„Die Prostitution wuchert also in Washington nach wie vor?“ fragte ich erstaunt.

„Leider ist dem so,“ entgegnete Forest. „Natürlich bekleiden jene Mädchen Schreiber- oder Buchhalterstellen in den verschiedenen Regierungsabteilungen; aber diese Posten sind nur Sinekuren. Von Freunden, welche aus eigner Anschauung diese Geheimnisse des Washingtoner Lebens kennen lernten (und man kann da eigentlich kaum noch von Geheimnissen reden, da dieses Treiben allgemein bekannt ist), habe ich die Ansicht aussprechen hören, daß manche der höheren Beamten den fünfzigfachen Betrag ihrer Guthabensscheine mit leichtfertigen Frauenzimmern verausgaben. Dieses Geld erlangen sie teilweise dadurch, daß sie den Leuten, welche Begünstigungen suchen, einen Betrag ihres Guthabenscheines abnehmen. Ein anderer Teil der vergeudeten Summen kommt aus den Warenlagern der Regierung, wo nur ein kleiner Betrag dessen, was diese hohen Beamten entnehmen, aus deren Guthabensscheinen herausgestochen wird. Denn die in den Warenlagern Angestellten wissen, daß sie sehr bald ihre Stellungen verlieren und in die zweiten Abteilungen des dritten Grades einer Zunft versetzt werden würden, falls sie sich beikommen ließen, die politischen Größen der Regierung, welche Waren entnehmen, wie gewöhnliche Leute zu behandeln. Der Reiz, welchen dieses üppige Leben auf viele Männer und Frauen ausübt, hat, wie ich schon erwähnt, die Bevölkerung Washingtons außerordentlich vermehrt und es ist demzufolge die volkreichste Stadt im Lande.“

„Ich kann nicht begreifen, wie das Volk eine so verderbte und willkürliche Regierung wie die von Ihnen geschilderte dulden kann,“ sagte ich; „und ich bin überzeugt, daß Ihre zur Schwarzseherei neigende Lebensauffassung Ihr Urteil getrübt hat.“

„Es liegt nur an Ihnen, wenn Sie in Zweifel darüber bleiben, ob meine Angaben richtig sind, oder nicht,“ antwortete Forest. „Wenn Sie um Urlaub zu dem Zwecke nachsuchen, unsern Herrschern in Washington einen Ihrer begeisterten Vorträge über die Vorzüge der jetzigen Gesellschaftsordnung zu halten, so wird man Ihnen hier mit Vergnügen gestatten, Ihre Vorlesungen eine Zeitlang auszusetzen und in Washington wird man Sie glänzend empfangen. Denn die Begeisterung, mit welcher Sie unsere Einrichtungen gegenüber denen des neunzehnten Jahrhunderts preisen, gießt ja Wasser auf die Mühlenräder der Regierung. Sie werden dann den Stand der Dinge genau so finden, wie ich ihn geschildert habe und wenn Sie mit den Mitgliedern des Arbeiterheeres, sowie mit deren Freunden sprechen, welche die Regierung unterstützen, dann werden Sie erfahren, daß dies lediglich deshalb geschieht, weil sie an der Möglichkeit einer Besserung unter dem jetzigen System verzweifeln und nur eine Verschlimmerung für den Fall fürchten, daß die Radikalen ans Ruder kommen.“

„Wie könnten die öffentlichen Angelegenheiten sich noch schlimmer gestalten, als sie Ihrer Schilderung nach schon sind?“ rief ich aus.

„Viele Leute fürchten, daß die Radikalen die Ehe beseitigen und „freie Liebe“ mit allen ihren Folgen dem Volke aufdrängen würden,“ erklärte Forest. „In der That fordern die radikalen Zeitungen — die einzigen Blätter, welche eine rücksichtslose Sprache gegen die Regierung führen, und diese scharf angreifen — Verbot aller religiösen Gebräuche, Abschaffung der Ehe, Aufhebung der Familie, der besonderen Haushaltungen und Abschaffung des geringen persönlichen Eigentums, welches zu besitzen, den Leuten heute noch gestattet ist.“

„Aber wie lassen sich solche Äußerungen und Forderungen der radikalen Zeitungen in Einklang bringen mit dem, was Sie über die Behandlung von Gegnern der Regierung erzählten?“ fragte ich. „Wenn es gebräuchlich ist, die Gegner der Regierung in Irrenhäuser zu sperren, so begreife ich nicht, wie den radikalen Zeitungen gestattet werden kann, so scheußliche Grundsätze zu predigen.“

Forest lachte, als er entgegnete: „Die radikalen Redakteure werden begünstigt und nehmen eine Ausnahmestellung ein; denn sie leisten der Regierung wertvolle Dienste, indem sie die Masse des Volkes in Unterwürfigkeit gegenüber der Regierung hineinängstigen. Jedesmal, wenn eine Wahl der Zunftgenerale bevorsteht, dürfen die Redakteure der Radikalen Zeitungen ihre volle Leistungsfähigkeit im Schimpfen und in der Stellung wahnsinniger Forderungen entwickeln. Einige Tage vor der Wahl drucken dann die Regierungszeitungen Auszüge aus jenen unflätigen Angriffen auf Religion, Ehe und Familienleben nach und fragen das Volk, ob es solche Änderungen wünsche. Dann wird das Volk aufgefordert, die Regierung zu unterstützen, welche zwar nicht alle Leute zufriedenstellen könne, immerhin aber die beste sei, welche auf Erden jemals bestanden habe — und so weiter mit Grazie bis ins [Unendliche.“]

„Die radikalen Redakteure werden also einfach als Popanze geduldet, welche das Volk einschüchtern müssen, während es den gemäßigten Schriftstellern nicht gestattet wird, gegen die jetzige Gesellschaftsordnung oder gegen die Regierung einen Tadel auszusprechen?“