a) der Homerischen Zeit.

Zum Schutz gegen Nässe, Kälte und Hitze bietet die Natur dem Menschen das Fell langhaariger Tiere dar, welches auch in der späteren griechischen Zeit noch Landleute, Jäger und Gebirgsbewohner tragen. An der langen, zähen Pflanzenfaser erlernt der Mensch das Spinnen und Weben. Als die Hellenen in ihre spätere Heimat zogen, [pg 148]verstanden sie schon die Wolle von Schafen und Ziegen in Fäden zu spinnen und diese mittels eines Gestelles zu einem Tuchstück zu weben, welches als Gewand umgelegt wurde. Den Namen für dieses wollene Umschlagtuch (Chlaina) haben die Hellenen mit Italikern (laena) und Kelten (lena) gemein. Auf den ältesten Vasenbildern erscheint die Chlaina entweder nur als ein schmaler Überwurf, der hauptsächlich den Rücken bedeckt und mit seinen Zipfeln über die Schultern nach vorne herunterhängt, so daß Brust und Unterleib unbedeckt bleiben (s. [S. 147], Fig. 1), oder sie hüllt den größten Teil des Körpers ein. Unter der Chlaina wurde in der älteren Zeit von den Männern noch ein Lendenschurz getragen.

Die Tracht der homerischen und der klassischen Zeit

In Kleinasien erhielten Äolier und Ionier frühe von einem semitischen Volk ein neues Gewand aus neuem Stoffe, welches an die Stelle des alten Lendenschurzes trat: den langen, genähten, linnenen Leibrock mit kurzen Ärmeln, und mit der Sache den Namen: griech. Chiton = chald. kittan. Noch in später Zeit gilt der lange, schneeweiße Chiton als feierlich-altertümliche Gewandung, welche darum von Götterbildern, Priestern und Dichtern getragen wird. Der homerische Held schlüpft beim Aufstehen in einen kürzeren Chiton, bindet sich Sandalen unter die Füße und wirft die wollene Chlaina um. Von Kleinasien verbreitet sich der Chiton über ganz Hellas und wird zum alltäglich getragenen Unterkleid, das, wo Linnen fehlt, auch aus Wolle hergestellt wird.

So besitzt schon die homerische Männertracht die beiden Hauptarten von Kleidungsstücken, welche das ganze griechische Altertum hindurch gebräuchlich bleiben: das auf dem bloßen Leib getragene Unterkleid, welches hemdartig angezogen wird (ἔνδυμα), den Chiton, und das mantelartig umgelegte (ἐπίβλημα, περίβλημα) Obergewand, das bei Homer Chlaina, später Himation heißt.

Schon Homer spricht von „lockenumwallten Achäern“ (κάρη κομόωντες Ἀχαιοί) im Gegensatz zu den künstlichen Frisuren der Barbaren. Noch später galt in Hellas frei wallendes Haar für die schönste Zierde des Edeln, wie z. B. die Behandlung von Haar und Bart an der elischen Zeusmünze (s. [S. 99], 4) zeigt. Erst durch Alexander den Großen kommt die Mode auf, den Bart zu rasieren, welche sich bis in die Zeit Hadrians erhält.

Haben die Männer rasch die fremde Mode angenommen, so bewahren die Frauen um so treuer die alte Wollentracht, am längsten unter allen die Dorierinnen. Herodot sagt: „Hellenische Frauentracht war im Altertum allgemein diejenige, welche wir nun die dorische nennen.“ Als Hera sich schmückt, um Zeus zu berücken, tut sie dies mit einem Gewand, dem Peplos, einem großen Wollentuch, in welches durch die ganze Breite oder nur an den Säumen mittels farbigen Einschlags Reihen von linearen Verzierungen, Pflanzen- und Tierbildern eingewoben sind. Dieses etwa 220 cm lange und 180 cm breite Tuch wird, nachdem ¼ der ganzen Länge nach außen umgeschlagen worden, unterhalb der freizulassenden Arme so um die Gestalt gelegt, daß die beiden Längsenden an der einen Körperseite hinab zusammenstoßen, welche somit nur mangelhaft gedeckt ist. Darauf werden Vorder- und Rückseite auf den Schultern durch Spangen (περόναι) verbunden und das Gewand ohne den frei herabfallenden Umschlag unter der Brust durch einen Gürtel zusammengefaßt, wobei der Überschuß der Länge unter dem Gürtel (ζώνη) herausgezogen als Bausch (κόλπος) über diesen herabfällt. Gegen Sonnenglut schützte ein schalartiges, linnenes Kopftuch (κρήδεμνον), welches das Gesicht freilassend vom Kopf auf die Brust herabfiel.

Alle diese Gewandstücke wurden für gewöhnlich von der Frau mit ihren Sklavinnen im eigenen Hause hergestellt. [pg 150]Dabei bediente man sich bei gröberen, wollenen Gespinsten des alten auf zwei Pfosten ruhenden Webgestelles, von welchem die Kette senkrecht herabhing; für feinere, linnene Gespinste dagegen bedurfte man des wohl aus Ägypten überkommenen vierfüßigen Webstuhles mit wagrecht liegender Kette. Beide Arten von Webstühlen sind noch heute in Griechenland wie in Kleinasien im Gebrauch. Doch kannte schon das Altertum die fabrikmäßige Herstellung; so waren die Gewebe von Milet, Kos, Amorgos, Tarent wegen ihrer durchsichtigen Feinheit, der glänzenden Pracht ihrer Farben (Purpur und Pflanzensäfte), der Schönheit und des Reichtums ihrer bunten Muster hochgeschätzt und weithin verbreitet.

Neben dem Glanz der weißen Arme und der Kunst des Haarflechtens hebt Homer bei schönen Frauen und Mädchen insbesondere den Reichtum und die kostbare Arbeit der Gürtel, goldenen Diademe, Ohrgehänge, Halsketten, Armbänder und Spangen hervor.