Lassen wir uns an diesen kurzen Anführungen genügen, die auch der Anfängerin einleuchten müssen, – die praktische Anwendung werden wir später kennen lernen.

Gleichzeitig aber sei hier noch angeführt, daß für diese Lektionen ein Pferd vorhanden sein muß, welches tadellos das Gehen an der Longe auf dem Zirkel gewohnt ist, und welches auch die Kommandos für die betreffenden Gangarten kennt. Der Herr, welcher der Dame den Reitunterricht erteilt, muß daher, falls er nach dieser sehr empfehlenswerten Methode unterrichtet, das Pferd vorher dafür dressieren, was einem zum Damenpferd bestimmten Tiere sehr nützlich ist und was seitens desselben auch in sehr kurzer Zeit erlernt wird.

Der gute Reitsitz dient aber nicht allein zur Sicherung der Dame in allen Gangarten und bei allerhand Zufällen, sondern er ist das wichtigste Hilfsmittel, um das Pferd im Gehorsam und im Gleichgewicht zu erhalten. Ohne diese beiden Eigenschaften gibt es kein Damenpferd. Im guten Reitsitz, wie er beschrieben worden ist, vereinigt sich daher die Sicherheit der Reiterin mit der Beherrschung des Pferdes.

4. Von den Gewichtshilfen.

Wenn man unter »Hilfen« die tätigen Einwirkungen des Reiters bezw. der Reiterin auf den Pferdekörper, besser vielleicht -Mechanismus versteht, welche diesen in Gang setzen, regulieren und wieder zum Stillstand bringen, so stehen bei der Dame besonders, welcher der tätige zweite Schenkel fehlt, allen anderen Hilfen die Gewichtshilfen voran, ohne welche eine zweckdienliche Wirkung der anderen, welche wir später kennen lernen werden, gar nicht gedacht werden kann. Sie sind eben Vorbedingungen für die Herbeiführung und Erhaltung des Gleichgewichts, ohne welches gemeinsame, regelmäßige Bewegungen nicht ausgeführt werden können. Geschickte Reiterinnen können ein Pferd lediglich durch Gewichtshilfen zum Antreten, Anhalten und Wenden veranlassen. Diese Hilfen äußern sich naturgemäß durch das Gesäß und die Mittelpositur der Reiterin auf deren Unterstützungsfläche auf dem Pferdekörper. Die Einwirkungen der Mittelpositur (von den Hüften bis zum Knie) können nun aktiv oder passiv sein. Im ersteren Falle äußern sie sich in verschärftem Belasten, also vermehrtem Einsitzen und Fühlenlassen des Gesäßes in Richtung des Geworfenwerdens durch das Pferd im Gleichgewicht, oder in seitlichen Verlegungen des Reiterkörpers. Im anderen Falle geht die Mittelpositur ruhig im Gleichgewicht mit dem Pferde mit, d. h. sie fällt bei jedem Tritt wieder auf den Schwerpunkt zurück, von welchem sie durch die Bewegung des vorhergehenden soeben erhoben wurde. Das nennt man »Mitgehen mit dem Pferde«. Fällt die Mittelpositur immer hinter den gemeinsamen Schwerpunkt zwischen Reiter und Pferd, dann ist doch ein Aufrechterhalten des Gleichgewichtes unmöglich. Der Mangel an Mitgehen mit dem Pferde sorgt am meisten dafür, daß die unfolgsamen Pferde nicht aussterben.

Der linke Unterschenkel und die Reitpeitsche, drückend auf der rechten Seite des Pferdes angewendet, können nur in Verbindung mit Gewichtshilfen richtig vorschiebend wirken, so wie die Zügel nur im Verein mit ihnen den Kopf herbeistellen und dadurch die Vorhand beeinflussen können. Die treibende Wirkung des Gesäßes spielt stets eine hervorragende Rolle, namentlich aber in allen den Fällen, in denen ein Pferd das Vorwärtsgehen verweigert. Darum hat jede Reiterin ihre Aufmerksamkeit vor allem der Haltung der Mittelpositur zuzuwenden.

Nun kann auch eine Seite des Gesäßes mehr belastend wirken als die andere, ohne daß sie ihre Lage auf dem Rücken verändert. Der Oberkörper der Reiterin ist dabei wesentlich in Anschlag zu bringen. Je senkrechter sie nämlich auf den Hüften ruht, desto belastender wirkt sie senkrecht nach unten. Je mehr sie sich nach vorn neigt, desto mehr verliert das Gesäß an Treib- und Belastungskraft; je mehr sie das Kreuz über den Hüften anzieht und das Gesäß dem gemeinsamen Schwerpunkt zuschiebt, desto treibender wirkt ihr Körpergewicht. Ein Zurücksetzen im Sattel bedeutet vermehrte Belastung der Hinterhand. Je mehr der Körper nach einer der Seiten geneigt wird, desto größer wird seine Wirkung auf die Gesamtunterstützungsfläche der Mittelpositur. Diese muß der Bewegung des Oberkörpers folgen. Wird der Oberkörper mit der rechten Hüfte nach rechts geneigt, dann wird die rechte Seite des Pferderückens mehr belastet, knickt aber der Oberkörper über der rechten Hüfte ein, dann geht die Mittelpositur nach links, um das Gleichgewicht herzustellen. Während also im ersten Falle eine Mehrbelastung der rechten Pferdeseite stattfindet, ist das im andern nicht der Fall. Verschieben sich beide Gesäßknochen nach links, dann ist der Oberkörper ebenfalls genötigt, sich über der rechten Hüfte nach links zu neigen. Auch ist es ein Fehler, mit dem Gesäß eine Wendung zu machen, so daß der eine Gesäßknochen mehr zurückliegt als der andere, denn dann wird die Bewegung der Hinterbeine unregelmäßig gefühlt, sie werden ebenso belastet. Eine Belastung der rechten Seite erfolgt nur dann, wenn der rechte Gesäßknochen schärfer aufzuliegen kommt, während gleichzeitig der Oberkörper, ohne über der Hüfte einzuknicken, auch nach rechts vermehrt belastet. Diese richtige Gewichtsverlegung ist sehr wichtig bei allen Wendungen und Seitengängen, so wichtig, daß eine unbestimmte oder ungeschickte seitliche Gewichtsverlegung sehr oft eine Wendung zu hindern vermag. Befördert nämlich die richtige Gewichtsverlegung der Reiterin nach einer Seite die Verlegung des Pferdeschwerpunktes nach dieser Seite und bereitet eine Wendung vor, so wird die entgegengesetzte Belastung die Wendung hindern oder mindestens erschweren. Selbst viele gut gerittene Pferde verweigern mit der Zeit das Wenden, wenn es fortgesetzt so falsch eingeleitet wird.

Mancher von den hier ausgesprochenen Grundsätzen wird allerdings der Anfängerin erst verständlich werden, wenn sie auch das übrige gelesen hat, noch mehr, wenn sie von ihrem Reitlehrer auf dem Pferde darauf aufmerksam gemacht wird. Ein gut gerittenes Pferd wird sich diesen Hilfen willig fügen, und die Reiterin wird es angenehm empfinden – notabene wenn sie das richtige »Reitergefühl« hat – wie leicht und ohne Anstrengung man das Pferd nach seinem Willen lenkt und führt.

5. Von der Zügelführung und -Wirkung.

Es ist bereits mehrfach betont worden, daß der Reitsitz vollständig unabhängig von der Zügelführung sein müßte. Wir haben den ersteren kennen gelernt, und wenden uns nun der letzteren zu.