Vor dem Sklaven, wenn er die Ketten zerbricht;
Vor dem freien Manne erzittere nicht.
Fünftes Kapitel.
Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestürzt in das tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trübsinns.
Dr. Leete und dessen Familie entging natürlich mein gedrücktes, verstörtes Wesen nicht und während der Doctor offenbar darauf wartete, daß ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen würde, suchte Edith mich zu trösten. Sie schien zu glauben, daß das Fremdartige meiner Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich ausübe.
Ich vermied indessen eine Erklärung. Ich hatte beschlossen, meine Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prüfung der Zustände eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne Anschauung konnte ich zu einem selbständigen Urteil darüber gelangen, wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei.
Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universität ging, oder von dort zurückkehrte, die Straßen entlang und sprach mit allen Leuten, die ich kennen lernte. Es erschien mir höchst befremdend, daß alle sehr zurückhaltend wurden, ja ängstlich und mißtrauisch erschienen, sobald ich an sie Fragen stellte über die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten, über die Grundsätze, auf welchen unser Staatswesen ruht, über das Benehmen der Offiziere, über die Verwaltung der Warenlager, sowie darüber, ob das Volk sich glücklich fühle oder nicht.
Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schließen konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstärksten Ausdrücken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen die höchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit mitteilsam, daß sie erklärten, sie fänden an der Arbeit in den Fabriken gar keinen Gefallen.
Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurückhaltend in dem Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch klar, daß Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die höchsten Beamten des Landes konnte mich natürlich nicht überzeugen, daß die erhobenen Beschuldigungen begründet wären. Bemerkenswert erschien es mir aber, daß die Frauen und Männer des Arbeiterheeres, mit welchen ich über jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen einließen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoßen, so lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, für die Regierung einzutreten.
So drängte sich mir die Überzeugung auf, daß auch die Gütergemeinschaft nicht die allgemeine Glückseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte, welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber ich war zu der Annahme geneigt, daß die Leute im allgemeinen recht angenehm lebten, ohne große Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden mit ihrem [Lose, aber] auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu ändern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig träge und schwerfällig wäre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen Anteil nähmen.