Im Anthesterion (Februar) wurden die kleinen Mysterien zu Agrai, einer Vorstadt Athens, mit Reinigungen und Aufnahme der Mysten gefeiert. Erst nachdem man ver[pg 117]schiedene Grade durchlaufen hatte, gelangte man in die Klasse der Epopten, der Schauenden.
Die großen Eleusinien fanden im Boedromion (Sept.) statt, nachdem ein allgemeiner Gottesfriede (ἐκεχειρία) für 7–8 Wochen angesagt war. Auf die feierliche Bekanntmachung (πρόρρησις) des Archon Basileus hin sammelte sich die ganze Festgemeinde in Athen und begab sich zur Reinigung ans Meer (ἅλαδε μύσται). Nach mehrtägigen Opfern und Umzügen brachte man am 20. Boedromion in feierlicher Prozession das Bild des Iakchos, des von Zeus Chthonios und Persephone gezeugten Unterweltsgottes, der häufig mit Dionysos gleichgesetzt wurde, auf der heiligen Straße unter Iakchosrufen und Gesängen nach dem vier Wegstunden entfernten Eleusis in den Demetertempel, später in das von Perikles erbaute Telesterion (Weihehaus). Die Feier der folgenden Tage beging man mit Opfern, Fackeltänzen, wiederholten Reinigungen, mehrtägigem Fasten und Genuß des Kykeon, eines Mischtranks aus Wasser, Mehl und Polei, den auch Demeter nach ihrer Aufnahme in Eleusis zuerst gekostet haben soll.
Den Mittelpunkt aber bildeten die eigentlichen Mysterien. Diese bestanden nicht etwa in Geheimlehren, die in bestimmte Begriffe und Worte gefaßt gewesen wären, vielmehr in lebenden Bildern und dramatischen Darstellungen der Schicksale der gefeierten Gottheiten, z. B. des Raubs der Kore, der Irren der Demeter und der Wiedervereinigung der Göttinnen. Es war „ein religiöser Pantomimus, von heiligen Gesängen und formelhaften Sprüchen begleitet“ und durch Pracht der Ausstattung, Lichteffekte und Musik wirksam unterstützt. Infolgedessen konnte eine Profanierung der Mysterien nicht durch Ausplaudern, sondern nur durch Nachäffung geschehen, wie eine solche 415 dem Alkibiades zur Last gelegt wurde.
Die Hoffnung auf ein seliges Los der in Eleusis Geweihten im Jenseits wurde vielleicht durch Vorführung von Szenen aus dem jenseitigen Leben oder durch unmittelbare Verkündigung der (etwa bei der Darstellung der Stiftung des eleusinischen Festes erscheinenden) Demeter selbst geweckt und genährt. Trotz mancher Lobpreisungen der Alten scheint indes die sittliche Wirkung der Mysterien keine besonders tiefe und nachhaltige gewesen zu sein.
§ 53. Feste.
Außer den großen hellenischen Nationalfesten (s. [§ 67]) wurden noch eine Menge Feste in den einzelnen Städten den verschiedenen Gottheiten zu Ehren gefeiert. Genauer sind wir über den athenischen Festkalender unterrichtet. Das attische Jahr begann mit dem ersten Neumond nach der Sommersonnenwende. Die Hauptfeste waren im Monat
I. Hekatombaion (ungefähr unserm Juli entsprechend):
| am 1. (oder 7.?) ein Fest Apollos, des Sonnengotts, da jetzt die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel erreicht hatte; | |
|---|---|
| am 12. die Kronien, Kronos zu Ehren; | |
| am 16. die Synoikien zur Erinnerung an die politische Einigung Attikas durch Theseus (s. [§ 20]); | |
| am 24.–29. (?) die großen Panathenäen, pentaeterisch (s. [§ 67]) in jedem dritten Olympiadenjahr 6 Tage lang gefeiert, das glänzendste Fest Athens. Die jährlich begangenen kleinen Panathenäen beschränkten sich auf eine kürzere Festfeier. Die großen Panathenäen soll Peisistratos gestiftet haben. An diesen fanden musische, gymnische und hauptsächlich hippische Agone (vgl. [§ 67]) statt. Die Sieger in den beiden letzteren erhielten Amphoren (s. [§ 59]) mit Öl von den heiligen Bäumen der Athena in der Akademie. Rhapsoden trugen seit der Peisistratidenzeit die Homerischen [pg 119]Gedichte vor. Daran schloß sich die Aufführung des Waffentanzes, Pyrrhiche, und der Wettstreit der Euandria, wobei jede Phyle eine Anzahl schöner, großer und kräftiger Männer vorführte und die stattlichste Schar als Preis ein Rind erhielt. Eine nächtliche Feier, Pannychis, mit Gesang, Tanz und Fackelwettlauf (λαμπαδηφορία) leitete den Haupttag ein, an dem die ganze Bürgerschaft in feierlicher Prozession (πομπή) vom Kerameikos durch die Hauptstraßen nach der Akropolis zog, um der Stadtgöttin Athena das von athenischen Frauen und Mädchen gewobene Prachtgewand (Peplos, vgl. [§ 58]), in das auf safranfarbigem Grunde die Kämpfe der Götter und Giganten eingestickt waren, darzubringen. Dasselbe war als Segel am Mast eines Schiffes aufgespannt, das im Festzug auf Rollen fortbewegt wurde. Den Festzug hat Pheidias auf dem Relieffries des Parthenon (s. [§ 70]) verewigt. Auf der Burg wurde der Athena ein großes Opfer (Hekatombe) dargebracht und das ganze Volk davon gespeist. Eine Nachfeier bestand in einer Regatta, einem Bootwettfahren (νεῶν ἅμιλλα), im Peiraieus. |
II. Metageitnion (August): ein kleineres Apollofest.