Sie nahm ein Paket aus dem Korb, und Dr. Bernburger faltete den Anzug auseinander.

»Wissen Sie,« sagte er, »ich kaufe Ihnen den Anzug ab, ob es nun der rechte ist oder nicht. Sind Sie zufrieden, wenn ich Ihnen vorderhand zehn Mark gebe? Sie sollen aber noch mehr bekommen, wenn es sich herausstellt, daß es der ist, den ich suche.«

Die kleine Frau wurde rot vor schreckhafter Freude. Nun könne sie ihrem Ältesten die schönen Schuhe kaufen, sagte sie.

Aber sie solle Herrn Tönepöhl nichts von dem Geschäft sagen, das sie miteinander gemacht hätten, rief Dr. Bernburger ihr die Treppe herunter nach. Der brauche nichts davon zu wissen.

Heiß, fast blind vor Triumph trat Dr. Bernburger in das Zimmer zurück, dessen Kälte und Leere er nicht mehr fühlte. Sein Gedankengang war also richtig gewesen! Einmal kreuzte doch der Weg des Glückes den seines Verstandes. Wie würden sie staunen, wenn er ihnen das Rätsel löste und zugleich das Beweisstück vorlegte! Würde man angesichts dessen noch zweifeln können? Vielleicht war irgendein Abzeichen an dem Anzuge, welches die Ermittlung des Geschäftes, wo er gekauft war, erlaubte. Eine genaue Untersuchung des Anzuges ergab nichts Derartiges, dagegen war deutlich zu erkennen, daß ein neues gutes Stück vorlag, dem durch absichtlich eingesetzte Flicken der Schein eines dürftigen, oft getragenen Arbeitergewandes zu geben versucht worden war.

Indem Dr. Bernburger den Rock hin und her wendete, entdeckte er eine zugeknöpfte Seitentasche, öffnete sie, griff hinein und zog einen Briefumschlag heraus, der eine von der Nässe verwischte, aber lesbare Aufschrift trug. Er las: »Herrn Dr. S.E. Deruga,« dann die Stadt und die Straße.

Trotzdem dieser Brief ihm nur bestätigte, was er erwartet hatte, war er nicht nur überrascht, sondern fast erschrocken. Versteinert starrte er auf den Brief, der da lag wie die Gaukelei erregter Einbildungskraft und doch Wirklichkeit war, der Zauberschlüssel, der ihm die Pforte zu Ansehen und Reichtum öffnen würde. Daß der Umschlag einen Brief enthielt, hatte er gefühlt, aber noch zögerte er ihn herauszunehmen und zu lesen. Ihm selbst zum Ärger klopfte ihm das Herz. Wozu die Aufregung? Er zwang sich, die peinliche Spannung zu beendigen, indem er las. Der Brief lautete:

»Dodo, lieber Dodo, ich bin todkrank und muß sterben, aber vorher muß ich schrecklich leiden und habe niemand, der mir hilft. Du bist der einzige, der mich lieb genug hat, um mich zu töten. Komm und befreie Deine arme Marmotte, von der Du weißt, wie sie sich vor Schmerzen fürchtet. Dies ist das erste Wort, das ich nach siebzehn Jahren an Dich richte, und es ist eine Bitte. Ach, Dodo, an kein anderes Herz als an Deines würde ich eine solche Bitte zu richten wagen. Komme bald, Du wirst wissen, wie es geschehen kann. Daß ich Dir geschrieben habe, wird kein Mensch erfahren.

Deine Marmotte.«

Dr. Bernburger las und las wieder. Es war ihm ernüchtert und ermüdet zumute. War dieser Brief vielleicht eine List, ein nachträglich angefertigtes Machwerk, das Deruga oder seine Freunde ihm in die Hände gespielt hatten? Nachdem er ihn sorgfältig untersucht und eingesehen hatte, daß ein Betrug ausgeschlossen war, schob er ihn in den Umschlag und steckte ihn in seine Brusttasche. Dann nahm er Hut und Mantel, um ins Café zu gehen. Als er nur wenige Schritte von dem Restaurant entfernt war, wo er zu Abend zu essen pflegte, kehrte er um und suchte ein anderes Lokal auf, um nicht von Bekannten angesprochen zu werden; er hatte das Bewußtsein zerstreut zu sein und wollte nicht auffallen.