„Dessen bin ich nicht so sicher,“ antwortete Dr. Leete nachdenklich. „So weit ich ihn kenne, sind seine Gefühle, wenn einmal erregt, tief und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist es gefährlich, den Stimmungen eines solchen Menschen ausgesetzt zu sein.“
Widerstreitende Gefühle und Gedanken füllten mir Herz und Hirn. Ich war überzeugt, daß eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen Streit mit Dr. Leete führen könnte und ich war nicht in der Stimmung, eine längere Erörterung mit ihm zu führen. So schützte ich denn starkes Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an.
Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach dem tausendjährigen Reiche menschlicher Glückseligkeit, von welchem Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen Fest und der Familie des Dr. Leete, daß die Zufriedenstellung der Menschheit durch die Einführung des Kommunismus, d. h. durch genügende Beherbergung, Kleidung und Abfütterung aller Leute, auch nicht erreicht wird. Haß und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz der Mann zu sein, um mir sein Mißbehagen klar zu machen. Das Mittel, durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttäuschten Liebhabers verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwärtiger, als die Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne auch nur die Möglichkeit der Klage offen gelassen hätte, daß sie mit ihm kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklärung ermutigt hätte.
Als ich Herrn Forest nach meiner nächsten Vorlesung traf, warf ich die Frage hin: „Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte Damen zu nennen pflegten?“
Forest warf einen schnellen, prüfenden Blick auf mein blasses Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und entgegnete dann: „Der blödsinnige Versuch, die in der Natur begründete Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht verschont. Beide Geschlechter gehören dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Königin Ihres altväterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere Mahlzeiten in großartigen Dampfabfütterungsanstalten ein und wenn unsere Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal siegen sollten, dann werden wir alle in großen Kasernen leben, welche Tausende von Menschen beherbergen können. Die Ehe und das Familienleben werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persönliches Eigentum; freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein führen wie eine Kaninchenherde. — Das natürliche Schicklichkeitsgefühl, welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist, hat es glücklicherweise verhindert, daß die Mehrzahl unserer Frauen und Mädchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum Opfer gefallen ist. Aber das echte Mädchen unserer Zeit ist ein sehr merkwürdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschöpf. Haben Sie schon Fräulein Cora Delong, eine Base des Fräulein Leete, kennen gelernt?“
„Bisher ist mir das Vergnügen versagt gewesen.“
„Sie werden ihr nicht entgehen,“ weissagte Forest mit einem heiteren Lachen. „Fräulein Cora ist eine begeisterte Vorkämpferin für die unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Männer den jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hält es Fräulein Cora für recht und billig, daß sie den jungen Männern die Cour schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, daß sie deren Schönheit bewundert, daß sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen Küsse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge Männer die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen. Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz, sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und bitter beklagen sich Cora Delong und Mädchen ihresgleichen, daß sie nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können.“
„Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Fräulein Delong zu machen,“ gestand ich. „Und auf Grund meiner persönlichen Erfahrung muß ich sagen, daß mir die frühere Art des Haushaltens viel angenehmer erscheint. Führen aber die Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.“[ [26] ]
„Dr. Leete ist ein großer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus das Wort zu reden,“ antwortete Forest „Es ist einfach unmöglich, mit einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mädchen und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit der Angaben Ihres Gastfreundes, „daß wir mehr Arbeit aus den Frauen herauswirtschaften“ (wie Dr. Leete sich ausdrückt) als Sie aus den Frauen Ihrer Zeit.“
„Das besondere Kochen, Waschen und Plätten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts muß doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt werden,“ bemerkte ich. „Dazu kommt, daß, wie Dr. Leete versichert, es heute keine Hausarbeit mehr giebt.“[ [27] ]