Ein Richten des Unterbaums vor oder hinter die Perpendikularlinie würde nur bei gewissen Halsbildungen die Dressur unterstützen können, doch würde es zu weit führen, dies hier ausführlich zu erörtern.
| Fig. 13. Richtig auf dem Unterkiefer ruhende Kandare. | Fig. 14. Unterkiefer-Durchschnitt mit Kandare. |
Wir kommen damit zur Besprechung der Konstruktion des Mundstücks. Unter Zugrundelegung meines Grundsatzes, daß die Laden des Pferdes bei nicht ganz tadelloser Zügelführung möglichst vor unmotivierter Schmerzerzeugung zu schützen sind, bildet die Zunge selbst ein Mittel, dieselben vor zu heftigem Druck der Kandare zu schützen. Fleischig, knochenlos, nicht zu empfindlich, ruht die Zunge in dem durch die Laden gebildeten Zungenkanal, denselben zu beiden Seiten überragend, und kann sich infolge ihrer Beweglichkeit beim Nachlassen der Zügel leicht von der Impression des Gebisses und der teilweise gehemmten Blutzirkulation erholen; sie bildet somit gleichsam ein Polster für die Laden gegen den Druck des Mundstücks. Man kann sich die Verschiedenheit der Wirkung auf Laden oder Zunge leicht dadurch zur Anschauung bringen, daß man sich z. B. mit einem Stock fest auf den Oberschenkel und dann auf das Schienbein drückt. Die Knochen, die den Unterkiefer bilden, haben eine ebenso scharfe obere Kante, wie das Schienbein, weshalb sich die Reiterin den Schmerz des Pferdes daselbst bei starkem Zügelanzug einigermaßen vergegenwärtigen kann. Das erste Erfordernis für das Mundstück wäre demnach der Fortfall der Zungenfreiheit. In diese soll sich der Theorie nach beim Zügelanzug die Zunge hineinpressen, damit der Druck der Ballen direkt auf die Laden geht. Daß dies aber unmöglich ist und außerdem auch noch zu anderen Unzuträglichkeiten führt, werden wir gleich sehen. Der Zungenkanal des Reitpferdes ist 2-2½ cm breit, die Zunge 4-5 cm. Wie wir an den Fig. 13 und 14 sehen können, welche erstere eine richtig im Maul auf dem Unterkiefer liegende Kandare darstellt (die innere punktierte Linie ist die Zunge), die andere den Durchschnitt eines Unterkiefers mit darauf ruhender Kandare darstellt, würde dieselbe nur richtig im Maul liegen, wenn die Ballen auf den Kanten der Laden ruhen. Die Zungenfreiheit darf daher nicht so breit sein, daß sie über die Laden hinübergreift, wie es in Wirklichkeit so oft vorkommt, da dadurch ein sehr schmerzhafter meist einseitiger Druck durch die Winkel der Zungenfreiheit auf die Laden erzeugt wird; die Zungenfreiheit muß demnach mindestens 1 cm schmäler sein, als der Zungenkanal, nach den angegebenen Maßen also 1-1½ cm betragen. Wie soll sich nun die 4-5 cm breite Zunge da hineinpressen können? Das wird als Beweis genügen, daß die Zungenfreiheit ein Unding und zu beseitigen ist, abgesehen davon, daß sie, wie bereits angeführt, bei den so oft vorkommenden Verschiebungen einseitig drückt, also erst recht falsch wirkt. Das Mundstück wird nur richtig wirken, wenn es dem Bau des Maules gemäß eine geringe Biegung nach oben und vorwärts und in der Mitte eine Einsenkung für die Zunge hat (Fig. 15). Die Ballen müssen dabei recht stark und inwendig hohl sein, damit sie, gleichzeitig spezifisch leicht, möglichst viel Fläche auf die Laden bringen. Das Gegenteil davon, ein dünnes Mundstück mit Zungenfreiheit, eventuell noch mit einer scharfen Kante versehen, würde eine sehr scharfe Zäumung darstellen. Ist es nötig, die Zäumung zu verschärfen, so geschehe es durch Vermehrung der Hebelwirkung, also durch Verlängerung der Unterbäume, aber nicht durch eine Steigerung des Schmerzes im Maul. Ein schmerzhaft gezäumtes Pferd kann nur durch eine vortreffliche Reiterin geritten werden.
| Fig. 15. Kandare mit Stahlrohr-Mundstück. | Fig. 16. Der Pelham. |
Das Mundstück muß so breit sein, daß es von jeder Seite des Maules ca. ½ cm heraustritt und die Lefzen nicht zusammendrückt.
Schließlich gibt es noch gebrochene und doppelt gebrochene Mundstücke, welche die Schärfe der festen Mundstücke aufheben oder wenigstens mildern sollen. Ich liebe sie nicht, weil der Druckpunkt, auf welchem der ganze Mechanismus basiert, erschüttert ist. Des ferneren soll die Zunge dadurch entlastet werden, dafür kneifen aber die Ballen im Verein mit der Kinnkette um so mehr um das Kinn herum, und schließlich wollen wir die Zunge ja gar nicht entlasten. Man nennt ein solches Mundstück, an dem sich gewöhnliche Stangen befinden, eine gebrochene Kandare; befindet sich an demselben in der Höhe des Mundstückes noch ein großer Ring zum Einschnallen des Trensenzügels, einen Pelham (Fig. 16), welcher ohne Unterlegetrense geritten wird.
Bei einer Kandare, die für die meisten Pferdemäuler und die meisten Fäuste passen soll, ist die Starrheit der Zäumung zu vermeiden, damit das Pferd möglichst viel Freiheit genießt und mit dem Gebiß spielen kann, weil es dadurch ein frisches Maul behält. Diesem Zwecke dient ein locker sitzender Ring statt des Stuhlloches, wie ihn z. B. die Schreckensteinsche Kandare führt.
Zum Einhängen der Kinnkette bediene man sich der von Troschkeschen Kinnkettenhaken, die so gerichtet sind, daß die Unterlegetrense sich nicht in dieselben einhaken kann, was bei den sogenannten Federhaken öfters vorkommt.