Den reichen Prunk der ionischen Tracht vergegenwärtigt uns ein Dichter von Samos, Asios, welcher den Putz seiner Landsleute also schildert: „In schöne Gewänder gehüllt, die Locken wohlgeordnet, zogen sie hinaus zum heiligen Bezirke der Hera; die schneeweißen Leibröcke fielen bis auf die breite Erde herab; das gestrählte Haar in goldenen Fesseln wehte im Winde; goldener Schmuck, Zikaden gleichend, hob sich im Haare auf dem Scheitel, kunstvolle Armbänder umschlossen die Arme, und dazu trugen sie den kriegerischen Schild.“

b) Die Tracht der klassischen Zeit.

Vergebens suchten in vielen Städten, wie in Athen, Korinth, Lokri, Syrakus, Kleiderordnungen gegen solchen Luxus anzukämpfen. Dagegen vollzog sich anfangs des 5. Jahrhunderts in ganz Hellas eine tiefgreifende Wand[pg 151]lung der Lebensführung. Die siegreichen Kämpfe gegen die Großmächte Persien und Karthago hatten das hellenische Selbstgefühl mächtig gehoben. Die Zeit der prunkliebenden Herrschaft der Vornehmen und Reichen ging rasch zu Ende; der emporkommende Mittelstand verhalf der Einfachheit, Gleichheit und Freiheit zum Siege. Die überladene, feierlich steife Pracht des Orients verschwand aus dem täglichen Leben und ward nur den Götterbildern gelassen, denen das Reichste zukommen sollte, was die Erde bot. Das vornehme, knapp anliegende, im 6. Jahrhundert streng symmetrisch gefältelte Linnengewand, welches den Träger in eine prächtige, aber steife Hülle zwang, wich dem kurzen wollenen Chiton, der nun allgemein gebräuchlich wurde. Ihr eigenartiges Gepräge aber erhielt die Tracht der klassischen Zeit durch das Obergewand, dessen freier Umwurf und natürlich-großes Faltenspiel die Persönlichkeit lebhaft hervortreten ließ. „Machten bisher die Kleider die Leute, so machen jetzt die Leute die Kleider.“ Die Tracht wird hellenisch. Das Obergewand, für welches der Name Himation üblich wird, ein länglich viereckiges Wollentuch, wird nicht mehr bloß umgehängt, sondern ganz umgelegt: von der linken Schulter wird es über den Rücken nach der rechten Seite gezogen entweder unter der rechten Achsel hindurch, so daß der rechte Arm freibleibt, oder über die rechte Schulter und den rechten Arm hinweg, so daß höchstens die rechte Hand herausschaut. Der Rest des Tuches wird über die linke Schulter geworfen. Hierbei wird auf die Erzielung eines schönen Faltenwurfs Wert gelegt. In vollendeter Weise ist dies erreicht bei der herrlichen Porträtstatue des Sophokles im Lateran (s. [S. 147], Fig. 3). Handwerker, Landleute und Schiffer tragen nur ein Wollgewand, das, auf der linken Schulter zusammengeheftet, die rechte Schulter und die Arme zu ungehinderter Bewegung frei [pg 152]läßt, die Exomis (ἐξωμίς). Außerdem kam als Tracht der Reiter, die später vorzugsweise von den Epheben und auf Reisen getragen wurde, die Chlamys (χλαμύς) auf, ein oval zugeschnittenes Wollenstück, welches auf der rechten Schulter oder vorn am Halse mit einer Spange befestigt und, ähnlich wie die Chlaina der ältesten Zeit (s. [Fig. 1]), so über den Rücken geworfen wurde, daß die langen Enden von beiden Schultern nach vorne herabhingen. – Zu Hause trug man gewöhnlich nur den Chiton (γυμνός); beim Ausgehen legte man das Himation darüber.

Auch jetzt hielt die Frauentracht zäher am Überkommenen fest. Zwar hatte der Linnenchiton längst Eingang gefunden – zuerst bei den Ionierinnen –, aber wie ihn die Frauen später als die Männer angenommen hatten, so behielten sie ihn nun auch, neben dem aufkommenden Wollenchiton, länger bei und trugen ihn auf verschiedene Art, gewöhnlich mit Bausch und Überhang (wie bei dem homerischen Peplos). Ein schönes Beispiel dieser edlen Frauentracht bietet die [S. 147] Fig. 4 abgebildete Karyatide vom Erechtheion (vgl. auch [§ 70]). Dazu kommt noch ein großes Umschlagtuch (ἐπίπλημα, ἀμπεχόνιον), das beim Ausgehen, ähnlich wie das Männerhimation, umgelegt wird. Über weitere Kleidungsstücke der Damen sind wir nur mangelhaft unterrichtet. Bei der weiblichen wie männlichen Tracht erzeugte die wechselnde Mode eine reiche Mannigfaltigkeit des Schnitts wie der Art des Tragens.

Während die Farbe des Wollstoffs wie der Leinwand bei der Männerkleidung gewöhnlich weiß und nur an den Festen bunt war, dunkle Farben aber nur von den niederen Volksklassen und in der Trauer getragen wurden, erhielt sich bei den Frauen die Vorliebe für reich gemusterte, bunte, besonders safrangelbe Stoffe mit gestickten Säumen und [pg 153]Besatzstreifen, sowie für reichen Goldschmuck im Haare, an Ohren, Hals und Armen.

Eine Kopfbedeckung hatten die Griechen für gewöhnlich nicht; auf Reisen trug man (wie der Götterbote Hermes) den breitkrempigen Reisehut (πέτασος); Schiffer, Handwerker und Landleute (vgl. Odysseus, Charon, Hephäst) trugen eine feßartige Filz- oder Ledermütze (πῖλος). Neben den Sandalen, deren kunstvolles Riemenwerk wir am Fuße des Hermes zu Olympia bewundern, finden wir den roten Schnabelschuh, die Fußbekleidung der albanesischen Landbevölkerung im heutigen Hellas, und hohe Stiefel.

§ 61. Die Familie.

Bei Homer wird die Braut (νύμφη) durch reiche Geschenke (ἔεδνα) ihrem Vater abgekauft; in Sparta entführte der Jüngling seine Erwählte (nach vorausgegangener Verlobung) bei Nacht und brachte sie in seine Wohnung, um hier mit derselben einige Zeit in verborgener Ehe zu leben. Beiderlei Sitte, Brautkauf wie Brautraub, weist auf die ältesten Zeiten zurück. In späterer Zeit wird in Athen die Heirat zumeist von den Eltern vermittelt; die Väter schließen auch den Heiratsvertrag (ἐγγύησις) ab, wobei die Frage der Mitgift (προίξ) geschäftsmäßig behandelt wird. Am Hochzeitstage nehmen Bräutigam und Braut jedes in seiner Wohnung ein Bad, wozu das Wasser aus einer besonders heiligen Quelle geschöpft wird, und die Braut weiht eine Locke, sowie Gürtel und Spielzeug einer Göttin. Der Bräutigam kommt mit seinen Eltern, Verwandten und Freunden ins Haus der Braut, wo den Ehegöttern ein Opfer mit festlichem Schmaus dargebracht wird. Nach Sonnenuntergang wird die noch immer tiefverschleierte Braut unter Fackelschein und Absingung von Hochzeitsliedern [pg 154](Hymenäen) zu Wagen, zwischen dem Bräutigam (νυμφίος) und dem Brautführer (παράνυμφος) sitzend, in das Haus des Bräutigams geführt. Dem Wagen folgt ihre Mutter mit einer Fackel, womit sie am neuen Familienherd eine Flamme entzündet. Am Hause des Bräutigams wird die Braut von dessen Mutter empfangen und, nachdem sie eine Quitte, das Symbol des Kindersegens, verzehrt hat, zum Brautgemach (θάλαμος) geleitet. Vor diesem stimmt der Chor der Jungfrauen und Jünglinge unter Leierspiel und Tanz frohe Lieder (Epithalamien) an. Am Morgen des nächsten Tages erhalten die Neuvermählten reiche Geschenke von den Verwandten und die junge Frau wird in die Phratrie des Mannes eingeführt.