Achtes Kapitel.

Als ich Herrn Forest nach unserer letzten Unterredung verlassen hatte, war ich teils durch seine Auseinandersetzungen, teils durch meine eigenen Wahrnehmungen überzeugt worden, daß der Kommunismus nicht, wie Dr. Leete behauptete, das tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit herbeigeführt, sondern im Gegenteil die Menschheit in vielen Beziehungen erniedrigt hatte.

Es war mir klar, daß ich mit Dr. Leete offen über den Wechsel meiner Ansichten sprechen und meine Stellung als Professor im Shawmut-College aufgeben mußte, ohne Rücksicht auf die jedenfalls unausbleiblichen übeln Folgen.

Dr. Leete hatte mich mit großer Güte behandelt. Ich war überzeugt, daß mein liebenswürdiger Gastfreund mir auch dann seine Freundschaft geschenkt haben würde, wenn ich mich nicht gleich vom Anbeginn für den Kommunismus begeistert hätte. Er würde andere Ansichten sicherlich geduldet haben, wenn ich nur die Regierung nicht offen bekämpft hätte. Vielleicht hätte er sogar in meine Verbindung mit Edith gewilligt. Ganz anders lagen aber die Verhältnisse jetzt. Der Wechsel meiner Ansichten mußte für Dr. Leete im höchsten Grade unangenehm werden. Er hatte mich als einen Mann empfohlen, der sich besonders zum Nachfolger Forests als Professor der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts eigne. Meine Ernennung war lediglich eine Folge seiner Empfehlung und mein Abfall vom Kommunismus mußte notwendigerweise das Ansehen schädigen, dessen Dr. Leete sich bisher erfreute. Es war mir nicht zweifelhaft, daß mein Gastfreund das tief empfinden würde. Mein plötzlicher Meinungswechsel in Bezug auf die Gesellschaftsordnung war ja nur eine Folge meiner Unkenntnis volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher Lehren und Erfahrungen. Nichts destoweniger mußte mein Abfall mir in der Leete’schen Familie und in den politischen Kreisen außerordentlich schaden. War man nicht gezwungen, mich für einen oberflächlichen, faden und undankbaren Menschen zu halten, der sich nicht nur in wenigen Wochen aus einem begeisterten Anhänger der Gütergemeinschaft in einen entschiedenen Gegner dieser Lehre verwandelt, sondern durch sein Verhalten auch seinen wohlwollenden Freund in eine sehr peinliche Lage gebracht hatte?

Und was mußte Edith von meinem Gesinnungswechsel und von meinem Rücktritt aus der Professur denken? Sie liebte und verehrte ihren Vater. Würde ihre junge Neigung zu mir sich in diesem schweren Kampfe lebenskräftig zeigen? Meine blinde Begeisterung für die neue Ordnung der Dinge war von der Regierungspresse dem ganzen Lande verkündet worden. Man hatte besonderes Gewicht darauf gelegt, daß gerade ich, ein lebender Zeuge der früheren Gesellschaftsordnung, ein fanatischer Anhänger des Kommunismus geworden wäre. Mein Abfall von dieser Lehre, gleich nachdem ich mit ihr und den Folgen ihrer Durchführung näher vertraut geworden war, versetzte die Presse der Regierung in eine sehr peinliche, fast komische Lage. Es war vorauszusehen, daß man mich als einen grundsatzlosen Demagogen, vielleicht sogar als einen gefährlichen Schurken behandeln würde. Ich mußte natürlich erwarten, daß man mich in die zweite Abteilung eines dritten Grades stecken und mir die denkbar unangenehmste Arbeit zuerteilen würde; — wenn man mich nicht gar in ein Tollhaus brachte. Konnte ich noch daran denken, Edith Leete, welche im Hause ihres angesehenen Vaters wie eine Blume in einem wohlgepflegten Garten aufgewachsen war, aufzufordern, das Schicksal eines Mannes zu teilen, der von den Menschen entweder als ein flachköpfiger Schwätzer oder als ein grundsatzloser Heuchler angesehen werden mußte, für den eine Stellung in der zweiten Abteilung des dritten Grades eigentlich noch viel zu gut war?

Die Furcht, Ediths Liebe zu verlieren, drängte eine Zeitlang alle meine andern Gedanken in den Hintergrund; denn in Edith Leete liebte ich Edith Bartlett und die Vorstellung, daß Edith sich von mir abwenden könnte, legte sich wie ein Alp auf mein Herz. Niemals in meinem Leben hatte ich mich so hoffnungslos elend gefühlt, wie auf meinem Wege zum Hause des Dr. Leete nach meiner letzten Unterredung mit Herrn Forest.

Einen Augenblick erwog ich den Gedanken, meinem elenden, aussichtslosen Dasein mit eigener Hand ein Ende zu machen; dann aber entschloß ich mich, mein Schicksal wie ein Mann zu tragen. So schritt ich denn Dr. Leetes Hause zu, entschlossen, meine Freunde nicht zu täuschen und meine Schuldigkeit als Mann von Ehre zu thun.

Ich fand Dr. Leete, der sonst immer freundlich und gefaßt erschien, in aufgeregter Stimmung. Er blickte sorgenvoll und drohend zugleich drein. Ehe ich ihn anreden konnte, blieb er auf dem Wege durch das Zimmer vor mir stehen und sagte:

„Ich habe die glaubwürdige Nachricht erhalten, daß unser gemeinschaftlicher Freund Fest einen Aufstand der Radikalen veranlassen möchte. Während der letzten Tage haben mehrere geheime Versammlungen stattgefunden und ich weiß, [daß] Fest die Absicht hat, den Anfang hier in Boston zu machen.“

„Wie wollen Sie sein Vorhaben vereiteln?“ fragte ich. „Wollen Sie die Bürger aufrufen und die Verschwörer verhaften lassen? Ich stehe jedenfalls zu Ihren Diensten,“ fügte ich hinzu, sehr froh, meinem Gastfreunde wenigstens gegen die Radikalen dienstwillig sein zu können. Denn ich verabscheute deren Lehren noch mehr als deren Führer.