Augen, die wie zwei kleine, fleißige Nachtlämpchen aus dem verschrumpften Gesicht herausleuchteten.

Aber nein, sagte Dr. Bernburger, da könne mancher reiche und angesehene Mann froh sein, wenn er nicht mehr als das auf dem Gewissen hätte. Das sei ja herrenloses Gut gewesen. Sie habe recht getan, sie sei ein wackeres Frauchen. Gewiß habe sie den Kittel in ihrem Henkelkorbe?

Ja, sagte die kleine Frau erleichtert, sie habe ihn gleich mitgebracht, um nicht noch einmal kommen zu müssen. Denn es sei ein großer Umweg für sie, und ihre Kinder pflegten sie abends ungeduldig zu erwarten.