Soll die Zügelführung normal sein, so dürfen die Zügel nur so fest anstehen, daß das Pferd ihre Wirkung fühlt, ohne sich auf das Gebiß fest aufzulehnen. Die ungefähr 15 cm vom Leibe aufgestellte Zügelfaust muß dabei notgedrungen eine fortwährende, vom Leibe nach dem Halse des Pferdes gerichtete federnde Bewegung machen und den willkürlichen wie unwillkürlichen Bewegungen des Pferdekopfes folgen, um sofort sanft wieder in die Grundstellung zurückzukehren. Die Regelmäßigkeit dieser Bewegung wird zur »stetigen Hand«, zu welcher das Pferd bald Zutrauen gewinnt.

Aus alledem ersehen Sie, schöne Leserin, daß das Reiten doch nicht ganz so einfach ist, wie Sie es sich vielleicht gedacht haben. Wählen Sie den Damensattel, so werden Sie sehr bald – sagen wir etwa in drei Wochen – zu einem leidlich sicheren Sitz mit ein wenig Reitergefühl gelangen können, – wählen Sie den Herrensitz, so werden kaum zwei Jahre ausreichen, um ein wirkliches Gefühl der Sicherheit auf dem Pferde zu erringen, ja vielleicht werden Sie es nie empfinden. Glauben Sie, daß es bei den Herren anders ist? Es gibt grade genug, denen man mit tiefer Überzeugung einen Damensattel empfehlen möchte – leider gibt es aber keine »Kavaliere«, welche auf diesen Ratschlag eingehen würden.

V. Abschnitt.
Praktische Reitkunde.

1. Vorbereitungen.

Wenn Sie, schöne Leserin, nunmehr mit sich einig geworden sind, daß nach allem, was hier ausgesprochen ist, der Damenreitsitz für Sie noch gewiß der praktischste und – ästhetischste ist, so treffen Sie Ihre Vorbereitungen. Wählen Sie Ihren Reitlehrer, studieren Sie, bitte, bitte, dieses Buch – Sie dürfen auch ein anderes nehmen, ich bin nicht eifersüchtig – recht eingehend, damit Sie in den Geist der Reitkunst ein wenig eindringen, – geben Sie Ihre Toilette in Auftrag. Für die einsamen Lektionen in der Bahn wird sich wohl vorläufig etwas aus Vorhandenem zusammenstoppeln lassen – und ziehen Sie es an. Vergessen Sie auch das notwendige neue, feste Arrangement des Haares nicht und setzen Sie den für die Bahn bestimmten Hut auf. Es braucht kein Zylinder zu sein, vielleicht ein steifer Filzhut, wie ihn die Herren tragen. Sie müssen sich einmal erst zu Fuß an alle diese Neuerungen gewöhnen, damit Sie zu Pferde davon nicht verwirrt werden. Sodann leihen Sie sich einen Damensattel und ein Kopfzeug aus. Den Sattel schnallen Sie auf irgend einem Bock fest – aber ja recht fest, – die Kandare befestigen Sie etwa 1 Meter vor demselben, so daß Sie die Zügel bequem handhaben können.

Nun rate ich Ihnen, einige Tage lang auf Viertelstunden in den Sattel zu steigen, um Ihren Körper an die Haltung auf demselben zu gewöhnen, natürlich nachdem der Bügel passend eingeschnallt ist. Sie werden gleichzeitig dabei sehen, ob Ihr Ajustement auch zweckentsprechend ist, ob nichts drückt oder kneift, ob alles recht bequem ist. In die linke Hand werden Sie dabei die Zügel nehmen, in der Art, wie es im nächsten Kapitel Ihnen mitgeteilt werden wird, – auch würden Sie gut tun, vom Sattel aus mit ruhigem Unterkörper – der Oberkörper darf nach allen Seiten bewegt werden – Ball zu werfen, wobei natürlich die Hauptsache ist, den Ball wieder aufzufangen. Die Zügel werden während des Ballspiels selbstverständlich fortgelassen. Wenn Sie in dieser Weise Ihre praktischen Studien beginnen, werden Sie in ruhig fortschreitender Weise sich bald einen guten und sicheren Reitsitz ohne besondere Unbequemlichkeiten angewöhnt haben.

2. Das Handhaben der Zügel.

Die Dame reitet ihr gut gerittenes Pferd meist nur auf Kandare, wobei die Trensenzügel herunter hängen, doch können dieselben auch mit anstehen. Zu diesen beiden Zügelführungen wird nur die linke Hand verwendet. Wird der Trensenzügel mit angefaßt, wozu Veranlassung vorkommen kann, z. B. um dem Pferde im Maul etwas Luft zu geben und die Kinnenkette etwas außer Wirkung treten zu lassen, so gelangt auch die rechte Hand mit zur Verwendung.

Die Stangen- oder Kandarenzügel werden mit der linken Hand folgendermaßen gehalten (Fig. 35):

Der vierte Finger wird von oben zwischen den rechten und linken Stangenzügel a und b hineingeschoben, darauf der die beiden Zügel zusammenhaltende Schieber bis an den Finger herangebracht und das herabfallende Ende c über den Zeigefinger gelegt. Der Trensenzügel dd wird mit seiner Mitte flach ohne Spannung darüber gelegt und nun dieser sowohl, wie das übrige Ende des Stangenzügels mit dem Daumen auf dem untersten Gliede des Zeigefingers festgedrückt, nachdem die vorschriftsmäßige aufrechte Stellung der Faust angenommen worden ist. Ist ein Schieber nicht vorhanden, so zieht man die Stangenzügel mit der rechten Hand, sie am zusammengenähten Ende c erfassend, so weit durch, bis man glaubt, daß sie richtig und gleichmäßig anstehen. Die Zügel müssen so in der Hand liegen, daß sie auf den untersten Fingergliedern ruhen. Will man den Trensenzügel mit anfassen (Fig. 36), so erfaßt die rechte Hand den rechten Trensenzügel a, von oben mit den ersten drei Fingern hineingreifend, und zieht ihn durch die linke Hand soweit durch, bis der linke Trensenzügel a ansteht, worauf man den rechten ebensoweit verkürzt und nun beide Fäuste gegeneinander in Entfernung von Faustbreite stehen läßt. – Lehnt sich das Pferd in den schnelleren Gangarten so auf den Zügel auf, daß die linke Hand ermüdet, so nimmt man auch wohl die rechte Hand und legt sie leicht auf die linke Hand, wodurch man dieser die Führung erleichtert.