Der Gegensatz dazu, nämlich das Pferd zu fest zu halten, entsteht einerseits aus zu schwerer Faust, andererseits aus Ängstlichkeit der Reiterin. Darauf basiert ein großer Teil der Unarten des Pferdes, Hartmäuligkeit, Kopfschlagen etc., bei Pferden mit schwacher Hinterhand und weichem Maule Steigen und Überschlagen. Endlich ist auch die unruhige Faust noch zu erwähnen. Bei den schnelleren Gangarten, Trab, Galopp und Karriere, wo die Sicherheit des Sitzes erst erprobt werden soll, kommt die Stetigkeit der Hand am meisten zur Geltung, denn wenn die Hand dabei, jedem Stoß der Gangart folgend, wie ein Schmiedehammer auf- und niederfährt oder sich hin- und herschleudern läßt, so muß das feine Gefühl des Pferdemaules verloren gehen, muß ein unruhiger, ungleichmäßiger Gang zum Vorschein kommen, der weder schön noch angenehm, aber oft gefährlich ist. Deshalb kann nicht oft genug wiederholt werden: Weiche, stetige Führung, ruhiger Sitz und weiches Annehmen und Nachgeben erhalten das Pferd in Gefühl und Gehorsam.
6. Behandlung des Pferdes unter dem Sattel.
Wenn Sie, meine Damen, angenehm und ohne Ärger mit Ihrem Pferde reiten wollen, so behandeln Sie dasselbe nicht als ihren Untergebenen, sondern als Ihren Freund. Finden Sie sich durch Entgegenkommen bei seinen Eigentümlichkeiten mit ihm ab.
Von besonderem Einfluß auf das Pferd ist die Stimme, deshalb sprechen Sie zu ihm, wenn Sie reiten, je nach dem Anlaß lobend, warnend, beruhigend, tadelnd oder energisch. Das Ohrenspiel des Pferdes wird Sie belehren, wie alles wohl gehört und auch verstanden wird. Jede rohe Behandlung ist zu vermeiden, keine wilden Hetzen, keine harte Bestrafung durch Peitsche oder Sporn, wenn nicht eine ganz außergewöhnliche Unart sie bedingt – am allerwenigsten darf ein Rucken und Reißen im Maule mit der Kandare stattfinden.
In erster Linie sollte sich jede Reiterin angelegen sein lassen, die Eigentümlichkeiten ihres Pferdes, dessen Charakter und Temperament zu studieren und kennen zu lernen, sie wird dann am ehesten den »Vergleich« mit ihm abschließen können, wie sie am besten mit ihm auskommt. Im allgemeinen wird sie ihr Tier meist zu allem willig finden, was sie von ihm verlangt, wenn es nicht der Natur oder den Kräften desselben zuwiderläuft, sie wird mit ihm dahin gelangen, wohin sie will – was ja das Endziel und der Zweck des Reitens ist –, sie wird auch die Gangarten durchsetzen, die sie wünscht, aber dann hat sie dem Pferde auch Gegenleistungen und Konzessionen zu machen. – Wir sehen, daß in einem gewissen Stadium des Fehlens der Selbstbeherrschung auch das Pferd darunter zu leiden hat, obgleich es, wenigstens häufig, gänzlich unschuldig an dem Unwillen der Reiterin ist. Dadurch aber schadet sich diese mehr, als sie glaubt, denn in dem gleichen Maße wie sie wird auch ihr Pferd nervös und – unbequem werden. Nur gleichmäßige, ruhige Behandlung kann ein bequemes Pferd schaffen. Die angehende Reiterin kann weder den Grund irgend einer ihr unbequemen Angewohnheit des Pferdes beurteilen, noch rationelle Mittel dagegen anwenden, beides aber ist unerläßlich zur Abstellung des Übels, wenn nicht durch die angewendeten falschen, oft auch nur unvollkommen zum Ausdruck gelangenden Mittel eine neue Unbequemlichkeit, wenn nicht Schlimmeres hervorgerufen werden soll. Die Dame begnüge sich, aufmerksam, denkend zu reiten, um ihr Pferd und dessen eventuelle Unarten kennen zu lernen, dann wird sie auch bald dazu gelangen, denselben vorbeugen zu können, bevor sie zur Ausführung gelangt sind. Wie schon angeführt, suche die Dame stets nur ein Pferd ohne besondere Eigentümlichkeiten zu erwerben und es dann durch Fleiß und Aufmerksamkeit, durch Achten auf sich selbst und ihre eigenen Eigentümlichkeiten auf demselben Standpunkt zu erhalten.
Das Pferd ist zwar im allgemeinen kein mit hervorragenden Verstandesgaben ausgezeichnetes Geschöpf, immerhin darf man aber an seine Leistungsfähigkeit in körperlicher wie geistiger Beziehung schon ganz beträchtliche Anforderungen stellen. Vermöge seines vorzüglichen Gedächtnisses empfindet es Abneigung und Zuneigung sowohl mit bezug auf den Menschen, wie auf gewisse Handlungen, hat ein feines Verständnis für seine Behandlung und weiß sein Benehmen danach einzurichten.
Das erste Erfordernis ist demnach, das Pferd gut zu behandeln, und ängstlich zu vermeiden, ihm ohne Veranlassung einen Schmerz zuzufügen. Ein solcher darf, wenn man sich ein williges und gehorsames Pferd erhalten will, nur als Strafverfahren zur Anwendung gelangen, wenn andere Mittel erschöpft sind. Ungeschick und Ungeduld, letztere oft ein Ausfluß der Stimmung der Reiterin, machen das Pferd oft widersetzlich und schließlich unreitbar. Die Reiterin wird daher gut tun, nicht alles nur dem Pferde zuzuschreiben, was ihr an ihm unbequem ist, sondern sie hat sich zu prüfen, ob sie nicht selbst die Veranlassung dazu war. Wo eine wirkliche Ungezogenheit auftritt, die nicht aus Furcht vor äußeren Eindrücken hervorgerufen wurde, soll und muß energisch mit Sporn und Peitsche gestraft werden.
Am sichersten wird stets diejenige Dame reiten, welche es versteht, mit dem Pferde in einem Gleichgewicht und in einer Schwere zu verharren, was durch ein Eingehen auf jede Bewegung des Pferdes und ein Fortgehen mit demselben ermöglicht wird. Das Festhalten des Gesäßes auf dem Sattel ist dabei von besonderer Wichtigkeit, denn es vermittelt die Gefühlsverbindung zwischen Pferd und Reiterin. Zwischen diesen beiden Faktoren findet nämlich eine fortwährende Gefühlsäußerung und Gefühlsübertragung, gewissermaßen ein Hin- und Hertelegraphieren von Empfindungen statt, welche in den beiderseitigen Gehirnen auslaufen und daselbst in dem einen die Vorstellungen von der jeweiligen Willensmeinung des anderen hervorrufen, auf welche dann die Entschließung zur Befolgung oder Nichtbefolgung des jenseitigen Willens eintritt. Die erste Bedingung, welche die Reiterin zu erfüllen hat, wenn sie Herrin ihres Pferdes bleiben will, ist selbstverständlich die, daß sie stets mit ihm zu einem Ganzen verbunden bleibt, also unter allen Verhältnissen festsitzt. Der ruhige Sitz und die Erhaltung des Gleichgewichts bei jeder Bewegung des Pferdes geben der Reiterin erst die wahre Beherrschung des letzteren, indem sie ihr die Herrschaft über das kräftige Hinterteil und somit über das ganze Pferd sichern.
Wie im übrigen der Sitz der Dame zu Pferde sein soll, hat bereits seine Besprechung gefunden.
Unerläßlich ist ferner die weiche, stetige Führung des Pferdes. Dasselbe kann nur dann auf alle Hilfen, welche die Willensmeinung der Reiterin darstellen, reagieren, wenn es so am Zügel steht, daß die kleinste Handbewegung der Zügelfaust genügt, den Willen der Reiterin dem Pferde verständlich zu machen und diesen zur Ausführung gelangen zu lassen. Je mehr es der letzteren gelingt, durch die Unabhängigkeit ihres Sitzes von der Zügelführung dem Pferde jeden unmotivierten Ruck und Druck im Maule zu ersparen, um so eher wird es geneigt sein, allen Anforderungen zu entsprechen. Die Weichheit und Stetigkeit der Hand liegt in der Federkraft des Gelenkes. Daran scheitern nicht nur viele Reiter, sondern auch manche Damen, denn die Weichheit der Hand ist gleichsam angeboren, sie kann aber auch erlernt werden, wenn der sichere Sitz bereits gewonnen ist, bevor die Zügelführung geübt wird. Es ist ebenso unrichtig, die Zügel mit eiserner Faust zu halten, d. h. die Pferde mit ganz starker An- resp. Auflehnung zu reiten, wie im Gegensatz dazu das Reiten »ohne Zügel«, da die Anfängerin sehr oft glaubt, daß sie sich ehestens eine weiche Hand aneignet, wenn sie ihr Pferd mit hängenden Zügeln reitet. Erziehen sich jene die sogenannten Durchgänger (da das Pferd müde wird, den ewigen schmerzhaften Druck auf die Laden zu ertragen), so geht bei der letzteren Art und Weise die andressierte Haltung des Pferdes und damit das Gleichgewicht verloren. In der weichen Zügelführung auf der Basis sicheren, von der Zügelführung unabhängigen Sitzes beruht das Geheimnis der Reitkunst, sowohl bei den Herren wie bei den Damen. Jede Abnormität, jede Unsicherheit des Sitzes setzt sich durch die Zügel auf das Maul des Pferdes fort, verursacht diesem Schmerz und gibt dadurch Veranlassung zu irgend welchen Unzuträglichkeiten. Daß in bezug auf sicheren Sitz die Damen auf dem Damensattel den Männern gegenüber im Vorteil sind, dürfte einleuchtend sein, und das ist einer von den Hauptpunkten, warum ich gegen den Herrensitz der Damen plaidiere, welcher außerdem noch wegen des für diesen Zweck ungünstigen Körperbaues der Damen noch unsicherer ist, wie der der Herren.