„Vor 113 Jahren wurde auf die große Zahl der Selbstmörder in den europäischen Heeren aufmerksam gemacht,“ bemerkte ich nachdenklich. „Diese Leute töteten sich, obschon sie in Bezug auf Kleidung, Nahrung und Wohnung keinen Mangel litten.“
„Allerdings,“ bestätigte Forest. „Die notwendigen Lebensmittel ohne Freiheit haben nur geringen Wert. Viele Soldaten Ihrer Tage machten ihrem Leben ein Ende, weil sie ein Dasein ohne Freiheit nicht führen mochten. Sie warfen das Leben von sich, trotzdem ihre Dienstzeit nur zwei, drei oder fünf Jahre dauerte und sie in Friedenszeiten einen verhältnismäßig leichten Dienst hatten. Der Dienst in unserem Arbeiterheere dauert die besten 24 Jahre unseres Lebens. Die Männer und Frauen sind während dieser langen Zeit der Willkür ihrer Vorgesetzten preisgegeben und sie können, wie ich schon hervorhob, gegen jahrelange Mißhandlung durch den einen Angestellten der Regierung nur bei einem andern Angestellten der Regierung Klage führen. Und diese sogenannten „Richter“ entscheiden solche Fälle endgültig meist dadurch, daß sie die Kläger auffordern, wieder an ihre Arbeit zu gehen und sich mit der Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten die Aussicht auf Beförderung zu erwerben.“
„Sie sprachen von Politikern, Herr Forest,“ fragte ich. „Nehmen viele Männer thätigen Anteil am politischen Leben?“
„Das will ich meinen,“ rief Forest; „obschon allerdings in ihrer eigenen Weise. Viele Männer und viele Frauen, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr [zurückgelegt] haben, thun nichts weiter, als daß sie sich mit Politik beschäftigen. Mit ihrem Guthabensscheine können sie leben, wo sie wollen und viele ziehen es vor, ihre Zeit in Washington zu verbringen, wo sie eifrig und geschäftig sind, für ihre Freunde und Schützlinge Gunstbezeugungen zu erjagen, sowie für solche Leute, welche sich der Dienste dieser Politikanten versichert haben. Die „Lobby“, welche zu Ihrer Zeit in den Hallen des Kongresses ihr Unwesen trieb, wird als eine böse Gesellschaft raubsüchtiger, gewissenloser Abenteurer beschrieben, welche sich gegen gute Bezahlung dazu gebrauchen ließen, die Kongreßmitglieder zum Erlaß von Gesetzen zu Gunsten einzelner Personen und Körperschaften zu verleiten. Wenn man aber jene nicht sehr zahlreiche und im äußeren Auftreten immerhin einigermaßen anständige Lobby mit den Washingtoner Wahlmachern unserer Tage vergleichen wollte, so würde das etwa dasselbe sein, als wenn man eine Sonntagsschule mit einer Reformschule vergliche, wie solche zur Besserung junger Taugenichtse in Ihren Tagen unterhalten wurden. Millionen von Leuten, welche bessere Arbeit, oder Beförderung wünschen und sich von dem Einfluß, den sie daheim geltend machen können, keine Wirkung versprechen, wenden sich an die Politikanten in Washington und sichern sich deren Dienste.“
„Aber was kann derjenige, welcher Vergünstigungen sucht, denjenigen bieten, welche in Washington wohnen, um diese zur Aufbietung ihres etwaigen Einflusses zu veranlassen,“ fragte ich; „heutigen Tages sammelt doch niemand Schätze?“
„Das thut allerdings niemand,“ antwortete Forest lächelnd. „Aber manche Leute wollen sich von Zeit zu Zeit „vergnügte Tage“ machen und zu diesem Zwecke brauchen sie vielleicht alljährlich den fünf- oder zehnfachen Betrag ihres Guthabensscheines. Manche unserer politischen Lichter führen das, was man ein „großes Haus“ nennt. Sie empfangen viele Gäste, bewirten dieselben mit feinen Speisen und guten Weinen und manche unserer hervorragenden Lobbyisten thun dasselbe. Wer von diesen Leuten eine Begünstigung verlangt, muß einen namhaften Teil seines Guthabensscheines abgeben und er mag sich, wenn er befördert wird, an seine künftigen Untergebenen wegen eines reichen Ersatzes für das nach Washington Abgegebene halten.“
„Weshalb sind aber die Leute mit ihrem gesetzlichen Einkommen nicht zufrieden?“ fragte ich, schmerzlich überrascht davon, daß jetzt die Wahlmacherei und die Verderbtheit noch üppiger zu wuchern schienen, als vor 113 Jahren. „Ist nicht das Einkommen, welches ein Guthabensschein gewährt, genügend zum Lebensunterhalte des Volks?“
„Sie können die Menschen niemals zufriedenstellen,“ sagte Forest. „Heutzutage wird der tüchtige und fleißige Teil des Volks zu Gunsten der Faulen und Dummen beraubt. Selbst die Begünstigten müssen sich die Unverschämtheiten, die Erpressungen und Erniedrigung seitens ihrer Vorgesetzten gefallen lassen.“
„Und selbst die Männer und Frauen von den allergeringsten Fähigkeiten, welche aus der gleichmäßigen Verteilung der Arbeitsergebnisse den meisten Vorteil ziehen, sind nicht einmal sämtlich zufriedengestellt. Manche derselben fordern die Abschaffung alles persönlichen Eigentums und abgesonderter Haushaltungen. In der That ist nur ein kleiner Teil unserer Bevölkerung wirklich zufrieden. — Zur Bestreitung größeren Aufwandes für feine Speisen, kostbare Mahlzeiten, teure Weine und Havannacigarren reichen die Guthabensscheine nicht aus und Leute, welche dergleichen regelmäßig genießen möchten, müssen sich nach Menschen umsehen, welche unter Umständen bereit sind, dafür zu bezahlen. — In Washington leben aber nicht nur sogenannte „Lebemänner“, sondern auch viele Mädchen und junge Frauen, welche Liebeleien, üppige Mahlzeiten, feine Kleider und Juwelen, sowie den Strudel eines wilden, lüderlichen Lebens der regelmäßigen Thätigkeit im Arbeiterheere oder in der Haushaltung vorziehen.“