Ist auch die Unterhaltung mit dem Pferde durch Worte, die Verständigung durch die Augensprache, der Ausdruck des Wohlwollens und der Zufriedenheit durch Loben, des Mißfallens durch Strafen nicht zu unterschätzen, so bleibt doch die wichtigste, zwar stumme aber doch so verständliche Unterhaltung zwischen Reiter und Pferd die Aussprache durch das Gefühl. Sie ist es, die schließlich zum wechselseitigen Verständnis führt. Gefühl hat ja jeder lebende Körper. Es äußert sich nicht nur darin, daß man etwas äußerlich empfindet, wie z. B. das Gewicht eines zu tragenden Tornisters oder, wie beim Pferde, eines Menschen, oder eine Berührung mit Hand, Schenkel und Gebiß, sondern auch in einem gewissen Vorgefühl, das Kommendes ahnen läßt. Letzterer Zustand ist aber schon nicht mehr rein körperlich, sondern zum teil Überlegung, Schlußfolgerung, also Sache des Verstandes. Indem das körperliche Gefühl einen gewissen Eindruck aufnimmt, kommt dieser sofort auf dem Nerven- und Muskelwege zum Ausdruck im Gehirn, und dieses zieht Schlüsse auf das, was der berührende andere Körper vor hat. So ist z. B. das Erhalten des Gleichgewichtes zwischen der Reiterin und dem Pferde, wodurch das erste Verständnis zwischen beiden herbeigeführt wird, Sache des Gefühls. Jedes empfindet, fühlt die dem seinigen widerstrebenden oder sich ihm anpassenden Bewegungen des anderen Körpers; beide bestrebt im Gleichgewicht miteinander zu bleiben, soll die eine nicht herunter-, das andere nicht hinfallen, folgen den Anregungen des Gefühls und suchen, sich unwillkürlich einander anzupassen. In beide Körper hat die Natur die natürlichen Kräfte gelegt, die sie ohne Hilfe eines dritten, gewissermaßen von selbst, zur Übereinstimmung in ihnen führen und später diese erhalten. Deshalb führt viel mehr das natürliche Gefühl, das Bestreben nach Ausgleich, als unverstandene und kaum zu befolgende Verhaltungsregeln, zum ersten gemeinsamen Gleichgewicht der beiden Körper. Reiten, d. h. auf dem Pferde zu bleiben, lernt man nur durch Reiten. Je freier, ungezwungener, je losgelassener der Körper gehalten wird, je weniger die Zügel zum Festhalten gebraucht werden, desto früher wird der Ausgleich stattfinden. Sind die Bewegungen beider Körper übereinstimmende geworden, dann wird nun wiederum das Gefühl jede drohende oder bereits eingetretene Nichtübereinstimmung anzeigen, und die Reiterin wird ihr vorzubeugen vermögen.

Nun kann sich das Gefühl zweier Körper nur in Berührung derselben äußern. Die Teile, welche in die innigste Gemeinschaft miteinander treten, werden selbstverständlich das Gefühl am unmittelbarsten aufnehmen und übermitteln. Da aber sowohl die Reiterin wie das Pferd für sich einzeln ein völlig zusammenhängendes Ganze darstellen, so wird sich das irgendwo unmittelbar aufgenommene Gefühl mittelbar auch auf die übrigen Teile übertragen. Bei zwei lebenden Wesen, von denen das eine, das Pferd, das andere, den Menschen trägt, werden natürlich die durch den Vorgang des Tragens am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Teile sich gegenseitig am innigsten berühren.

Der Rücken des Pferdes nimmt die Reiterin auf, deren Gesäß und Schenkel sie mit dem Pferde verbinden. Zwischen den Händen der Reiterin und dem Maul des Pferdes findet eine Verbindung durch die Zügel statt. Die ganze Mittelpositur der Reiterin, die von den Hüften bis zu den Knieen reicht, der linke Unterschenkel und die Hände übermitteln also das Gefühl. Durch die Bewegungen des Pferdes wird aber der ganze Körper der Reiterin mit in Bewegung gesetzt, und somit sind alle seine Teile an der Empfindung der Bewegung des Pferdekörpers, dem Gefühl für sie, beteiligt. Selbstverständlich fühlt auch das Pferd das Gewicht der Reiterin, das sich auf seinem Rücken nun unmittelbar äußert, nicht nur mit diesem, sondern weil der Rücken von seinen Stützen, den Beinen, getragen wird, auch mit diesen. Auch die Hände der Reiterin äußern schon, wenn sie mit den Zügeln nur untätig hingestellt werden, ihren Einfluß auf das Maul, weil das Pferd in seiner Beweglichkeit die untätigen Zügelwirkungen als tätige empfindet. Der Longiergurt und die Verbindezügel sind an sich völlig untätig, und doch üben sie auf das bewegliche Pferd einen bestimmenden Einfluß aus. Wieviel mehr werden die Hilfen tun, welche in irgend einer Art tätig sind. Das Pferd legt durch sein Maul Gewicht in die Hände der Reiterin, diese durch sie Gewicht in das Pferdemaul. Je beweglicher beide sind, desto mehr werden die Gewichte empfunden werden.

Weil das Pferd den Einfluß des Gewichtes der Reiterin auf jedem seiner Beine fühlt, wird auch umgekehrt die Reiterin mit der Zeit jede besondere Bewegung der einzelnen Gliedmaßen des Pferdes fühlen. Diese Eigenschaft des Reitergefühls ist sehr wichtig bei allen Gangarten und muß sorgfältig ausgebildet und verfeinert werden. Sie ist Voraussetzung für die richtige und rechtzeitige Anwendung der Schenkel- und darum auch der anderen Hilfen. Fühlt nun das Pferd die beabsichtigten Einwirkungen des Reitergewichtes, die aus einem guten, geregelten Sitz heraus ausgeübt werden, so fühlt es nicht nur diese, sondern einfach alle, also auch die unbeabsichtigten, ungeschickten, unwillkürlichen. Sie sind es, die das Einvernehmen des Pferdes mit einer schwachen, ungeschickten Reiterin stören. Aber auch eine sehr geschickte Reiterin wird oft in die Lage kommen, unwillkürlich falsch zu belasten, und das um so mehr, je unebener der Boden ist, auf dem sich das Pferd bewegt. Daher sind solche falsche Belastungen oft von sehr unangenehmen Einfluß. Sie können nicht nur den Gehorsam in Frage stellen, sondern auch die Gliedmaßen des Pferdes angreifen. Zu ihrer Vermeidung gehört ein äußerst feines Gefühl, das nur durch sehr viel Übung erlangt werden kann. Das Reitergewicht wird also von allen Teilen des Pferdes empfunden und muß sowohl dessen Haltung im Stehen, viel mehr aber noch in der Bewegung beeinflussen. Die Bewegungen des Pferdes aber sind es, die der Reiterin eine besondere Haltung zu Pferde vorschreiben, wenn sie mit ihm im Gleichgewicht bleiben will und wenn das Gefühl hinüber und herüber richtig übermitteln soll.

Eine richtig sitzende, mit dem Pferde im Gleichgewicht befindliche Reiterin wird imstande sein, den Eingebungen des Gefühls sofort zu folgen. Fühlt sie etwas, dann tritt sofort die Überlegung ein, was zu tun ist, und die gefühlvolle Reiterin weiß dem sofort durch ihre Hilfen Ausdruck zu geben. Manche Ungezogenheit des Pferdes fühlt die Reiterin im voraus und kann sie im Werden ersticken oder ihr vorbeugen. So wohltätig ist die Kraft des Gefühls.

3. Vom Sitz der Dame auf dem Damensattel.

Reiten kann man erst, wenn man auf dem Damensattel gut, richtig sitzen gelernt hat. Das ist nicht so einfach, – und es sind drei Punkte, welche dabei zur Erörterung gelangen müssen.

1. Warum ist ein guter Reitsitz durchaus erforderlich?

2. Worin besteht derselbe?

3. Wie erlangt man denselben?