„Es kann doch nicht wohl jedes Mädchen alle Männer lieben und heiraten; ebenso wenig wie jeder Mann alle Mädchen lieben und heiraten kann,“ warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten scheußlichen Grundsätze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen ließ.
„Unsere radikalen Weltbeglücker sind bis jetzt nicht imstande gewesen, es mir ganz klar zu machen, wie sie die „freie Liebe“ regeln wollen, falls von einer Regelung derselben überhaupt die Rede sein kann,“ antwortete Herr Forest. „Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit, diese Frage völlig zu beleuchten, durch den Umstand erklärt, daß die Weltbeglücker untereinander noch nicht klar darüber sind, wie frei die „freie Liebe“ sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden, wie die Neigung der beiden füreinander währt. Die wahrhaft aufgeklärten und folgerichtig denkenden Kommunisten können aber eine dauernde Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie sich dahin einigen, daß man sich täglich neu begattet und, damit beide Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Männern an jedem Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht aus Höflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten für den Fall zu vermeiden, daß eine Anzahl von Menschheitsbeglückern dasselbe Mädchen wählt, oder daß mehrere Jungfrauen und Frauen denselben Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die Reihenfolge „auskegeln“. Auch durch Skatspiel oder Würfeln läßt sich die Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!“
„Ich kann mir nicht vorstellen,“ sagte ich, „wie Männer, welche das freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen möchten, solche viehische Lebensgrundsätze entwerfen und dieselben als fortschrittlich der Menschheit empfehlen können. Das Schicksal der Frauen würde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundsätze jemals den Sieg erringen sollten. „Freie Liebe“ müßte die Stellung der Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht geben würde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen aber wäre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Müttern entrissen und andern Menschen anvertraut werden sollte.“
„Ich würde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen die Menschheit geführt wurde,“ entgegnete Forest, „wenn die Pflege und die erste Erziehung der Kinder ihren Müttern entrissen werden sollte. Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mögen, können für ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche das Elternherz erfüllen. Die Gefühle, welche Mann und Frau, sowie die Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurückfallen an dem Tage, an welchem die Familie zerstört, die Mutter vom Kinde und der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden Einfluß, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der beständige Austausch aller Gedanken und Gefühle den Beziehungen beider Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten Eigenschaften aller Menschen können wir zurückverfolgen zu ihrer Quelle: der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mütter in ihrem Bestreben, die geliebten Kinder zu guten und tüchtigen Menschen zu erziehen. Fast alle großen Männer hatten gute Mütter. Nichts auf Erden kann dem Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts könnte die Menschheit für den wohlthätigen Einfluß entschädigen, welchen die Mütter auf die heranwachsenden Geschlechter ausüben.“
„Glauben Sie, daß Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um die Mütter entthronen und die Ehe abschaffen zu können?“ fragte ich mit einiger Neugierde.
Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine Äußerung, welche ich bisher von ihm gehört hatte.
„Die Radikalen mögen sich erheben und die jetzige Regierung niederwerfen; sie mögen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und für dessen Verteidigung keine großen Anstrengungen machen werden. Aber unsere radikalen Weltverbesserer würden sehr unangenehme Überraschungen erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Löwin um ihre Kleinen kämpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm opfern möchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern, der aber bis zum Tode kämpfen würde, ehe er sich von dem Weibe seines Herzens trennen ließe. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Höchste, was Gott dem Manne gewähren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch seine Adern rollt.“