Während er aß, mußte er denken, daß ihn nichts abhielte, den Brief in den kleinen eisernen Ofen zu werfen, der ein paar Schritt von ihm brannte. In einem Nu würden die hastigen Flammen das verhängnisvolle Zeugnis vernichtet haben. Er hatte nicht die Absicht es zu tun, aber die Vorstellung war so lebhaft in ihm, daß ihm angst wurde, er müsse es dennoch, wie man unter dem Eindruck des Schwindels wohl fürchtet, man würde sich wider Willen von einer Höhe in den Abgrund werfen.
Wie dumm, dachte er, daß er der alten Frau, durch die er in eine so peinliche Lage versetzt war, zehn Mark gegeben hatte! Würde er es über sich bringen, von dem Mantel Gebrauch zu machen und den Brief zu verschweigen? Wenn er es tat, so war er der Bewunderung und Dankbarkeit der Baronin sicher. Welche Genugtuung würde es ihm geben, sie von seinem Scharfsinn, von der Richtigkeit seiner Auffassung, die er von Anfang an gehabt hatte, zu überzeugen! Was würde sie dagegen sagen, wenn er ihr den Brief zeigte: »Sie versprachen mir, Deruga als Verbrecher zu entlarven, und sie verschaffen ihm einen Heiligenschein! Sie verstehen es, Wort zu halten!« Wahrscheinlich würde sie ihm verbieten, von dem Brief Gebrauch zu machen; und das war schließlich für ihn die glücklichste Lösung, indem sie ihm zur Pflicht machte, was er aus eigener Verantwortung ungern getan hätte. Und wie würde Deruga sich verhalten? Dr. Bernburger begriff nicht, warum er den wahren Hergang verschwiegen hatte. Sollte er auch seinem Anwalt nichts davon gesagt haben?
Plötzlich überkam ihn der Wunsch, in die Anlagen zu gehen und die Stelle aufzusuchen, wo die Waschfrau den Anzug gefunden haben wollte; in der Restauration mochte er ohnehin nicht bleiben, und schlafen hätte er ebensowenig können. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, bis er an die Brücke kam, die über den Kanal führte. Der Schnee, der in der letzten Nacht gefallen war, hatte sich aufgelöst und in Schmutz verwandelt, und er hörte in der Dunkelheit die Nässe unter seinen Füßen klatschen. Die hölzerne Brücke war schlüpfrig, und das Wasser stand sehr hoch; schwarz und heimlich-hastig floß es unter ihm fort. Nach einer Weile unterschied er etwas weiter unten die wild sich bäumenden Wurzeln einer alten Ulme, die das Ufer umklammerte; dort mochte das Bündel Kleider, das der Fluß trieb, sich festgehängt haben.
Lange starrte der späte Wanderer auf die Stelle und ging dann weiter, bis er nach einigen Schritten vor einer halbkreisförmigen Steinbank stand, von der aus man in der schönen Jahreszeit einen angenehmen Blick auf die Wiesen hatte, die sich weithin zwischen dunklen Gebüschen erstreckten. Vielleicht, dachte er, hatte in der stürmischen Oktobernacht Deruga dort gesessen und, nachdem er sich umgekleidet, die Stunde erwartet, wo der Zug abging, mit dem er heimfahren wollte. Vielleicht war er sehr bewegt und zugleich sehr erschöpft gewesen und hatte hier ausgeruht, wo niemand ihn beobachtete. Unwillkürlich durchwatete auch Dr. Bernburger die aufgeweichte Erde und setzte sich auf die steinerne Bank, ohne zu beachten, wie naß sie war. Was mochte Deruga gefühlt und gedacht haben, nachdem er die Frau, die er einst geliebt und gehaßt hatte, wiedergesehen und für immer verlassen hatte? Was für Erinnerungen mochten ihn zusammen mit den raschelnden Blättern umschwirrt haben?
Indes er so sann, troff es kalt auf ihn herunter, und plötzlich überlief ihn ein Schauer, und er stand auf und ging schnell, ohne sich umzusehen, der Stadt zu.
XV.
Am anderen Morgen fühlte Dr. Bernburger sich so abgespannt, daß es ihm erlaubt schien, sich als krank zu entschuldigen, und nachdem er das telephonisch besorgt hatte, legte er sich wieder zu Bett in der Hoffnung, noch einmal einschlafen zu können.
Das Klingeln des Telephons weckte ihn, und mit einem lebhaften Gefühl des Überdrusses beschloß er zu tun, als gehe es ihn nichts an. Aber als es von neuem begann, stand er mit einem Seufzer auf, um zu hören, was es gebe. Er erkannte sofort die Stimme der Baronin, der der Apparat eine schrille Färbung gab.