„Gott erbarm sich, zwölf Kisten! Wozu braucht ein Mensch bloß so viel Bücher?“

„Zum Lesen, Herr ... Herr ...“

„Kalinski,“ half der andere aus und griff unwillkürlich nach dem Zylinder, während er den Gepäckschein in Empfang nahm. Wer sich den Luxus gestattete, mit zwölf schweren Bücherkisten zu reisen, mußte entschieden aus gutem, wenn nicht gar wohlhabendem Hause stammen. Und überhaupt, der neue Referendarius sah gar nicht so jüdisch aus, wie er’s nach den, teilweise recht laut geführten Erörterungen der Tischgesellschaft Masovia eigentlich erwartet hatte. Eher nach einem jungen Oberlehrer sah er aus mit seinem blassen, feingeschnittenen Gesicht. Und ein Paar braune Augen hatte er, die trotz des störenden Kneifers recht freundlich und gutmütig dreinblickten.

Sie schritten selbander die schattige Allee entlang, die unter dichtbelaubten Linden vom Bahnhofe zum Städtchen führte. Herr Kalinski hob von Zeit zu Zeit die Hand, um seinen Begleiter auf besondere Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen: den hohen Schornstein der Brauerei und die erst im vorigen Jahre neuerbaute Feldscheune des Stadtverordnetenvorstehers Pielemann, des reichsten Ackerbürgers von Stradaunen.

Sein Begleiter hörte ihm freundlich zu, unterbrach ihn jedoch plötzlich mit der Frage, ob sich im Hotel de Russie schon sein Chauffeur gemeldet hätte.

Herr Kalinski blickte verwundert auf.

„Ein Schofföhr?“

„Ja, mit meinem Auto. Mein Arzt hat mir zwar empfohlen, hier recht viel zu Fuß zu laufen, aber ich habe mich doch entschlossen, meinen Wagen mitzunehmen. Ich will auch etwas von der weiteren Umgebung kennen lernen. Meiner Berechnung nach hätte er eigentlich heute früh hier sein müssen.“

Jetzt blieb Herr Kalinski stehen und schöpfte tief Atem. Ein Referendarius, der ein Auto besaß, war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen.

„Ein Au... Auto? Und e... entschuldigen Sie, Herr Brenitz, Sie si... sind wohl sehr reich?“