„Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so stark ist,“ antwortete Forest. „Wer fegt die Zimmer, macht die Betten, reinigt die Fenster, staubt die Möbel ab und scheuert den Fußboden? Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht alle Arbeiten im Hause des einflußreichsten Vertreters der Regierung in Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Fräulein Edith Hausarbeit oder überhaupt welche Arbeit verrichten sehen?“

Ich mußte diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen, daß Edith einen Blumenstrauß gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mußte sie eine Stellung einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte mir gegenüber niemals davon gesprochen, daß ihr irgend welche Pflichten oblägen und ich erinnerte mich recht wohl, daß Dr. Leete gleich in den ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, daß Edith eine „unermüdliche Bazarbesucherin“ sei,[ [28] ] dadurch andeutend, daß sie viele müßige Stunden habe.

„In den Häusern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen, haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps, d. h. von den Frauen der „industriellen Armee“. Sie müssen alle die Arbeit, welche ich erwähnte, selbst verrichten, und für sie ist das Kochen in den großen Speisehäusern keine so große Zeitersparnis, wie Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen müssen dreimal des Tages ihre Kleider wechseln; denn sie können nicht in dem Anzuge bei Tische erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und wenn sie kleine Kinder haben, müssen sie dieselben ebenfalls dreimal sorgfältiger ankleiden, als dies notwendig wäre, wenn die Kinder daheim essen würden.“

„Bei dem Kochen in den großen Speisehäusern,“ fuhr Forest fort, „wird erfahrungsgemäß mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb, daß die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner müssen diese großen Kosthäuser einen langen Speisezettel zusammenstellen, und je mannigfacher die Kost, desto größer ist auch die Menge der Überbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden können. — Aus den angeführten Gründen haben die verheirateten Frauen, welche Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig [Zeit, außer] der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben würde lieber zu Hause kochen. Sie könnten dann, während sie mit ihrem Haushalte beschäftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen für die gemeinschaftlichen Abfütterungen. Besonders die Familien mit vielen Kindern würden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie ist es eben so schwierig, wie umständlich, in den großen Koch- und Abfütterungsanstalten geeignete Kost für die Kranken zu erlangen. Eine Frau Hosmer sagte mir vor einigen [Tagen, daß] sie und ihre sieben Kinder schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer möglich war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden und zu waschen.“

„Wie beschäftigen Sie die verheirateten Frauen?“ fragte ich.

„Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen Ordnung,“ antwortete Forest. „Die meisten verheirateten Frauen finden an der Thätigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die Kinder veranlassen, und persönliches Unwohlsein werden am häufigsten als Entschuldigungsgrund geltend gemacht für die Abwesenheit der verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.“

„Ich glaube, daß es selbst für einen Arzt sehr schwierig ist, festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begründet sind, oder nicht,“ bemerkte ich.

„Ganz gewiß. In den meisten Fällen ist es für den Arzt unmöglich, die Frauen zu beschuldigen, daß sie Unwohlsein heucheln und diese Beschuldigung zu erweisen,“ fuhr Herr Forest fort. „Diese Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die Thatsache, daß die Sorge für ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, — diese Umstände werden von den radikalen Kommunisten zur Unterstützung ihrer Forderung geltend gemacht, daß die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden müsse. Die Radikalen behaupten, daß ihr System ein viel gedeihlicheres sein würde, als das unsrige. Es würde viel billiger sein, Hunderte oder Tausende in einem Gebäude unterzubringen und zu beköstigen, als Häuser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien wohnen können. Sie behaupten ferner, daß nach Beseitigung der Ehe und nach der Einführung der „freien Liebe“ als Gesetz zur Regelung des geschlechtlichen Umganges die flüchtigen Verbindungen von Mann und Weib bessere Nachzucht liefern würden, als die Ehe. Diese Kinder würden in großen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so daß die Mütter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des Arbeiterheeres widmen könnten.“

„Wie gemein!“ rief ich. „Alle menschlichen Einrichtungen, die Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf die Berechnung gründen, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die jungen „Zweihänder“ hundertweise aufzufüttern, obschon bei der Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig Prozent größer wäre.“

„Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den Kommunisten,“ sagte Forest. „Der Grundstein, auf welchem der Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie können die Forderung, daß die Arbeitsergebnisse gleichmäßig geteilt werden sollen, nur mit der Behauptung rechtfertigen, daß wir alle gleich sind, und wenn wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Häusern von verschiedener Größe und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmäßig kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind, dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mädchens, als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mädchen einen ebenso guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, — dadurch kostbare Augenblicke vertrödelnd, welche der Gesamtheit gehören und zum Kartoffelschälen nützlich verwendet werden könnten. — Die Radikalen sind die allein waschechten Kommunisten.“