IV. Abschnitt.
Die Grundregeln der Damenreitkunst.

Gefühl ist alles;

Name ist Schall und Rauch!

1. Über Schwerpunkt, Gleichgewicht, Aufrichtung und Beizäumung.

Ich darf voraussetzen, daß jede Dame, welche das Reiten erlernen will, mehr Ansprüche an dasselbe macht, als sich willenlos von einer »Kuh« umhertragen zu lassen. Ich möchte daher bitten, dieses kurze Kapitel mit den mysteriösen Ausdrücken am Kopfe nicht zu überschlagen, da dasselbe sie – wenn auch in skizzenhaftester Weise – mit den Grundregeln der Pferdedressur bekannt macht. Sie wird durch die Kenntnis dieses Themas ihr Pferd beurteilen können und beherrschen lernen. Die Dame muß diese technischen Ausdrücke schon aus dem Grunde verstehen lernen, weil dieselben in den folgenden Kapiteln immer wieder zur Anwendung gelangen. –

Die erste Dressur, welche jedes Pferd erhalten muß, noch bevor es praktisch in den Gebrauch genommen wird, die zu seiner Konservierung dient und seine Führung erleichtert, ist das »ins Gleichgewicht setzen« desselben. Betrachtet man ein stehendes Pferd, so wird man finden, daß die Vorhand durch den vorgestreckten Hals mit dem Kopf bereits von der Natur belastet ist, und zwar wirkt diese Last um so schwerer, je mehr der Hals nach vorn geneigt ist. Die Unterstützung dieser Last geschieht durch die senkrecht gestellten Vorderbeine, und nur die durch den Oberarm und das Schulterblatt gebildete Winkelung, sowie die des Fessels zum Röhrbein läßt vermöge ihrer federnden Bewegung die durch den Auftritt noch schwerer wirkende Last erträglicher erscheinen. Das Hinterteil dagegen, ohne jegliche Belastung, wird von drei federnden Winkeln gebildet, dem oberen durch das Darmbein und das Oberschenkelbein, dem mittleren durch das Unterschenkel- und Schienbein und endlich wieder dem untersten durch das Schienbein mit dem Fessel (vergl. Fig. 6). Diese Anhäufung federnder, d. h. bald weiter, bald spitzer werdenden Winkel der Hinterhand, nennt man die Hanken. Um nun ein Pferd für den Reitdienst brauchbarer, widerstandsfähiger gegen Anstrengungen zu machen, ist es nötig, den beim rohen Pferde zwischen den Vorderbeinen liegenden Schwerpunkt mehr nach rückwärts zu verlegen, um auf diese Weise die schwächere Vorhand zu entlasten und die stärkere Hinterhand dazu mit heranzuziehen. Es geschieht dies durch die Aufrichtung des Halses und durch das Biegen der Hanken, also die Verkleinerung der dieselben bildenden Winkel. Wir sprechen vom natürlichen Gleichgewicht, wenn der Schwerpunkt, wie schon vom rohen Pferde gesagt, zwischen den Vorderbeinen, vom mittleren, wenn er unter der Mittelhand, und vom künstlichen, wenn er zwischen den Hinterbeinen ruht. Je mehr der Schwerpunkt also nach rückwärts verlegt bezw. die Vorhand durch Biegen und Unterschieben der hinteren Extremitäten entlastet wird, um so mehr wird das Pferd in Haltung, um so schöner wird seine Hälsung, um so freier und ausdauernder sein Gangwerk sein. Pferde, welche sich infolge einer derartigen geschickten Ausbildung ohne Zwangsmittel so zu tragen vermögen, stehen gut am Zügel und sind gehorsam, während roh in den Gebrauch genommene oder falsch dressierte Pferde die Hanken steifen, auf der Vorhand gehen und demgemäß im Gebiß ihren Stützpunkt suchen, folglich auch infolge der mangelnden Federkraft der Hanken die Schiebkraft ihres Hinterteils nicht zur vollen Geltung bringen können. Daraus geht die Notwendigkeit hervor, das Pferd, bevor es in den Dienst genommen wird, nicht nur ins Gleichgewicht zu setzen, sondern es auch demnächst durch geschickte Handhabung unter dem Sattel so zu behandeln, daß es darin erhalten wird, denn nur derartig vorbereitete Pferde können den Anforderungen besonders als Damenpferde in bezug auf Eleganz des Aussehens, Mühelosigkeit der Handhabung und Leistungsfähigkeit entsprechen.

Hat man ein Reitpferd nach den angeführten Prinzipien derartig ausgebildet, so wird es sich auch beizäumen. Unter Beizäumung verstehen wir, wenn das Pferd mit Vertrauen an das Mundstück herangeht und darauf kaut, so daß der Hals aufgerichtet und die Nase herangestellt, beigezäumt erscheint. Eine derartige gute Anlehnung kann eintreten, wenn die Naturanlage des Verhältnisses der Vorhand zur Hinterhand, die Stellung der Halswirbel zueinander und die Form des Genickes und der Ganaschen günstig sind, und ein gutes Temperament und eine geschickte Dressur die Naturanlagen unterstützt. Man erstrebt, daß bei aufwärtsgestelltem und im dritten Halswirbel gebogenem Hals die Stirn des Pferdes annähernd senkrecht zum Boden steht. Das wird selbstverständlich nicht immer zu erreichen sein, da nicht alle Pferde den zu dieser Stellung erforderlichen Bau besitzen. –

Diese Ausführungen waren notwendig, um das Folgende verständlich zu machen.

2. Vom Reitergefühl.

Ehe Sie, verehrte Leserin, auf das Pferd steigen, um sich diesem edlen Tiere auf Gnade und Ungnade – die ersten Male wird das wohl zutreffen – anzuvertrauen, gestatten Sie mir noch einen kleinen Vortrag, der das Motto erklärt, welches ich diesem Abschnitt vorangesetzt habe. Sie sollen dabei nichts anderes lernen, als was auch jeder Herr wissen muß, der ein Reiter werden will. Da Reiten aber Gefühlssache ist, so wird das bei einer Dame noch viel ostensiver zum Ausdruck gelangen, auch technisch gelangen müssen, weil der ungünstigere Reitsitz der Dame noch viel größere Anforderungen an das »Reitergefühl« stellt, als der beim Herrn.