Ein guter Reitsitz ist, wie auch schon aus dem vorigen Kapitel ersichtlich, erforderlich, weil derselbe der Reiterin das Gefühl der Sicherheit verleiht, mit welchem sie sich auf dem Pferde bewegt und ohne welches eine gute Reiterin gar nicht gedacht werden kann, – denn eine ängstliche Reiterin kann niemals eine gute werden.
So abhängig eine Dame auch relativ von ihrem Pferde ist, – auch der Reiter ist das – so unabhängig muß sie sich von demselben fühlen. Das Pferd muß ihr nur Mittel zum Zweck sein, sie muß es gleichsam nur mit den Gedanken leiten. Gewiß ist dafür auch ein relativ zuverlässiges Pferd erforderlich – absolut sichere gibt es nicht, denn das Pferd ist immer nur ein Tier, und von der sonstigen Beschaffenheit des Damenpferdes haben wir bereits gesprochen.
Dieses Gefühl der absoluten Sicherheit soll die Dame in allen Situationen haben, welche beim Reiten eintreten, sowohl bei den regulären – also z. B. bei allen Gangarten, die sie reitet, vom Schritt bis zur Karriere, beim Sprung, beim Jagdreiten, bei Tage und bei Nacht, bei Sonnenschein, Regen, Hagel und Gewitter – letztere beiden Eventualitäten sind allerdings schon bedenklicher – aber auch bei ungewöhnlichen Situationen, die beim Reiten jeden Augenblick eintreten können und auf die sie vorbereitet sein muß, z. B. beim Scheuen, Steigen, Bocken, Durchgehen des Pferdes, beim Verlieren des Bügels, Lockerwerden oder Reißen des Gurtes oder Zügels, ja selbst noch beim Stürzen usw. Das Gefühl ihres Könnens als Folge ihres guten Reitsitzes werden sie im gegebenen Augenblick die Haupteigenschaften der Reiterin – Ruhe, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart – nicht im Stich lassen. Im Augenblick einer außergewöhnlichen Situation den Kopf verloren – und alles ist verloren.
»Es will mir recht unsinnig erscheinen,« sagt Anna Bracket im »Rider and Driver« u. a., »wenn eine Dame ihren Seitsitz im Damensattel aus dem einzigen Grunde, daß der Herrensitz sicherer sei, aufgeben wollte. Solange ihr Kniehorn vorhält und sie ihre Kaltblütigkeit behält, ist es bei einem gewöhnlichen Ereignis fast unmöglich, daß sie aus dem Sattel geworfen wird, während sie aus einem Männersattel, in welchem sie sich nur durch Anklammern der Beine festhalten kann, viel leichter ihren Sitz verliert.
Indessen ist es für sie von ungeheurem Vorteil, wenn sie abwechselnd auf beiden Seiten ihres Pferdes zu reiten in der Lage ist. Wenn sie sich einen sogenannten Linkssattel beschaffen kann, so soll sie stets einmal rechts, einmal links reiten. Sie sollte dies nicht nur zu ihrem Vergnügen, welches ihr dieses Verfahren ohne Zweifel verschaffen wird, tun, sondern besonders im Interesse ihres Pferdes. So gut sie auch zu reiten vermag, sie kann es nicht verhindern, daß die Seite des Pferdes, auf welcher sich die beiden Beine befinden, etwas stärker belastet wird. Diese stärkere einseitige Belastung des Pferdes führt aber vielfach zu Druckschäden, welche um so gefährlicher sind, je mehr sie dem Widerrist nahe liegen. Die Damen lernen daher am besten auf beiden Seiten des Pferdes reiten. Bei heranwachsenden Mädchen ist dieses Verfahren wegen der wenn auch sehr geringen Verdrehung des Körpers, die der Reitsitz mit sich bringt, sogar geboten. Aber auch die erwachsene Dame wird ein großes körperliches Wohlbehagen durch die Inanspruchnahme der am Tage vorher nicht gebrauchten Muskeln empfinden. Diese gleichmäßige Übung der Muskellagen beider Seiten wird sich übrigens auch in einem elastischeren, stolzeren Gange und einem viel graziöserem Reitsitz bemerkbar machen.«
James Fillis allerdings, der berühmte Reitmeister, befürwortet diese Reitmethode nicht. Er sagt in seinen »Principes de Dressage et d'Équitation«, daß – unter einem guten Lehrer – die nach links gesetzte Reiterin (weit entfernt, ihr Rückgrat aus seiner Lage zu bringen) an Anmut und Geschmeidigkeit nur gewinnen kann. »Fahren wir doch fort, die Reiterin nur auf ein und derselben Seite reiten zu lassen und zwar auf der linken. Sonst müßte man ihr ja die Peitsche in die linke Hand geben, welche doch weniger bestimmt und geschickt ist. Das wäre eine grobe Unzuträglichkeit, da doch gerade die Peitsche den fehlenden Schenkel ersetzen soll.«
Der Reitsitz der Dame muß – um damit auf die zweite Frage überzugehen – aufrecht, gerade und geschlossen sein.
Fig. 33.
Der gute und der schlechte Reitsitz.
Um aufrecht zu sitzen, darf man sich weder vorwärts noch rückwärts lehnen. Jeder Anwesende, in erster Linie natürlich der Reitlehrer oder ihr Kavalier, kann der Dame sagen, ob sie aufrecht sitzt, und wenn sie so sitzt, kann sie lange ohne Ermüdung reiten. Anfangs wird sie wegen des ungewohnten Sitzes und der ungewohnten Körperhaltung dieses nur schwer selbst bestimmen können. Es ist aber von höchster Wichtigkeit, daß ihr der aufrechte Sitz von Anfang an zur Gewohnheit wird. Und dieser aufrechte Sitz – also ganz perpendikulär zum Pferderücken – muß so eingenommen werden, daß die Perpendikulärlinie auch genau auf die Wirbelsäule des Pferdes fällt, daß also die Dame auf der Mitte des Sattels sitzt, und nicht etwa seitwärts und nicht an derselben hängt. (Fig. 33 der gute und der schlechte Reitsitz.) Ein solcher falscher Reitsitz führt in erster Linie zur Beschädigung des Pferdes durch Satteldruck. Ebensowenig dürfen sich die Schultern der Dame aus der Frontlinie hinaus verschieben, zu welchem Fehler die führende Zügelhand leicht Veranlassung gibt.