Die schöne Frau war zusammengefahren und sah mich etwas unwillig an. „Ich liebe Hauskatzen nicht“, sagte ich rauh. Sie nickte stumm und nahm hingebend meinen Arm. Wir wandten uns zur Heimkehr, aber der böse Eindruck verließ mich nicht. Je zärtlicher sie mit mir sprach, umso verstimmter wurde ich. Ich schob es auf den Karfreitag. Immerfort durch unser Geflüster hörte ich Jesu Trostwort an den gekreuzigten Mörder: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.

Fast verlegen küßte ich sie zum Abschied, und sagte lachend: „Auf Wiedersehen, Magdalena.“ Sie machte ihr Jungfraungesicht.

Die Nacht drauf träumte mir — (mein Bruder Ernst hielt nämlich Träume ebenfalls für Erlebnisse) — ich sähe aus dem Fenster und schräg mir gegenüber stünde das seltsame Häuschen. In den schwarzen Scheiben glomm das Sternlicht. Plötzlich wurden sie blendend hell. Das ganze Haus stand erleuchtet bis in den löchrigen Schornstein hinauf. Fenster und Türflügel klappten auf; und aus Allem, was offen war, Luken und Löchern, vom Dach herab und von den Wänden, sprangen unzählige schwarze Katzen und stoben lautlos in die vier Winde. Zuletzt kam langsam eine große rötlich-gelbe aus der Tür, starrte blinzelnd nach mir her, und verlor sich gleichfalls in die Finsternis. Dann schloß das Haus sich ebenso lautlos und war mit Einem Schlag wieder dunkel.

Der Morgen kam. Ich saß mit meiner Frau beim Kaffee; wir besprachen unsre Trennung. „Wenn du mit Bestimmtheit fühlst“, sagte sie mit ihrer treuen Stimme, „daß die Andre für dein Glück geschaffener ist als ich, darf ich dich nicht halten“ — da ging die Flurglocke.

Das Dienstmädchen meldete, ein fremdes Fräulein wünsche mich zu sprechen; ich ging ins Nebenzimmer. Eine große junge Dame trat mir entgegen; ich erschrak. Sie war ganz in gelbrote Seide gekleidet, ihr schwarzes Haar bedeckte ein Strohhut mit einem Zweig von künstlichen Ahornblüten; sie hatte alle Züge der schönen Frau, nur nicht so sarazenisch, gleichsam zahmer. Ich stand sprachlos.

War sie’s doch vielleicht? Nein! Gestern war sie verreist. Und jeder Gesichtszug war mir doch fremd. Und eine Schwester hatte sie nicht.

Die Dame lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. „Sie kennen mich wohl nicht“, fragte sie leise; ich verneinte beklommen. „Ich bin die gelbe Katze“, sagte sie schnurrig; mich fröstelte. Dann fiel mir ein: vielleicht ein Vexierscherz der schönen Frau — sie hatte Bekanntschaft in Bühnenkreisen. Die Dame blinzelte, und zwischen ihre Brauen trat ein queres Fältchen; „ich soll Sie abholen“, flüsterte sie.

Aus ihren Augen sah ein schlangenhafter Glanz, der mich bestrickte. Gleich? fragte ich. „Gleich!“ Wir gingen.

Wir gingen schweigsam die Treppen hinunter; vor der Tür stand ein Wagen. Wir fuhren durch zahllose Straßen, ebenso schweigsam; sie schien mich garnicht zu beachten. Die Straßen wurden enger, die Häuser immer höher, die Gegend mir unbekannt. Einmal nickte sie flüchtig; da sah ich eine schwarze Katze durch einen Torweg haschen. Einmal strich sie sich ihr wirres Haar mit ihrem gelben Handschuh glatt. Endlich hielt der Wagen; ich folgte ihr willenlos.

Wir gingen durch einen dumpfigen Hof, dann mehrere eiserne Stiegen empor, und durch viele halbdunkle Gänge. Ein wahres Labyrinth von Haus; die Luft roch modrig. Vor einer pechschwarzen Flurtür machte sie Halt und drückte auf etwas Unsichtbares. Die Tür sprang auf, ich stand geblendet. Eine stechende Lichtpracht schlug mir entgegen, wie von tausend Kronleuchtern her.