„Die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor aufgehäuft hatte,“ sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs dieser Frage wiedergebend. „Ehe diese Konzentration begann, und als Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten, jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine Ausstände konnten nicht vorkommen.“[ [8] ]
„An Ihrer Stelle, Herr West, würde ich diese Aussprüche des Dr. Leete nicht zu meinen eignen machen,“ sagte Herr Forest lächelnd. „Der Doctor hat häufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese Auseinandersetzungen so oft widerlegt, daß es uns schließlich langweilig wurde. „Streiks“ sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt, verhältnismäßig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete. Eine der größten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte uns berichtet, die „Secessio in montem sacrum“, fand schon 494 vor Christi Geburt statt und während der Jahrhunderte des Mittelalters waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung höherer Löhne sehr häufig; obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war (in Gilden und Zünfte) als die Geldmacht. Und was die Unmöglichkeit der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in der Universitätsbücherei eine deutsche Zeitung zeigen, die „Freie Presse“, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der Redakteur, bei Widerlegung ähnlicher Behauptungen der Kommunisten jener Tage, auf die Thatsache verweist, daß im Jahre 1888 in Chicago 12 000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder Fabrikanten, oder sonst selbständige Geschäftsleute waren. Alle diese Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt. Dies widerlegt die Behauptung, daß die Unbemittelten sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen der Geldmächte befunden hätten. — Nichts ist leichter, als ins Blaue hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist oft schwer. Und Dr. Leete ist groß in solchen wilden Angaben.“
„Führen Sie aber nicht ein höchst angenehmes Leben?“ fragte ich in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen verwies. „Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes? Haben Sie nicht die Armut gänzlich ausgerottet? Und sind nicht diese Errungenschaften kleine Opfer wert?“
„Wir führen kein höchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, daß Sie sowohl die Art, wie die Früchte unserer Civilisation bedeutend überschätzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so läuft diese „Errungenschaft“ im wesentlichen darauf hinaus, daß wir die ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der geschickten und fleißigen Frauen und Männer bereichern. Das hätten Sie vor 113 Jahren auch leisten können, aber Sie waren nicht so einfältig und ungerecht, eine derartige Räuberei zu begehen.“
„Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so kann es ja eine Änderung vornehmen,“ entgegnete ich. „Ihren Äußerungen zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, daß es nur einige Zeitungen giebt, welche die Regierung bekämpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafür zu sein, daß das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge zufrieden ist.“
Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: „Sie sind natürlich der Meinung, daß wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113 Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles anders geworden. Ihre Bürger waren von der Regierung ganz unabhängig, die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade Arbeiten für die Regierung ausführten. Heut greift die Regierung in alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der Gunst der höheren Beamten mehr oder weniger abhängig. Wer es wagt, die Regierung offen zu bekämpfen, der kann sicher sein, daß ihn, seine Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche kühn genug sind, den Grimm der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung der Dinge entschieden mißfällt.“
„Weshalb wählt das Volk dann nicht Leute in den Kongreß, welche die jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erlaß neuer Gesetze ändern?“ fragte ich, überzeugt, daß Forest in seiner Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte.
„Der Kongreß hat heutzutage wenig Einfluß,“ entgegnete Forest. „Die Macht liegt fast ausschließlich in den Händen des Präsidenten und der Vorsteher der zehn großen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschränkte Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkür liegt, jeder Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Mißliebige wieder unter ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine Tyrannenmacht, von der auch nur zu träumen keinem Fürsten Ihrer Zeit eingefallen wäre.“
„Sie wissen natürlich,“ fuhr Herr Forest fort, „daß alle Rekruten während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der gewöhnlichen Arbeiter gestellt werden. „Erst nach dieser Periode, während welcher sie für jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur Verfügung stehen, dürfen [sie] einen besonderen Beruf wählen!“[ [9] ] Sie werden einsehen, daß die jungen Leute während dieser drei [Jahre der Gnade] oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese können einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie können ihn aber auch an schmutzige, ungesunde Beschäftigung schicken. Widerspruch wird nicht geduldet. Denn „ein Mensch, der fähig ist Dienst zu thun, sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.“[ [10] ]
„Sie wissen ferner, daß „über die Leistungen jeder Person Buch geführt, und die besondere Tüchtigkeit erhält ihre Auszeichnung während die Nachlässigkeit ihre Strafe findet.“[ [11] ] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne Zweifel gesagt, daß wir es nicht für weise halten „zu gestatten, daß jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine erhebliche Schuld einschließt, die künftige Laufbahn der jungen Leute schädige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen durchgemacht [haben, steht] in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes, für den sie die meiste Neigung haben, offen.“ Nun werden aber nicht nur Sitten- und Befähigungszeugnisse sorgfältig geprüft, „sondern es hängt auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches während der Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhält.“[ [12] ]