„Ist es, weil du dich vor deinen Eltern schämst?“ fragte ich sie eines Tages, während wir auf einem Ausflug waren.

„Ja, vielleicht“ — sie lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. Dann machte sie ihr Schlangengesicht, als wollte sie das Wort verschlucken; und gleich drauf lachte sie wie eine Bachantin.

Wir gingen durch mein Lieblingsdorf, ein Krondorf aus der Zeit des großen Friedrich. Es war an einem Karfreitag. Zu Ostern wollte sie in ihre Heimat reisen; der Frühling am Rhein war ihr das Paradies. Wenn sie davon sprach, erschien sie mir wie die leibhaftige Jungfrau Maria; ihre nachtbraunen Augen verklärten sich.

Die Kastanienknospen standen schon ganz dick und grün; manche machten schon die Finger auf. Die Ahornblüten glänzten goldgelb durch den blauen Abend. „Daraus mach ich mir ein Feeenszepter“, sagte sie, „wenn ich mit meinem Vater durch die Berge reite.“

Ich sah sie an — „Es gibt auch böse Feeen, du“ — und wollte sie küssen. Zwischen ihre schwarzen Brauen trat ein queres zuckendes Fältchen; wie immer, wenn sie sich mir überlegen fühlte. Die üppige Nase zuckte mit. Ich küßte nicht.

Plötzlich wurden ihre Pupillen lüstern groß. „Sieh, wie unheimlich!“ flüsterte sie und zeigte über die Straße. Alle ihre Sommersprossen, selbst auf den Lippen, schienen verschwunden. Der schwellende Mund wurde dunkler. Das war ihr Hexengesicht; das sechste, das ich an ihr unterschied.

Ich ging mit ihr hinüber. Auf einem künstlichen Hügel stand ein seltsames Häuschen hinter dem Zaun. Es war stets unbewohnt, ich kannte es schon. In der hellen Dämmerung sah es noch spukhafter aus.

Zwei riesige Platanen streckten ihre noch kahlen Äste wie Leichenknochen über das flache Dach. Die Wände waren fahl und fleckig. Links wiegte ein verkrümmter Lebensbaum sein finstres Laub. Mitten aus der Vorderwand schob sich ein rundes Spitztürmchen vor, das an chinesische Hüte erinnerte; die Tür war verschlossen. Um die kleinen Bogenfenster krochen Borten aus gotischem Schnörkelwerk; die Scheiben waren so schwarz wie die Pupillen meiner Begleiterin. Zwischen der rechten Ecke des Hauses und dem Stamm der einen Platane ging die gelbrote Sonne unter.

„Hier möcht ich manchmal wohnen“, sagte die schöne Frau. In diesem Augenblick kam langsam über den Hügelrücken, grade wie aus der Sonne heraus, eine große gelbrote Katze und setzte sich vor die verschlossene Tür.

Das Bild verstimmte mich, so tief voll Stimmung es war. Die schwarzbraunen Augen des Viehes erinnerten mich unbestimmt an eine Kindesmörderin aus einem Wachsfigurenkabinett. Die Sonne war verschwunden; das Fell sah nun noch gelber aus, fast seidig. Sie starrte blinzelnd herunter auf uns; mich fröstelte. Ich klatschte in die Hände; sie lief weg.