Mit dem Theater hatte das „Odeion“, das „Gesangshaus“, den allgemeinen Grundriß gemein. Dasselbe unterschied sich nur durch geringere Ausdehnung und steileres Ansteigen der Sitzstufen, wodurch eine Überdachung des ganzen Raumes ermöglicht wurde. Als das schönste Odeion galt das von Perikles erbaute; das besterhaltene ist dasjenige, welches Herodes Attikus (zwischen 160 und 170 n. Chr.) am Südwestfuß der Akropolis aus Marmor und Zedernholz erbaut hat, dessen gewaltige Ruine in den Kämpfen der Türken und Griechen als Festung diente und noch heute unser Staunen erregt.
An beweglichen Dekorationen besaß das griechische Theater außer großen gemalten, vor der Rückwand aufgespannten Szenerien seitlich angebrachte dreiseitige, um einen Zapfen drehbare Holzprismen, die Periaktoi, die auf jeder Seite eine verschiedene Dekoration hatten und etwa unseren heutigen Kulissen entsprechen. Götter und Heroen erscheinen [pg 131]entweder auf einem Balkon an der Skenenwand, der Götterbühne (Theologeion), oder kommen durch die Luft auf der „Maschine“ (θεὸς ἀπὸ μηχανῆς, deus ex machina) angeschwebt, um die verwickelte Handlung durch einen Machtspruch zu lösen. Vorgänge, welche sich im Innern der Wohnung abspielen, zeigt das Ekkyklema, wohl ein Gerüst auf Rollen. Die Geister der Verstorbenen stiegen auf der Charonischen Stiege empor; als solche diente vielleicht der unterirdische, aus dem Bühnengebäude in die Orchestra führende Gang, der neuerdings z. B. in Eretria und Sikyon aufgedeckt wurde. Auch hatte man Blitz- und Donnermaschinen (κεραυνοσκοπεῖα, βροντεῖα) u. a. m.
Entsprechend dem religiösen Herkommen und dem Bedürfnis des weiten Raumes trugen die Schauspieler Charaktermasken (προσωπεῖα, πρόσωπα), Stiefel (κόθορνος, ἐμβάτης) mit hoher Korksohle und einen wattierten Leib (σωμάτιον). Ganz richtig sagt Schiller: „Es steigt das Riesenmaß der Leiber hoch über Menschliches hinaus.“ Mußte hierbei auf das Mienenspiel verzichtet werden, so wurden dafür die Maskentypen bis ins einzelne ausgearbeitet. Dabei konnte es nicht auffällig erscheinen, wenn die Frauenrollen von Männern gegeben wurden. In der Tragödie, wo Könige und Götter aus alter Zeit auftraten, wurde die altertümliche Tracht (vgl. [§ 58]) mit dem feierlichen orientalischen Prunk beibehalten, während für die Komödie, welche die gegenwärtige Zeit behandelte, die gewöhnliche Volkstracht gewählt wurde.
Das Kriegswesen.
§ 56. Das Landheer.
Jeder Bürger muß im Heere dienen, die Klassen I bis III (s. [§ 25]) als Reiter bzw. Schwerbewaffnete, Klasse IV als Leichtbewaffnete oder Schiffsoldaten. Die Dienstpflicht [pg 132]dauert vom 18. bis 60. Jahre; frei vom Kriegsdienste sind nur Beamte, Ratsherren und Zollpächter. Nach der Aufnahme in die Gemeindebürgerliste ([§§ 27]. [32]) schwuren die jungen Athener in dem Tempel der Aglauros den Fahnen- und Bürgereid: „Ich will die Waffen nicht schänden, den Nebenmann im Kampf nicht im Stich lassen, für die Heiligtümer kämpfen und das Vaterland nicht gemindert, sondern größer und mächtiger, als ich es überkommen, hinterlassen; ich will den Befehlen der Vorgesetzten und den Gesetzen gehorchen, nicht dulden, wenn einer die Gesetze aufhebt oder ihnen nicht gehorcht, sondern sie verteidigen und die vaterländischen Heiligtümer ehren.“ Die Jünglinge eines Kreises lebten fortan gemeinsam unter der Aufsicht eines „Zuchtmeisters“ (σωφρονιστής), und wurden durch Turnlehrer (παιδοτρίβαι) und Waffenlehrer in Gymnastik und Waffenführung ausgebildet. Der Zuchtmeister erhält von der Gemeinde täglich eine Drachme, die Jünglinge 4 Obolen, wofür jener die Bedürfnisse des gemeinsamen Mittagsmahles einkauft. Nach Verfluß eines Jahres werden die Jünglinge im Theater dem Volke vorgestellt, wobei sie ihre Fertigkeit im Turnen und Exerzieren dartun, und erhalten hierauf von der Stadt Schild und Speer, um fortan ein Jahr lang in den festen Plätzen des Landes (Akte, Munychia, Phyle, Sunion, Eleusis u. a.) als Peripoloi (περίπολοι) Wachdienste zu tun.
Die Aushebung erfolgte auf Grund von Stammrollen, welche nach den Gemeindebürgerlisten ([§§ 27]. [32]) angefertigt waren. Jede Stammrolle enthält das vollständige Verzeichnis der in einem bestimmten Jahre in die Bürgerlisten Eingeschriebenen und am Kopf den Namen des in diesem Jahre amtierenden ersten Archon, welcher Eponymos hieß. Im ganzen gab es 42 dienstpflichtige Jahrgänge mit den Namen von ebenso vielen Archonten. Bei einer Mobilmachung wird entweder ein allgemeines Aufgebot der gesamten [pg 134]Kriegsmacht (πανδημεί, πανστρατιᾷ) erlassen, oder nur ein Teil derselben nach der Stammrolle (ἐκ καταλόγου) eingezogen. Im letzten Fall wird bekanntgemacht, von welchem Archon bis zu welchem die Mannschaft auszumarschieren habe; und zwar können die betreffenden Jahrgänge ganz (στρατεῖαι ἐν τοῖς ἐπωνύμοις) oder nur teilweise (στρ. ἐν μέρεσι) mobilisiert werden.