„So ist es,“ bestätigte Forest. „Ich fürchte indes, daß die Regierung ein sehr gewagtes Spiel spielt. Die Radikalen gewinnen unzweifelhaft Boden und es giebt unter ihnen sehr viele verzweifelte Burschen, welche zu jeder Zeit bereit sind, die schwarze Fahne der Zerstörung zu entfalten. Wäre das Volk frei und unabhängig, so wäre die Gefahr nicht so groß. Dann würden alle freien Männer sich zur Verteidigung der von ihnen geschätzten staatlichen Einrichtungen sammeln. Wie aber die Dinge jetzt stehen, sind die Massen gewöhnt, sich unter die Herrschaft einer Minderheit zu beugen. Der Aufstand eines Haufens zu Allem entschlossener Männer würde deshalb vergleichsweise geringen Widerstand von seiten der Bürger finden, die bereit wären für die Aufrechterhaltung der jetzigen Ordnung der Dinge zu kämpfen. Und es wird ein verhängnisvoller Tag für die Menschheit werden, an welchem die Radikalen die Herrschaft gewinnen.“

„Haben Sie mir nicht mitgeteilt, daß vor zwölf Jahren die damalige Regierung die Wahl verlor und dadurch gestürzt ward?“ warf ich ein. „Und beweist das nicht, daß selbst eine Regierung mit einer Machtvollkommenheit wie die Ihrige schließlich doch geschlagen werden kann? Und sagten Sie nicht ferner, daß die jetzigen Oberbeamten tüchtigere, bessere Leute seien, als diejenigen, welche die letzte Regierung bildeten?“

„Eine Besserung in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ist nicht in Abrede zu stellen; aber diese Besserung ist nicht sehr wesentlich. Es hat in Wirklichkeit nur ein Wechsel der Beamten, nicht aber eine Änderung des Systems stattgefunden. Günstlingswirtschaft, Bestechlichkeit und Sittenverderbnis haben etwas abgenommen; aber sie sind nicht ausgerottet worden. Sie wuchern im Gegenteile noch immer viel zu üppig. — Gerade diejenigen Leute, welche sich vor zwölf Jahren im Kampfe besonders hervorthaten, mit Begeisterung die Erwählung der jetzigen Parteiführer betrieben, weil sie von denselben die Reinigung unseres öffentlichen Lebens und die Abstellung aller Übelstände erhofften; gerade diese Leute haben jetzt alle Hoffnung aufgegeben, daß unter dem Kommunismus eine gerechte und ehrliche Regierung überhaupt bestehen könnte. Jener Wahlsieg hat also, eben weil er im wesentlichen nur auf einen Personenwechsel hinauslief, das Vertrauen des Volkes auf eine Besserung der Zustände unter dem jetzigen System vernichtet. Mithin hat der Sieg mehr geschadet, als genützt. Der stärkste und verläßlichste Bestandteil unserer Bevölkerung in einem Kampfe für vernünftige Regierungsgrundsätze würden unsere Bauern sein; aber trotz ihrer großen Zahlen bilden sie nur eine Zunft. Sie haben nur einen General und einen Abteilungsvorsteher stets in der Minderheit. Und weil sie Gegner der jetzigen Regierung sind, werden sie nicht so gut behandelt, wie die Mitglieder der anderen Zünfte.“

„Erhalten die Bauern nicht dieselben Guthabensscheine wie alle anderen Bürger?“

„Allerdings; aber sie beklagen sich, daß sie die schlechtesten Waren erhalten und nicht den vollen Anteil an öffentlichen Einrichtungen oder Verbesserungen. Sie behaupten, daß sie beständig zurückgesetzt werden. — Die Bauern würden die verläßlichsten Kämpfer gegen die Radikalen sein; aber die Behandlung, welche ihnen von seiten der Regierung zu teil geworden ist, hat sie so mißvergnügt gemacht, daß bei einem Kampfe für die Aufrechterhaltung der jetzigen Regierung, oder auch nur des jetzigen Systems, durchaus nicht auf sie zu rechnen ist. Besonders klagen die Bauern darüber, daß die Städter bei Anlage von Theatern, Musikhallen und anderen Vergnügung- und Erholungsplätzen entschieden bevorzugt würden. Es ist natürlich unmöglich, an jedem Kreuzwege im Lande ein Theater oder eine Konzerthalle zu bauen: aber wenn die Bevölkerungszahl in Stadt und Land in Betracht gezogen wird, so muß zugegeben werden, daß die Bauern im Verhältnis zu ihrer Zahl recht kümmerlich bedacht werden. Die Regierung rechnet auf die Unterstützung der Stadtleute und solcher Zünfte, welche hauptsächlich aus Städtern gebildet werden; deshalb werden die Städter auf Kosten der Bauern bevorzugt. Eine andere Klage der Bauern geht dahin, daß sie bei der Austeilung der Waren übervorteilt worden. Infolge des wechselnden Geschmacks, des jahreszeitwidrigen Wetters und verschiedener anderer Ursachen bleiben in den Warenhäusern oft Reste liegen, welche „mit Verlust verkauft“ werden müssen.[ [24] ] Diese Waren kann die Regierung verkaufen, wann sie will, d. h. wann sie meint, die besten Preise dafür erhalten zu können. Die Regierung kann aber auch allein darüber bestimmen, welche Waren zu herabgesetzten Preisen verkauft werden sollen. Nun behaupten die Bauern, daß verlegene, unmoderne und schlechte Waren den Landbewohnern als neu aufgeschwindelt werden; während Begünstigte Waren zu herabgesetzten Preisen erhalten, die ganz neu und fehlerlos sind. — Ich will durchaus nicht behaupten, daß alle Klagen unserer Bauern begründet sind. Teilweise mag dies nicht der Fall sein. Aber die Klagen an sich sind ein Beweis der Unzufriedenheit und sie sind nur möglich, weil unsere Regierung mit einer Machtvollkommenheit bekleidet ist, welche in der Geschichte der Menschheit unerreicht dasteht. Es ist das System, welches alle diese Übelstände erzeugt.“

„Bestehen außer der radikalen und der Regierungspartei noch andere Organisationen, welche nach der Leitung der Staatsangelegenheiten streben?“

„Wir haben eine Temperenzpartei, welche sehr thätig und gut organisiert ist; aber dieselbe sucht nur innerhalb der Regierungspartei und durch diese zur Macht zu gelangen. Die Regierung zeigt keine Feindseligkeit gegen die Mitglieder dieser Fraktion, sondern läßt sie gewähren. Bisher haben sie keine nennenswerten Erfolge errungen.“

„Ich sehe wohl, daß Sie der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht viel Anerkennung zu teil werden lassen für irgend etwas, was unter ihr geschehen ist. Aber glauben Sie denn nicht, daß die Beseitigung der Armut, die Erhebung aller Menschen auf den Standpunkt annähernder Gleichheit große und unschätzbare Errungenschaften des Menschengeschlechtes darstellen? Ich entsinne mich nur zu wohl der unsagbaren Leiden, welche die Armen meiner Zeit zu erdulden hatten. Ich bin nicht genügend mit der jetzigen Ordnung der Dinge vertraut, um alle Ihre Mitteilungen und Ansichten gutheißen oder ihnen widersprechen zu können. Aber ich betrachte die gänzliche Beseitigung der Armut als eine so großartige Errungenschaft, daß ich trotz Ihrer Verdammung des jetzigen Systems die Hoffnung nicht aufgebe, es werde der jetzigen Gesellschaft gelingen, die Unzulänglichkeiten zu überwältigen, welche von allen menschlichen Anstrengungen und Einrichtungen unzertrennlich sind.“

„Mein verehrter Herr West, es freut mich außerordentlich wahrzunehmen, daß Sie in Ihren letzten Äußerungen zur Verteidigung des Kommunismus dieselben Gründe vorführen, welche zu Ihrer Zeit die Verteidiger Ihrer Gesellschaftsform gegen die Kommunisten geltend machten. Es beweist das einfach zweierlei: Erstens, daß uns unter Gottes Sonne auf der Erde nichts vollkommen ist und zweitens, daß auch jede Regierung das zugestehn muß. Die Abschaffung der wirklichen Armut hätte, wie ich später über jeden Zweifel hinaus beweisen werde, auch ohne den Rückfall in den Kommunismus durchgeführt werden können. Dadurch wären uns die schauderhaften Folgen dieser elenden Gesellschaftsform erspart worden. Die Thatsache, daß die Regierungsbeamten die im Arbeiterheere stehenden Freunde ihrer Gegner wie Sklaven behandeln können und daß selbst solche Freunde von Gegnern der Regierung, die sich durch Tüchtigkeit bereits emporgearbeitet hatten, bei der jährlichen Neueinteilung in die zweite Abteilung des dritten Grades zurückversetzt werden können, die Günstlingswirtschaft, welche die Regierung eingeführt hat, haben eine unerhörte Schmeichelei, Knechtschaffenheit, Verläumdungssucht und Verderbtheit großgezogen. Nie hat es in der Geschichte der Amerikaner eine Zeit gegeben, in welcher im öffentlichen wie im geschäftlichen Leben so wenig Unabhängigkeitssinn und Mannhaftigkeit zu Tage traten. Als vor zweihundertunddreißig Jahren England den Versuch machte, eine Theesteuer einzuführen, da erhoben sich die Amerikaner in Waffen, weil sie nicht gesonnen waren, der Regierung die Auferlegung einer Steuer zu gestatten, so lange die Amerikaner keine Vertretung in dem Parlamente hatten, welches diese Steuer ausschrieb. Heute verfügt die Regierung über die Arbeit aller Männer und Frauen während vierundzwanzig langer Jahre, ohne daß der Blüte des amerikanischen Volks auch nur eine Gelegenheit gegeben würde, darüber abzustimmen, wie die Regierung die Arbeit derjenigen leiten soll, welche alles das erzeugen, wovon das ganze Volk lebt! Diese elende Sklaverei, welche nie zuvor unter civilisierten Völkern bestanden hat, kann nicht lange mehr dauern. Sie wird in einem Meere von Blut untergehen. Denn wahr ist das Wort Schillers: