Sitz und Zügelführung müssen vollständig unabhängig voneinander sein.
Um geschlossen zu sitzen, muß sich die Dame mit den Muskeln des einen Schenkels allein an den Sattel halten, denn das andere Bein kommt mit demselben gar nicht in Berührung. Allerdings kann diese Kunst erst allmählich erlernt werden. Ich kannte einst eine junge Dame auf dem Lande, welche keinen Damensattel besaß und auf der englischen Pritsche im Seitsitz ritt. Ich bin oft mit derselben geritten, in jeder Gangart – das rechte Bein hatte sie über den Sattelknopf gelegt – und habe sie bewundert, mit welcher Sicherheit, ja Grazie sie auf dem Pferde saß und dasselbe führte. Sicher erfordert das eine sehr große Übung der Muskeln und ein außerordentlich feines Gefühl für das Gleichgewicht. Eine sehr gute Übung besteht darin, sich auf die Kante eines Geländers, einer Barriere oder dergleichen zu setzen, das eine Bein herabhängen zu lassen und sich mit den Muskeln des anderen Schenkels festzuhalten. Das wird dieselben stärken und sie gewissermaßen lehren, was sie zu tun haben, anstatt, wie auf dem Stuhl, einfach im Sattel zu ruhen. Des Ferneren ist es außerordentlich wichtig, daß die Ferse des im Steigbügel ruhenden Fußes gegen den Boden gedrückt wird. Dann nimmt das Bein seine richtige Lage von selbst an. Die Zehen des anderen, hängenden Fußes werden dagegen nach unten gedrückt.
Der schon mehrfach zitierte Reitmeister James Fillis sagt vom Reitsitz der Dame: »Die Reiterin soll – abgesehen von den Beinen – genau so zu Pferde sitzen, wie der Reiter. Die Schultern und die ganze Haltung des Oberkörpers sollen parallel zu den Pferdeohren sein. Das ist aber nicht möglich, wenn nicht auch die Hüften diese Stellung einnehmen – also ist es die Stellung der Hüften, von welcher die ganze Haltung der Reiterin abhängt. Indem beide Beine nach links liegen, umfaßt das rechte Bein die Gabel und liegt höher und weiter noch als das linke. Dieses wieder lehnt sich leicht mit dem Teil des Beines über dem Knie an die linke Gabel. Der Fuß ruht im Bügel. Aus dieser Lage der Beine ergibt sich, daß die Reiterin eine ganz erklärliche Neigung dazu hat, fast das ganze Körpergewicht nach der rechten Seite hin zu verlegen, während die linke fast nichts zu tragen hat, und hieraus folgt wieder, daß die linke Hälfte gegen die rechte zurücktritt – und das muß vermieden werden. Das Körpergewicht muß auf beiden Seiten des Pferdes gleichmäßig verteilt sein – die Reiterin muß auf ihrem Sattel genau so sitzen, wie auf einem Stuhle – die Hüften und Schultern parallel den Pferdeohren. Es ist das ein Haupterfordernis für die Sicherheit.
Selten ist eine Reiterin nach links aus dem Sattel geworfen, denn auf dieser Seite findet sie Halt an der Gabel und im Notfall am Bügel. Die ganze Gefahr, heruntergeworfen zu werden, liegt rechts und ist um so mehr vorhanden, je mehr die linke Schulter gegen die rechte zurücksteht. Das, was der Reiterin die Sicherheit gibt, verleiht ihr gleichzeitig die elegante Haltung. Sie braucht mithin nicht zu besorgen, die eine etwa der anderen aufopfern zu müssen.«
Dies sind nur wenige Fingerzeige für den Damensitz im Sattel, und wir werden demnächst sehen, auf welche Weise er spielend gelernt werden kann, wenn man, um damit zur Beantwortung der dritten Frage überzugehen, das Reitsystem des Grafen Dénès Széchényi dabei zur Anwendung bringt. Ist erst ein wirklich guter Sitz erreicht, dann kann die Reiterin der Zügelführung bezw. ihrem Pferde Aufmerksamkeit schenken. Ohne einen guten Sitz wird sie aber niemals wirklich reiten können.
Unter der Zugrundelegung des schon mehrfach ausgesprochenen Grundsatzes, daß Sitz und Zügelführung gänzlich unabhängig voneinander sein müssen, wenn man gut reiten lernen will, führt die genannte Reitmethode des Grafen Széchényi am leichtesten und schnellsten zum Ziele. Ich will dieselbe hier kurz beschreiben, indem ich dabei bemerke, daß sie von gleichem Werte für Herren wie für Damen und für Kinder ist.
Die Methode besteht in Ballwerfen zu Pferde und in systematischem und frühen Barrierespringen.
Die Zügel werden erst in die Hand genommen, wenn der Sitz durch die angeführten Übungen zu einem vollkommen sicheren geworden ist, so daß die Zügel in der Folge nur zur Führung des Pferdes, nicht aber zum Festhalten, wie üblich, gebraucht werden.
Zur Erreichung dieses Zweckes bedient man sich eines auf einem Zirkel an der Longe gehenden Pferdes, dessen Zügel eingeschnallt sind. Das Ballwerfen hat den Zweck, den Oberkörper biegsam und geschmeidig, unabhängig von den Bewegungen des Pferdes und von den später die Zügel führenden Armen zu machen, während die Mittelpositur des Körpers von den Hüften bis zu den Knieen unentwegt in der Perpendikularlinie auf dem Sattel bleiben müssen. Der herabfallende Ball, welcher nach rechts und nach links, nach vorn und nach hinten fällt, zwingt den Oberkörper, zum Wiederauffangen desselben seiner Richtung zu folgen, wodurch eine stete Verlegung des Schwerpunkts und folgerichtig eine enorme Sicherheit des Sitzes entsteht. Die Dame eignet sich dadurch gleichsam mechanisch in ca. vier Wochen den unabhängigen Sitz und die Balance an, zu deren gründlicher Erlernung sonst Jahre gehören.
Das Barrierespringen dient dem gleichen Zwecke. Hat beim Ballwerfen der Körper der Reiterin seine Haltung verändert, während das Pferd in gleichmäßiger Bewegung blieb, so ist es hier umgekehrt. Der Körper lernt den Sitz behalten, indes das Pferd eine heftigere und sozusagen anormale Bewegung macht. Nach kurzer Übung kann auch hierbei wieder Ball geworfen werden, und durch dieses Zusammenwirken bildet sich eine solche Sicherheit des Sitzes aus, daß die Reiterin nach wenigen Lektionen sich bereits auf dem Pferde zuhause fühlen wird. Nicht zuletzt wird man finden, wie auf diese Weise auch das moralische Element gehoben wird, ohne welches doch alles Reiten nur ein Unding ist. Ist nun die Reiterin solchergestalt vorgebildet, dann bekommt sie die Zügel in die Hand und lernt ihr Pferd selbst führen, und ich glaube mit Bestimmtheit sagen zu dürfen, daß die Amazone nach solchen Vorstudien nur noch recht selten die Zügel als Regulatoren ihres Sitzes benutzen wird, und daß dementsprechend das Damenpferd stets ein frisches Maul behalten wird. Das ganze Geheimnis beruht eben in der Unabhängigkeit der Zügelführung vom Sitz.