„Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen Krittler“, sagte Forest, „und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu [leben] mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen, als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.“
„Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?“ fragte ich.
„Können Sie daran zweifeln?“ antwortete Forest. „Blicken Sie um sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit. Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand. Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein, zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit sich da wohl fühlen solle. — Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter Gleichheit dauern kann.“
„Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer Gesellschaft gebildet habe,“ wandte ich hier ein, „so haben Sie das Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden; aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.“
„So ist es,“ sagte Forest. „Wir haben zuerst den Grundsatz der Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage, welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: „Sind wir alle einander gleich?“ Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; — und dann teilen wir die sämtlichen „Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten, zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.“[ [7] ] Hier sehen wir also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine verschiedene ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache. Die Ungleichheit der Menschen wird also ausdrücklich anerkannt; aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der Gleichheit gleichmäßig verteilt!
„Nun hat ohne Zweifel,“ fuhr Forest mit großem Nachdruck fort, „jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natürlich offenbare Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines „Regierungsgrundsatzes“ verbirgt; denn durch die Einteilung der Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit „nichts ist!“ — Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die Geschichte der Menschheit uns meldet.“
„Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts,“ antwortete ich. „Nun wurden aber zu unserer Zeit von manchen Wortführern der Arbeiter die Arbeitgeber „Lohndiebe“ gehießen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie hätten einen zu großen Anteil von dem für die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde für sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern konnte.“
„Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts,“ rief Forest. „Ich behaupte nur, daß der Wettbewerb, unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem Kommunismus, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit überlegen ist. Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, hätte leicht abgeschafft werden können, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber- oder Genossenschaften vereinigt hätten. Vor 100 Jahren gab es kein Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher hätte hindern können, sich ein Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Näh- und sonstige Maschinen zu kaufen und Schuhzeug für eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter hätte hindern können, ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerkstätten zu kaufen. Wäre dies geschehen, so hätten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten, des Großhändlers, des Kleinhändlers und des Arbeiters erhalten, d. h. allen Gewinn, der überhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller Geschäftszweige hätten sich allmählich zu Genossenschaften vereinigen können, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. — Wenn die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und das Wagnis einer selbstständigen Geschäftsführung auf sich zu nehmen; wenn sie lieber für einen Arbeitgeber thätig waren, diesem die Sorgen und das Wagnis der Geschäftsleitung überlassend; dann hatten sie auch kein Recht, über den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja zugänglich war.
„Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschäftigung suchen, was unsere Arbeiter nicht können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber ist. Der Grundsatz, daß jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden. Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das „Recht“ aufgestellt, den Fleißigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet hätten, würden sie mit verhältnismäßig geringen Schwierigkeiten das gelöst haben, was sie die sociale Frage nannten. — Uns aber würden sie dadurch bewahrt haben vor der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist und verwaltet wird.“