Das Damenpferd soll, unter der Annahme, daß sein Hals und sein Kopf korrekt stehen, tief geführt werden, d. h. so tief, als dies der hochliegende rechte Schenkel der Dame es zuläßt. Keinesfalls aber darf die die Zügel führende Hand aufliegen. Sie wird so gehalten, daß der Daumen, welcher die beiden Zügel festhält, oben liegt, die Knöchel nach vorn, die zur Faust geballten Fingerglieder gegen den Körper. Das kann nur erreicht werden, wenn das Handgelenk etwas konkav nach innen gebogen und der Ellenbogen im rechten Winkel gekrümmt leicht über der Hüfte liegt. Die führende Hand wird dann, wie etwa im vorigen Kapitel erwähnt, richtig etwa 10-15 cm vom Körper entfernt stehen. Diese äußerlich konkave Krümmung des Handgelenks ist von besonderer Wichtigkeit, sie allein erzeugt die federnde, stetige Hand. Nachgeben, annehmen, alles nur aus dem Handgelenk! Steht das Handgelenk grade zum Unterarm, so wird die nötige Federung vom Ellbogen ausgehen müssen, was leicht zu einer harten, unnachgiebigen Hand führt, und ist das Handgelenk nach außen gar konvex durchgebogen, so muß die Federung vom Schultergelenk ausgehen, während die Ellbogen abgespreizt werden. Die moderne Renn- und Jagdreiterei hat allerdings derartige Bilder gezeitigt, – ich möchte aber jede Reiterin bitten, bei der alten Schule zu bleiben und jene »Mode« nicht mitzumachen, die grade für eine Dame höchst unschön aussieht.
Fig. 35.
Die Führung des Kandarenzügels.
Fig. 36.
Die Führung der Zügel mit beiden Händen.
a. linker Trensenzügel, d. rechter Trensenzügel, b. rechter Kandarenzügel, c. linker Kandarenzügel, d. Ende des Kandarenzügels.
Wie die verschiedenen Stellungen der Hand auf das Pferdemaul wirken, ist bereits in dem Kapitel über die Zügelführung und -Wirkung gesagt worden. Alle diese Bewegungen müssen ruhig, weich, aber ausdrucksvoll gemacht werden, damit sie das Pferd versteht, dürfen aber niemals in ruckende oder reißende »Zügelhilfen« ausarten. Danach würde man durch Vorgehen mit der Hand dem Pferde Luft geben, um es entweder aus zu enger Zusammenstellung herauszubringen, oder um es – im Gange – etwas zu animieren. Ein gut gerittenes Pferd soll allerdings bei weicher Anlehnung an das Gebiß auch in der Zusammenstellung zu stärkerer Gangart auf Schenkelhilfen hin animiert werden können. Eine stärkere Krümmung des Handgelenkes nach innen schraubt das Pferd wieder in engere Zusammenstellung oder zwingt es zu mäßigerer Gangart bezw. zum Halten. Die Wirkung der schraubenförmigen Drehungen des Handgelenkes wird verstärkt durch Hereinnehmen oder Herausgeben des kleinen Fingers. Hat das Pferd der Zügelhilfe Folge gegeben, geht die Hand wieder in die ursprüngliche Stellung zurück.
Die Handstellungen der Hilfen für die Wendungen sind ziemlich kompliziert – ich sehe davon ab, sie hier näher zu beschreiben. Jedes gut gerittene Pferd wird in die Wendung treten, wenn die Reiterin die Gewichts-Hilfe (s. d.) dafür gibt, d. h. das Pferd auf derjenigen Seite mehr belastet, nach welcher sie wenden will, und dabei die Hand nach derselben (inneren) Seite verschiebt. Der innere Zügel verlängert sich dabei, während der äußere sich verkürzt. Diese konfuse Zügelhilfe hat aber keine irgend wie erklärbare Einwirkung auf das Pferd, die Hauptsache ist und bleibt die Gewichtsverlegung, welcher es folgt, während es auf die Zügelhilfe einfach dressiert ist. –
3. Die Hilfen.
Von den Hilfen, welche zur Leitung des Pferdes erforderlich sind, hat die Reiterin die Gewichtshilfen und die Zügelhilfen kennen gelernt. Dazu kämen in dritter Linie bei der Dame die Hilfen mit dem Schenkel und – auf der rechten Seite – mit der Reitpeitsche, welche letztere allerdings ziemlich unvollkommen, den rechten Schenkel des Reiters ersetzen muß. Ein gut dressiertes Pferd wird aber auch diesen Hilfen folgen, welche bei dem Reiten der Herren die vornehmsten sind, während ich sie beim Damenreiten erst in die dritte Linie stellen kann. Sie dienen dazu, das Pferd ans Gebiß und vorwärts zu treiben, und wirken deshalb entgegengesetzt den Zügelhilfen, welche das Pferd zurückhalten. Diese Hilfen bestehen in weichem Anlegen des linken Unterschenkels an die Rippen bis zum Gebrauch des Sporns oder Hackens, auf der rechten Seite unterstützt vom Anlegen der Reitpeitsche bis zum Klopfen mit derselben.
Ein gut dressiertes Damenpferd wird diesen Aufforderungen stets Folge leisten.