Die Orchestra, ein geebneter, mit Sand bestreuter Platz (daher Konistra d. h. Staubplatz genannt), war ursprünglich kreisrund (vgl. Schiller: „umwandelnd des Theaters Rund“) und behielt diese Form lange Zeit; wir finden sie z. B. noch bei dem von Polyklet, einem Zeitgenossen des Pheidias, erbauten Theater von Epidauros, dem schönsten und besterhaltenen des alten Griechenland (s. [Abbildung Titelbild]). Später wurde die Orchestra um ein Kreissegment verkleinert. In der Mitte derselben stand der Altar des Dionysos, die Thymele (θυμέλη).
Als dritten Hauptteil weisen die ausgegrabenen Theaterruinen ein Bühnengebäude auf, das aus einem zurückliegenden Hauptbau und zwei vorspringenden Seitenflügeln (παρασκήνια) besteht. Der von Hinterbau und Seiten[pg 126]flügeln eingeschlossene Raum, der jedoch nur eine geringe Tiefe besitzt (z. B. in Epidauros nur 2,41 Meter), diente nach der bisherigen Annahme in der Zeit des entwickelten Dramas als Spielraum für die Schauspieler, als Logeion d. h. Sprechplatz, auch Proskenion genannt. Diese Sprechbühne mit gedieltem Fußboden sollte nach Vitruvs Anweisung 10 bis 12 Fuß über die Orchestra erhöht sein, womit die Maße der bis jetzt untersuchten griechischen Theater übereinstimmen. Da aber bei einer so starken Erhöhung der in der Orchestra stehende Chor nur schwer mit den Schauspielern in Wechselrede treten konnte, wie dies doch das griechische Drama verlangt, so half man sich bis jetzt mit der Annahme, daß über der Hälfte der Orchestra oder Konistra jedesmal ein hölzernes Gerüst für den Chor aufgeschlagen worden sei, das Orchestra im eigentlichen Sinn (im Gegensatz zur Konistra) oder, nach anderer Ansicht, Thymele geheißen habe.
Bei dieser Annahme bleibt das Bedenken bestehen, ob denn die Schauspieler auf jenem schmalen als Logeion oder Proskenion bezeichneten Raume überhaupt spielen konnten; man hat deshalb neuerdings vermutet, daß nicht für den Chor, sondern für die Schauspieler jedesmal ein hölzernes Gerüst als Spielplatz errichtet worden sei, während der Chor zu ebener Erde sich bewegt habe.
Im Gegensatz zu diesen Vorstellungen will die neueste Forschung einerseits durch genaue Untersuchung der monumentalen Überreste (Dörpfeld u. a.), andererseits durch scharfe Beobachtung der in den erhaltenen Dramen über Standort der Schauspieler und des Chors sich findenden Andeutungen den Nachweis führen, daß im griechischen Theater bis zur römischen Zeit keine erhöhte Sprechbühne existiert habe, daß also in der ganzen klassischen Zeit Schauspieler und Chor räumlich nicht von[pg 128]einander geschieden gewesen, sondern beide gemeinsam in der Orchestra aufgetreten seien. So erkläre sich u. a. auch die Einführung des hohen Schuhs, des Kothurns, „der den Schauspielern als ein bewegliches Gerüst unter die Füße gegeben wurde, das ihnen Bewegungsfreiheit gestattete und sie über den sie umgebenden Chor heraushob“.
Grundriß des Theaters von Epidauros.
Die Entwickelung des Bühnengebäudes sucht man sich in folgender Weise zurechtzulegen: Für den Schauspieler diente ursprünglich als Aufenthaltsort vor dem Auftreten, sowie als Umkleideraum die Skene, ein Zelt oder eine Bude. Diese verdeckte man im Lauf der Zeit durch eine davorgestellte Dekorationswand (Proskenion, d. h. das, was vor der Skene sich befindet), welche mit einer oder mehreren Türen für die auf- und abtretenden Schauspieler versehen war und die Außenseite eines Hauses, in der Tragödie gewöhnlich eines Palastes, darstellte. Diese Dekorationswand gab zugleich der Orchestra einen auch aus akustischen Gründen wünschenswerten Hintergrund und baulichen Abschluß. Weiterhin wurde die Skene zu einem massiven Gebäude ausgestaltet und die zunächst davorgesetzte bewegliche und temporäre Dekorationswand durch eine feste, mit Reliefs verzierte und durch Säulen oder Pfeiler gegliederte Steinwand ersetzt. So habe das ganze Bühnengebäude als Proskenion, d. h. als Hintergrund für die in der Orchestra stattfindenden Aufführungen gedient. Eigene erhöhte Sprechbühnen für die Schauspieler dagegen habe man erst in römischer Zeit gebaut, und erst durch Umbauten, die in dieser Zeit vorgenommen worden seien, hätten auch ältere griechische Theater solche erhalten.
Für die Zuschauer schlug man in der ältesten Zeit Holzgerüste (ἴκρια) auf, welche jedesmal nach den Aufführungen wieder abgebrochen wurden. Als man zum Bau fester Theater überging, angeblich infolge wiederholten [pg 129]Zusammenbrechens solcher Gerüste, benutzte man die natürlichen Verhältnisse des Erdbodens und wählte eingebuchtete Anhöhen, welche einen natürlichen Zuschauerhalbring darboten. Die konzentrisch „in weiter stets geschweiften Bogen“ aufsteigenden Sitzreihen wurden entweder aus dem lebendigen Felsen herausgehauen oder durch Steinplattenbelag hergestellt.
Die Anlage des Zuschauerraumes wie des griechischen Theaters überhaupt zur Zeit des entwickelten Theaterbaus veranschaulicht uns am deutlichsten der Grundriß des Theaters von Epidauros (s. [Abbildung S. 127] und [Titelbild]).
Hier ist der Zuschauerhalbring in halber Höhe durch einen 1,9 m breiten Umgang (Diazoma) in eine untere Abteilung von 32 und eine obere von 20 prächtigen Sitzreihen aus hellschimmerndem Kalkstein getrennt; dazu kommen 3 Reihen Ehrensitze, eine am Rande der Orchestra, 2 zu den beiden Seiten des Diazoma. Schmale Treppen, deren Stufen halb so hoch wie die Sitzstufen sind, teilen die untere Abteilung in 13, die obere in 25 keilförmige Ausschnitte (Kerkides), welche nach dort aufgestellten Bildsäulen benannt waren. Nach hinten war der Zuschauerraum durch einen 2 m breiten oberen Umgang und eine Gürtungsmauer abgeschlossen, welche an den beiden Endkeilen des Halbringes umbog und in 2 Seitenmauern zur Orchestra herabstieg. Die Orchestra selbst ist eine von einem Plattenring umschlossene Kreisfläche, welche von der untersten Sitzstufe durch einen 0,2 m niederer gelegenen Umgang getrennt ist, der, wie zwei Abzugslöcher zeigen, auch als Wasserablauf diente. Genau in der Mitte der Orchestra ist ein runder Stein von 0,7 m Durchmesser eingelassen, der wohl den Rundaltar des Dionysos trug. Zwischen Zuschauerraum und Bühne führen 2 über 5 m breite Eingänge [pg 130](Parodoi) zur Orchestra, durch welche sich das Publikum auf seine Plätze begab und der Chor einzog. Das Bühnengebäude besteht in dem zurückliegenden Hauptbau, aus welchem sich drei Türen nach dem 3–4 m über die Orchestra erhöhten sogenannten Logeion oder Proskenion öffnen. Dieses ist beiderseitig von Flügelbauten (Paraskenia) umgeben, aus welchem je eine Rampe zu den Orchestraeingängen hinabführt. Trotz seiner großen Ausdehnung ist das griechische Theater sehr gehörsam. Bei meinem Besuche in Epidauros trug ich (Maisch), in der Orchestra stehend, das Sophokleische Chorlied „Vieles Gewaltige lebt“ mit halblauter Stimme vor, und doch vernahm mein Begleiter, der auf der obersten Reihe sitzend etwa 70 m von mir entfernt war, jedes Wort deutlich. Dabei ist zu beachten, daß die für die Schallverteilung besonders wichtige Gürtungsmauer und hintere Bühnenwand heutzutage fehlen.