Die Kandare hat nachstehend beschriebene mechanische Wirkung (Fig. 9): Den Ruhepunkt des Hebels bildet das Auge (b), welcher durch die Kinnkette (d b) fixiert wird, weshalb man die letztere den Fixator der Kandare nennt. Das Mundstück (a) ist der Druckpunkt, der die Last anhebt, und in c liegt die Kraft, welche dorthin durch die Zügel von der Faust des Reiters aus geleitet wird. Der Oberbaum (a b) ist der kurze, der Unterbaum (a c) der lange Hebelarm. Der Unterkiefer (f) ist die zu bewegende Last, und in d liegt der Stützpunkt. Die größere oder geringere Wirkung liegt demnach in dem Verhältnis des Unterbaumes zum Oberbaum, also in der größeren oder geringeren Länge des ersteren, soweit nur die Hebelwirkung in Betracht gezogen werden kann. Eine fernere Verschärfung der Wirkung liegt nämlich in der Form des Mundstücks und der Kinnkette, weil dieselben nicht nur Druck- und Stützpunkt bilden, sondern schmerzhaft auf die sehr empfindungsreichen Teile des Pferdemauls, auf denen sie ruhen, wirken. Wir werden später noch einmal auf diesen Punkt zurückzukommen haben.

Wenn beide Hebelarme gleich lang gemacht werden, so hat man nur eine indirekte Trensenwirkung. Wenn man den oberen Hebelarm ganz kurz macht und den unteren unverhältnismäßig lang, so entsteht ebenfalls ein Mißverhältnis. Der obere Hebelarm gibt demnach immer das Verhältnis für die Länge des unteren, welcher ersterer wieder die Höhe des Unterkiefers haben muß, wenn die Kandare nicht durchfallen soll, und da dieser gewöhnlich 5 cm hoch ist, so wird die Länge des Oberbaumes – bis zum Kinnkettenhaken gerechnet – ebensoviel betragen müssen. Bei den meisten Kandaren (z. B. bei der Kavallerie) ist das Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum 1 : 2, was schon ziemlich scharf wirkt.

Fig. 10.Fig. 11.Fig. 12.
StrotzendeDurchfallendeRichtig liegende Kandare.

Das unrichtige Einlegen der Kinnkette in bezug auf ihre Länge gibt Veranlassung zu zwei Hauptfehlern, nämlich dem Strotzen und dem Durchfallen der Kandare. In ersterem Falle, wo die Kinnkette zu fest eingelegt ist, bleibt die Kandare beim Zügelanzug parallel mit der Maulspalte stehen, wodurch ihre Wirkung zu scharf und unvermittelt das Pferdemaul beeinflußt und daher das Pferd schwer belästigt wird (Fig. 10). Der Zügelwinkel (b) wird sehr spitz und um so spitzer, je höher das Pferd die Nase nimmt. Eine ebenfalls falsche Wirkung findet im anderen Falle statt, wenn die Kandare durchfällt (Fig. 11). Dies tritt ein, wenn entweder die Kinnkette zu locker eingelegt ist oder der Oberbaum nicht im richtigen Verhältnis zur Höhe der Laden steht, – zu kurz ist. Hierbei geht der Unterbaum beim Zügelanzug so weit zurück, daß der Zügelwinkel (b) sehr stumpf wird, wodurch die Hebelwirkung ganz verloren geht, da der Druck des Mundstücks nicht mehr gegen den Unterkiefer, sondern gegen den Maulwinkel wirkt, infolgedessen das Pferd nur gebremst und ihm das Kinn einfach abgequetscht wird. Richtig gezäumt ist das Pferd, wenn beim Zügelanzug die Kandare mit der Maulspalte einen Winkel von 30 bis 35 Grad bildet, denn nur dadurch wird die Kandare in das rechte Verhältnis zur Faust gesetzt, daß der entstehende Zügelwinkel (b) ein rechter Winkel ist, der als Norm für eine korrekte Zäumung dient (Fig. 12). Beim Nachgeben fällt die Kandare wieder in ihre ursprüngliche Lage, parallel zur Maulspalte, zurück. Der Hauptfehler der Zäumung mit der Kinnkette ist der, daß sich Druck- und Stützpunkt des Hebels gegenüberliegen, wodurch sie für das Pferd zu einer Eisenpresse der stärksten Art wird, welcher es, nicht auf Grund der oben angeführten mangelhaften Hebelwirkung, sondern infolge des unerträglichen Schmerzes, der ihm durch das Einklemmen des Kinnes zwischen Mundstück und Kinnkette bereitet wird, schließlich gehorcht, – manchmal aber auch nicht.

Es beruht danach der Unterschied zwischen einer scharfen oder leichten Zäumung:

1. In dem Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum.

2. In der Konstruktion des Mundstücks.

3. In der Wirkung der länger oder kürzer eingelegten, breiteren oder schmaleren Kinnkette. Je schmaler diese ist, um so mehr schneidet sie in die Kinnkettengrube ein, dieselbe wund machend, so daß zu dem Schmerz im Maul des Pferdes auch noch dieser äußere kommt, der ihm unbeabsichtigt bereitet wird und den man deshalb mit der »falschen Wirkung der Kinnkette« bezeichnet. Je kürzer diese liegt, um so direkter wird jeder Anzug der Zügel auf die Laden wirken. Es ist deshalb anzuraten, eine breite doppelte Panzerkette zu wählen, solche eventuell auch noch mit Leder oder Gummi auszupolstern und darauf zu achten, daß dieselbe, gut eingedreht, so locker liegt, daß man bei nicht angezogenen Zügeln drei Finger hinter dieselbe durchstecken kann, ohne daß dabei der Oberbaum zurückgezogen wird. – Ich habe die Kinnkette zuerst besprochen, um ein für allemal damit fertig zu sein. Mich befriedigt ihre Wirkung nicht, sie ist und bleibt in der Hand nicht firmer Reiter oder Reiterinnen, besonders solcher, welche sich am Zügel festhalten wollen, ein Marterinstrument.

Die Form des Unterbaums ist ganz gleichgültig in bezug auf die Wirkung, sei derselbe nun gerade, nach vorwärts oder rückwärts gebogen, sobald der Endpunkt, also der Zügelring, wieder in die Richtung des Oberbaums, in die Perpendikularlinie fällt.