Viertes Kapitel.

„Es steht durchaus im Einklange mit den Naturgesetzen und ist deshalb recht,“ begann Forest unsere nächste Unterredung, „daß ein Mann seinem Sohne, seinen Verwandten und seinen Freunden beisteht und ihnen im Leben vorwärts hilft. Einen Mann, der das thut, würde ich nie tadeln; sondern im Gegenteile diejenigen, welche das unterlassen, was ich für die Pflicht jedes Mannes halte. Selbstverständlich müssen aber der Sohn, die Verwandten oder die Freunde befähigt sein, die Stellungen auszufüllen, für welche sie in Vorschlag gebracht werden. — Ich entsinne mich, daß einige Geschichtsschreiber über die Günstlingswirtschaft geschrieben haben, welche zu ihrer Zeit bei der Vergebung von Bundesämtern geherrscht haben soll und daß besonders General Grant beschuldigt wurde, alle Zeit seine Verwandten und Freunde bei Anstellungen bevorzugt zu haben. Das aber gefällt mir gerade an dem großen Feldherrn, daß er an seinen Freunden so unerschütterlich festhielt und ich [entschuldige] deshalb um so lieber die Mißgriffe, die er mitunter bei der Auswahl der Beamten machte. Denn diese Mißgriffe wurden veranlaßt durch sein gutes Herz, das seinen Freunden immer treu und mitunter geneigt war, deren Befähigung und Ehrenhaftigkeit zu überschätzen. Wenn die Bande des Blutes und der Freundschaft nicht mehr zusammenhalten, worauf sollen wir dann noch vertrauen? Und da jedermann naturgemäß die Gesinnung und die Befähigung seiner Verwandten und Freunde besser kennen muß, als die Eigenschaften andrer Leute, so ist es ganz in der Ordnung, daß er die ihm Nahestehenden, deren Befähigung er kennt, zunächst anstellt.“

„Einer der vielen großen Schäden, an welchen unser öffentliches und gewerbliches Leben krankt, ist der Umstand, daß unter ihm nicht nur die Günstlingswirtschaft, sondern auch die Korruption im größten Umfange wuchern muß. Vor hundertunddreizehn Jahren konnten die Männer, welche an der Spitze der Vereinigten Staaten standen, oder solche, die in den nächsten Regierungskreisen Einfluß hatten, mitunter nach Willkür Stellungen besetzen, in welchen für wenig Arbeit ein gutes Gehalt bezahlt wurde; aber solcher Ämter gab es nur verhältnismäßig wenige. Die Zahl der von der Bundesregierung angestellten Beamten betrug, wenn ich nicht irre, nur etwa 80 000 und die Mehrzahl dieser 80 000 Ämter bestand aus kleinen Postmeisterstellungen. Diese Postmeister in kleinen Dörfern und Landbezirken erhielten gar kein Gehalt, sondern einen Teil des Geldes, welches sie für verkaufte Briefmarken einnahmen und dieses Einkommen war ein so bettelhaftes, daß nur Kaufleute, welche ohnehin den Tag über in ihren Läden zubrachten und die „Ehre“ nebst dem kleinen Gewinn so nebenbei mitnahmen, ein solches Bundesamt annehmen konnten. Dazu kam, daß die verhältnismäßig geringe Anzahl solcher Bundesämter, welche als „Sinekuren“ bezeichnet werden konnten, alle vier oder spätestens alle acht Jahre neu besetzt wurden. Unsere Regierungen haben aber ein längeres Leben. Diejenige, welche zuletzt abwirtschaftete, hat sechsundzwanzig Jahre gedauert. Und die Zahl der Stellungen, welche unsere Regierung zu vergeben hat, ist sehr groß. Für je zwölf Frauen oder Männer haben wir einen Aufseher oder Lieutenant; von den Hauptleuten, Obersten usw. gar nicht zu reden. Und was wir gar auf dem Gebiete der Schreiberei leisten, ist einfach ungeheuerlich. Wie sie vermutlich wissen, führen wir sowohl in der Arbeits- wie in den Verteilungsabteilungen Buch; ja noch mehr: jeder Bewohner und jede Bewohnerin der Vereinigten Staaten hat in den Regierungsbüchern ein Soll und ein Haben!“[ [20] ]

„Angesichts unserer großen und beständig wachsenden Bevölkerung ist das, wie Sie wohl einsehen werden, eine Riesenarbeit. Sie wissen ja, daß das nordamerikanische Gebiet, welches früher unter englischer Regierung stand, mit den Vereinigten Staaten vereinigt wurde und daß unsere Bevölkerung sich nach der Zählung von 1990 auf 414 000 000 belief. Sie wird jetzt auf 500 000 000 Menschen geschätzt.“[ [21] ]

„Die ungeheuer umständliche Buchführung, welche durch den Kommunismus notwendig gemacht wird und die Kürze der Arbeitszeit, welche die Buchhalterinnen und Buchhalter als Günstlinge der Parteiführer genießen, machen es notwendig, daß für je fünfzig Menschen ein Buchhalter angestellt wird. Unter der letzten Regierung hatten wir sogar für je zweiundvierzig Einwohner einen Rechenkünstler. Dies giebt der Regierung Gelegenheit, nach eigener Willkür 10 Millionen Frauen und Männern reinliche und bequeme Arbeit zuzuerteilen. Zu diesen 10 Millionen guten Stellungen müssen Sie noch etwa eben so viele Offiziersposten im Arbeiterheere und die Stellungen in den Warenniederlagen der Regierung rechnen; von andern begehrenswerten Anstellungen gar nicht zu reden. Hiernach können Sie ohne weitere Erklärung die außerordentliche Macht ermessen, welche die Regierung durch die Anstellungsgewalt allein ausübt und welche Versuchung die Ausübung dieser unerhörten Macht im Gefolge hat.“

„Ist es denn nicht notwendig,“ fragte ich, „daß diejenigen, welche sich um eine an Verantwortlichkeit reiche Stellung, wie die eines Buchhalters, bewerben, die nötigen Studien machen und eine Prüfung ablegen müssen, ehe sie so wichtige Pflichten übernehmen?“

„Das Buchhalten bildet einen Teil des Lehrplans in unsern Schulen,“ antwortete Forest. „Übrigens wird die Buchhalterei bei uns nicht sehr gewissenhaft besorgt. Deshalb lastet die Verantwortlichkeit nicht allzu schwer auf den Schultern der Günstlinge unserer Regierung, und ich glaube nicht, daß einer der Bevorzugten sich dieserhalb Sorgen macht. Es ist natürlich für jemanden, der außerhalb des Regierungskreises steht, nicht möglich, mit Bestimmtheit zu sagen, wie schlecht die Bücher geführt werden. Als indes die letzte Regierung vor zwölf Jahren aus dem Amte schied, wurde ein schier unergründlicher Pfuhl von Verderbnis und Betrügereien aufgedeckt. Der Wert aller vorhandenen Warenbestände wurde festgestellt und es wurde ermittelt, daß Güter im Werte von 432 000 000 Dollar fehlten. Die Mitglieder der abgesetzten Regierung erklärten allerdings, daß diese Angaben falsch und nichts als böswillige Verleumdungen seien, daß die neue Regierung Buchhalter eigens zu dem Zwecke angestellt habe, einen Diebstahl von mehr als vierhundert Millionen Dollars herauszurechnen, nur damit die Mitglieder der früheren Verwaltung als Schurken politisch tot gemacht würden. Die abgegangenen Beamten gaben zu, daß Waren fehlen könnten, weil die Angestellten in den Warenhäusern stets reichliches Maß und Gewicht gegeben hätten; doch könnte dieser Fehlbetrag nicht als ein Beweis der Unehrenhaftigkeit der letzten Regierung gelten und nimmermehr die Riesensumme von 432 000 000 Dollar erreichen. Andererseits bestanden aber die neuen Beamten auf ihren Angaben und schrieben den Fehlbetrag der Korruption unter der letzten Regierung zu, deren Mitglieder mehr Waren entnommen hätten, als ihnen zukam, ohne daß aus ihren Anteilscheinen der entsprechende Betrag herausgestochen wurde.“