Da lachte der lange Heino auf, daß ihm unter dem blonden Schnurrbärtchen die weißen Zähne blitzten.
„In der Tat, manchmal weiß ich’s selbst nicht. Aber der vorliegende Fall ist recht lehrreich, denn er zeigt wieder einmal deutlich, wie inopportun es ist, weltbewegende Fragen mit hungrigem Magen zu behandeln. Sehen Sie mal“ — er griff nach dem auf dem Tische liegenden Menü — „wir essen heute Soupe Julienne, Zander à la Maître d’Hôtel, Hammelrücken à la Westmoreland, Butter und Käse oder eine Tasse Kaffee, je nach Wahl. Unser gewesener Herr Präsident aber muß sich drüben im Gasthof zum Kronprinzen mit einem zähen Beefsteak begnügen, denn dort gibt es keine Table d’hote! Glauben Sie, meine Herren, daß er das lange aushalten wird?“
„Jetzt aber mal zur Sache selbst,“ bemerkte einer der Steueramtsassistenten, „und Spaß beiseite. Darf ich fragen, wie Sie zu dem Antrage Kellmigkeit gestimmt hätten? Dafür oder dagegen?“
Heino von Bergkem sah den Fragenden fest an.
„Spaß beiseite, Herr Annuschat? Nun gut! Wir sind hier eine Gesellschaft von jungen Leuten, die der Zufall zusammengeweht hat, weil’s in diesem kleinen Nest nur einen einzigen Gasthof gibt, in dem man ohne allzu schwere Schädigung seiner Gesundheit zu Mittag essen kann. Außerdem beobachten wir beim gegenseitigen Zutrinken gewisse Gebräuche, und Beleidigungen fechten wir nicht mit dem Knüppel aus. Das ist an und für sich sehr schätzenswert, aber ich zweifle doch daran, ob es uns das Recht gibt, einen anständigen Menschen von vornherein von der Gesellschaft des hiesigen Städtchens zu diffamieren, nur weil er Jude ist, denn darauf, nicht wahr, würde der Antrag des Herrn Kellmigkeit doch im letzten Sinne hinauslaufen? Den Herrn Brenitz kennen wir alle nicht, aber aus der Tatsache, daß er zum königlich preußischen Referendar ernannt worden ist, scheint mir hervorzugehen, daß er nicht die Gepflogenheit besitzt, silberne Löffel zu stehlen, im Kartenspiel zu betrügen oder Wechsel zu fälschen. Alles übrige aber dürfte uns egal sein. Ich hätte also ... gegen den Antrag unseres Herrn Vorsitzenden gestimmt.“
„Ich nicht,“ sagte Herr Annuschat, „und ich glaube, meine Herren Kollegen ebenfalls nicht. Daß wir selbstverständlich voll und ganz auf dem Boden des Antisemitismus stehen, brauche ich wohl nicht erst besonders zu betonen. Ich mache Sie daher darauf aufmerksam, daß sich in unserer bisher so harmonischen Gesellschaft doch wohl eine Spaltung vollziehen dürfte, falls Sie auf Ihrem Standpunkte beharren.“
Heino machte ein betrübtes Gesicht.
„Wie beneide ich Sie, meine Herren, daß Sie in so jungen Jahren sich schon zu einer so festen Weltanschauung durchgerungen haben. Ich muß zu meiner Beschämung gestehen, ich hatte bisher dazu noch keine Zeit. Den zweiten Teil Ihrer werten Ausführungen aber habe ich nicht recht verstanden. Beabsichtigen Sie, unserem verehrten Herrn Präsidenten zu folgen und von jetzt an ebenfalls im Hotel zum Kronprinzen zu speisen?“
Herr Annuschat bekam einen roten Kopf und reckte den Hals aus dem Uniformkragen.
„Ich muß doch sagen .. ich muß doch sagen ..“