Mangel an männlicher Nachkommenschaft wurde schon deshalb schmerzlich empfunden, weil dadurch die Erhaltung des Ahnenkults der Familie gefährdet wurde; es wurde daher in diesem Fall meist ein Knabe aus fremder Familie an Kindes Statt angenommen.

Die Amme trägt das neugeborene Kind alsbald um den Herd, um es unter den Schutz der Hausgötter zu stellen; am zehnten Tag wird ein Geburtsopfer mit Familienschmaus gefeiert, wobei das Kind seinen Namen erhält, ein Knabe meist den des Großvaters von väterlicher Seite. (Vgl. Enkel – enikel, kleiner Großvater.)

§ 62. Erziehung und Unterricht.

Das Endziel hellenischer Jugenderziehung spricht der greise Phönix, Achills Lehrer, aus:

„Darum sandte er mich, um getreu dich zu lehren das alles,

Daß du als Mann seist fertig im Raten und rüstig in Taten.“

Die schöne Kunst des spielenden Lernens war noch nicht erfunden; die Erziehung baute auf den Grundsatz:

„Jegliche Tugend des Mannes, dem Schweiße nur ist sie erreichbar.“

Nachdem die Zeit der Kinderspiele vorüber war, wurde der Knabe dem Elementarlehrer (γραμματιστής) übergeben, bei welchem er Lesen und Schreiben lernte. Doch nicht auf bequemen Schulbänken, sondern auf gebogenem Knie, wie der Türke noch heute schreibt, zeichneten die [pg 156]Kleinen ihre Buchstaben mit dem Griffel auf die wachsüberzogene Holztafel. Dazu wurde Homer, Hesiod und Theognis gelesen, von welchen große Stücke auswendig gelernt wurden, und das einfache Rechnen geübt. Beim Musiklehrer (κιθαριστής) lernte der Knabe Gesang, Flöten- und Saitenspiel, wovon die Griechen hohen Gewinn für die Entwicklung des Gemütslebens erwarteten. Indem der Junge hier die Lieder der alten Lyriker singen und spielen lernte, wurde er in die Gesetze der Metrik, Rhythmik und Prosodie (Aussprache) eingeführt. Im Laufe des 5. Jahrhunderts treten hierzu die neuen Lehrfächer Zeichnen und Geometrie. Von der niederen Elementarschule sondert sich der Unterricht beim Literaturlehrer (γραμματικός) ab, welcher den Vortrag und die Erklärung der reichen Literaturwerke umfaßt. Als Hilfsbücher für diesen Unterricht werden Chrestomathien, Anthologien, mythologische Handbücher, chronologische Tabellen und Wörterbücher bearbeitet. Mit der Schulung des Geistes hielt die Bildung des Leibes gleichen Schritt. Den größten Teil des Tages verbrachte der Junge in der Ringschule, Palästra, wo er unter Leitung eines Turnlehrers (παιδοτρίβης) die einfachen gymnastischen Übungen – Sprung, Lauf, Diskoswerfen, Speerschießen und Ringen (vgl. [§ 68]) – pflegte.